Oberessendorf (rei) - Am 7. März 1996 starb Maria Menz in Oberessendorf. In jenem Dorf, in dem sie gut 92 Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hat. Die Bildschirmzeitung hat, beginnend am 19. Juni, in bisher fünf Folgen an das Leben der Lyrikerin, vor allem an die Lebensumstände im Geschwisterhaus in Oberessendorf, erinnert und konnte dabei auf Fotos von Hedy Baumgärtner aus Leutkirch zurückgreifen. Die 1941 geborene Fotografin hat Maria Menz ab 1988 immer wieder besucht. Aus einem vertrauensvollen Verhältnis heraus sind intime Fotos entstanden, vergleichbar den Aufnahmen des renommierten Oberschwaben-Dokumentaristen Rupert Leser (1933 – 2017).
Hier der Nachruf der „Schwäbischen Zeitung“, erschienen am Samstag, 9. März 1996:
Wortgewalt aus Seelenkraft
Zum Gedenken an die oberschwäbische Dichterin Maria Menz
„Gott wollte das Werk / und brauchte vom Menschen nicht mehr / als seiner Schwäche ganzes Bemühen.“
Das ist ein Maria-Menz-Vers, aus der ihr gewidmeten ersten Publikation des Literarischen Forums Oberschwaben. Bei seinem ersten Treffen Mitte der sechziger Jahre war sie Martin Walser begegnet, ihrem großen Förderer: „Maria Menz hat Macht über mich. Ihre Töne, ihre Wortfolgen, ihre Satzschwingung! Als ich diese Dichterin das erste Mal ... lesen hörte, dachte ich: endlich einmal Pfingsten“, schreibt er im Beiheft zu ihrer 1981 erschienenen, von der Stiftung Literaturarchiv Oberschwaben geförderten dreibändigen Werkausgabe, die über 600 Gedichte in Hochdeutsch und Mundart vereint. „Höchste Schule“ – so überschrieb er seine Laudatio für die Lyrikerin Maria Menz, die ein Jahr später vor allem für ihre religiösen Gedichte in Meersburg den Droste-Preis erhielt, sowie in Hausen vor allem für ihre erdhaften Mundartverse den Johann-Peter-Hebel-Preis.
In ihrem Werk wird sie weiterleben, diese oberschwäbische Dichterin, die im 93. Lebensjahr für immer die Augen schloss in ihrem Heimatdorf Oberessendorf bei Biberach. „Alt werden im Vollbesitz der geistigen Kräfte, dann ohne Krankenlager gehen dürfen“, davon sprach die sonst eher Verschlossene, ja Scheue des Öfteren mit ihr vertrauten Menschen. Diese Gnade wurde ihr zuteil, der zu mystischer Versenkung begnadeten Lyrikerin, die ihr Ringen um Gott läuterte zu Versen von höchstem Anspruch, die in ihrer Hingabe an Gott zu kühnen dichterischen Bildern fand, zu unvergleichlichen Metaphern: „Ich sehe deine ragende Gestalt / stets durch die Schleier meiner Dinge dämmern. / Die Dinge werden dünn und greisenalt, / und näher hör ich deinen Anspruch hämmern.“ – Gott war ihr Mitte, der Weg zu ihm war ihr Sinn eines Lebens, das dem Tod spirituell entgegenreifte, in ländlicher Abgeschiedenheit und herber Stille, bis zum letzten großen „Aufschwung“ – ein Wort, das sich immer wieder in ihren Versen findet: „Lass in dem Maß, wie meine Sonne sinkt, / das Feuer eines Sterns nach oben steigen. / Seelenhaftes Wissen, Seele Dir zu eigen, / glückvolle Sehnsucht, die im Grunde sinkt!“
Versonnen und lesehungrig
Am 19. Juni 1903 wurde Maria Menz als erstes von zehn Kindern einer Bauernfamilie geboren. „Als Kind versonnen und rechtsbewusst, nicht spiellustig, dagegen lesehungrig. Verschattete Jugend. Erste lyrische Welle mit hochdeutschen Versversuchen. Erwachen zu sozialer und karitativer Haltung, Bildungsstreben, Berufshingabe, Selbstfindung im Charakter. 44-jährig schwere vegetative Dystonie. Invalidität in erträglichem Zustand, Existenzform: Rentnerin, lebt im Geschwisterhaus, Selbsthilfe durch Schreiben.“ So wird sie von ihrem Schriftstellerkollegen Josef W. Janker charakterisiert. Mit ihm verband sie ein umfangreicher Briefwechsel. Und er widmete ihr das Kapitel „Der Erzengel aus dem Wilden Ried“ in seinem jüngsten Buch „Meine Freunde, die Kollegen“.
