Oberessendorf (rei) - Am 7. März 1996 starb Maria Menz in Oberessendorf. In jenem Dorf, in dem sie gut 92 Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte. Die Bildschirmzeitung hat, beginnend am 19. Juni, in bisher sechs Folgen an das Leben der Lyrikerin, vor allem an die Lebensumstände im Geschwisterhaus in Oberessendorf, erinnert und konnte dabei auf Fotos von Hedy Baumgärtner aus Leutkirch zurückgreifen. Die 1941 geborene Fotografin hat Maria Menz ab 1988 immer wieder besucht. Aus einem vertrauensvollen Verhältnis heraus sind intime Fotos entstanden, vergleichbar den Aufnahmen des renommierten Oberschwaben-Dokumentaristen Rupert Leser (1933 – 2017).
Hier der Nachruf von Dr. Otto Beck, erschienen in der „Schwäbischen Zeitung“ in den Tagen nach dem 7. März (vermutlich Lokalausgaben Bad Waldsee und Biberach):
Literarisches Schaffen aus dem Glauben an Gott
Oberessendorf. Ein Vierteljahr vor ihrem 93. Geburtstag ist in Oberessendorf die oberschwäbische Lyrikerin Maria Menz gestorben. In den Tagen zuvor hatte sie noch Gedichte geschrieben.
Sie wohnte bis zuletzt in ihrem elterlichen Haus, einem Bauernhof unweit der Pfarrkirche. Dort war sie am 19. Juni 1903 zur Welt gekommen.* Gern hätte Maria Menz eine höhere Schule besucht und studiert. Da die Zeit dafür noch nicht reif war, und es auch die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht erlaubten, wählte sie einen sozialen Beruf und wurde Krankenschwester. Ihr Weg führte sie nach Wangen, Stuttgart, Berlin und Leipzig. Schon damals begann sie zu schreiben und fand früh ihren eigenen Stil. Während des Krieges kehrte sie wieder heim, half auf dem Hof, wurde krank und kam nicht mehr weg.
1967 vom Wangener Landrat Dr. Walter Münch zum literarischen Forum in die Allgäustadt geladen, trug sie erstmals öffentlich einige ihrer Gedichte vor und ließ aufhorchen. Martin Walser war hell begeistert und förderte sie von da an nach Kräften. In den folgenden beiden Jahren erschienen unter dem Titel „Innenwelt“ und „Anmutungen“ ihre ersten Lyrik-Bändchen. Auf ein weiteres Buch aus der Biberacher Verlagsdruckerei mit Mundartversen aus dem „Oberland“ (1979, 1985) folgte 1981 in Sigmaringen eine dreibändige Werkausgabe mit 614 sprachgewaltigen Gedichten, zu denen später zwei weitere Bände mit neuen Versen (1989) und Tiergeschichten (1993) kamen.
Ausgehend von heimatlichem Erleben hat es Maria Menz, die inzwischen auch mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg, dem Meersburger Droste-Preis und dem kirchlichen Orden „Pro Ecclesia et Pontifice“ ausgezeichnet worden war, in knapp drei Jahrzehnten zu ungeahnter Meisterschaft gebracht. Ihr tiefer, durch ein hartes Leben bewährter und gereifter Glaube an Gott ermutigte sie zu unbeirrbarem literarischem Schaffen.
Täglich saß die gesundheitlich schwer Angeschlagene an ihrem Stubentisch, ordnete die Manuskripte, schrieb – geistig nach wie vor hellwach – ihre inneren Erlebnisse nieder und setzte sich zunehmend auch mit dem Tod auseinander. Der hat ihr an diesem Donnerstag den Bleistift aus der Hand genommen. Ihrem Wunsch entsprechend ist sie nun in ihrem Haus aufgebahrt und wird Anfang nächster Woche auf dem nahen Friedhof zur letzten Ruhe gebettet werden.
Otto Beck

* Die fehlerhafte Angabe zum Geburtshaus hat sich in der Sekundärliteratur zu Maria Menz verfestigt. Auch Dr. Otto Beck – er war Pfarrer im benachbarten Otterswang und ein sehr guter Menz-Kenner, war auch persönlich mit ihr bekannt gewesen – erliegt in seinem Nachruf dieser Fehlerfortpflanzung. Lothar Menz, der Neffe von Maria, mit dem die Bildschirmzeitung bei der Zusammenstellung dieser Serie im Austausch war, erläuterte, dass Maria Menz am 19. Juni 1903 auf einem anderen Bauernhof in Oberessendorf geboren worden war. In Folge der wirtschaftlichen Verwerfungen nach dem Ersten Weltkrieg wechselten die Eltern dann auf den kleineren Hof von Mutters Seite; das Stüble (Altenteilerhaus) jenes zweiten Hofes ist das Geschwisterhaus, ist die Heimstatt der Dichterin.



Dank an Hedy Baumgärtner
Die Bildschirmzeitung dankt Hedy Baumgärtner für die Fotos zur Serie. Auch stammen die meisten Gedichtvorschläge von der Menz-Verehrerin aus Leutkirch.
Hedy Baumgärtner am Menz-Grab in Oberessendorf. Hier ruhen Maria, Josephine und Betha. Foto (6/2023): Lothar Menz
Hedy Baumgärtner (Jahrgang 1941), eine passionierte Fotografin, und ihre verstorbene Freundin Luitgard Vogl haben Maria Menz ab 1988 regelmäßig besucht. Hedy Baumgärtner durfte die Menz und ihr Umfeld fotografieren. Aus diesem Material schöpfte die Bildschirmzeitung und so konnten wir aus Anlass des 120. Geburtstages von Maria Menz die kleine Reihe auflegen, die am 19. Juni 2023, dem Geburtstag der Dichterin, begonnen wurde. Die Folgen 2 bis 7 erschienen in den Tagen danach.
Die Links zu den einzelnen Folgen
Werksverzeichnis laut Wikipedia
• Innenwelt. Gedichte. Mit einer Einführung von Wilhelm Gössmann. München 1968.
• Anmutungen. Gedichte. Nachwort von Josef W. Janker. Wangen 1969.
• Oberland: Schwäbische Gedichte. Mit sechs Bildern von Jakob Bräckle. Biberach 1979. 2., erw. Ausgabe mit 26 Bildern von Horst Reichle. Mit Schallplatte. Biberach 1985. ISBN 978-3-924489-32-8
• Gedichte. Gesamtausgabe in drei Bänden. Bd. 1: Gott Schale Schwelle. Bd. 2: Mensch, Welt, Natur. Bd. 3: Oberlendische Vers (!). Mit einem Beiheft von Martin Walser: Höchste Schule – Über Maria Menz. Sigmaringen 1981. ISBN 978-3-7995-1616-7
• Linien. Zusammen mit Maria Beig, Reinhard Gröper, Johannes Hösle, Gisela Linder, Maria Müller-Gögler. Karlsruhe 1985.
• Was lupft deine Flügel. Gedanken. Gedichte. Im Selbstverlag 1987.
• Gedanken. Gedichte. Stuttgart 1989. ISBN 978-3-7995-1680-8
• Rettungen. Geschichten [zusammen mit:] Gedanken. Gedichte. Werkauswahl zum 90. Geburtstag. Stuttgart 1993. ISBN 978-3-7995-1691-4
• Briefe 1. Briefwechsel mit Martin Walser. Hrsg. von Claus-Wilhelm Hoffmann. Eggingen 2005. ISBN 3-86142-362-6
Auszeichnungen
• 1982 Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg
• 1982 Droste-Preis der Stadt Meersburg (zusammen mit Dorothee Sölle)
• 1983 Pro Ecclesia et Pontifice (päpstlicher Orden)
• 1988 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
Literatur
• Hannelore Nussbaum: Die offene Tür. Begegnungen mit der Dichterin Maria Menz. Biberach 2002. ISBN 978-3-933614-14-8
• Erentraud Wild: Maria Menz – Dichterin aus Oberschwaben: Wegspuren. Biberach 2000. ISBN 978-3-933614-04-9
• Hannelore Nussbaum: „Schreiben Sie weiter. Kommen Sie wieder!“. Gedanken zum Hundertsten von Maria Menz. in: Schönes Schwaben 2003, Heft 6, 33ff.
• Gerhard Reischmann: Von Martin Walser hat sie den Ehrentitel „Die Bewahrerin“. In: Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben. S. 87 ff., 2. Aufl. Lindenberg 2008. ISBN 978-3-89870-465-6
• Walter Münch: Lobrede zu Ehren von Maria Menz, Oberessendorf: gehalten bei der Verleihung des Hebelpreises 1982 (…) am 10. Mai 1983 im Hebel-Heimathaus zu Zeil in Wiesental; Jahresgabe an die Vereinsmitglieder aus Anlass des 80. Geburtstages der Preisträgerin am 19. Juni 1983. Weingarten 1983