1925 hatte Maria Menz Examen gemacht an der Krankenpflegeschule in Stuttgart, war als Krankenschwester auch in Berlin, Leipzig sowie in Wangen im Allgäu tätig. Dorthin lud sie Jahrzehnte später Landrat Dr. Walter Münch zum ersten Literarischen Forum Oberschwaben ein, der von ihm gegründeten Schriftstellerrunde. In seiner Laudatio auf die Hebel-Preis-Trägerin brachte er es auf den Punkt: „Aus Seelenkraft erwuchs ihr Geistesmacht und Wortgewalt zu religiöser Dichtung, zu katholisch geprägter Spiritualität.“
Doch ebenso zwingend, weil gleichermaßen aus eigener Erfahrung gespeist, sind die Dialektgedichte, verwurzelt in der oberschwäbischen Landschaft und dem bäuerlichen Alltag. „Diese Verse sind bissfest wie ein Wildapfel.“ In den oberländischen Versen spürt man die Bauerntochter, die jung selbst hinter dem Pflug ging, Garben band, Rüben hackte, Kartoffeln las, im Torf arbeitete, die mit beiden Füßen auf der Heimaterde stand, die mit Gemüt und Humor bildkräftig dieses Umfeld – das Geborgenheit gibt und zugleich beengt – ins Gedicht geholt hat. In „Oberlendische Vers“ (so der Titel des dritten Bandes ihrer Werkausgabe) leben Freude und Trost, die Maria Menz aus der Schönheit der Natur schöpfte. In diesen Gedichten rührt uns an, wie vertraut Maria Menz war mit allen Tieren auf dem Bauernhof und wie sie auch im Nutztier noch Gottes Kreatur erkennt und achtet. Verwandt sind diesen Mundartgedichten die Tiergeschichten im letzten Prosaband „Rettungen“, der zu ihrem 90. Geburtstag erschien. Maria Menz schätzte und ehrte, was seit alters in Oberschwaben „d‘ Brauch war“. Ihr letzter Wille: aufgebahrt zu liegen in der guten Stube des Elternhauses*, bis ihre sterbliche Hülle nach Tagen auf den Gottesacker hinausgetragen wird, das ist ihr letztes Sinnbild für diese Lebenshaltung. „No uff johrweis nei, bleibt d’r Weg mit der Weihwassergutter“, heißt es in ihrem Gedicht: „Wia‘s gau ka“ (noch auf Jahre hinaus bleibt der Weg mit der Weihwasserflasche). Gisela Linder
*Geboren wurde Maria Menz am 19. Juni 1903 auf einem anderen Bauernhof in Oberessendorf. In Folge der wirtschaftlichen Verwerfungen nach dem Ersten Weltkrieg wechselten die Eltern dann auf den kleineren Hof von Mutters Seite; das Stüble (Altenteilerhaus) jenes zweiten Hofes ist das Geschwisterhaus, ist die Heimstatt der Dichterin. Auf diesen Umstand macht Lothar Menz, der Neffe, aufmerksam.

Betha, die letztverbliebene der drei Schwestern, am offenen Sarg ihrer Schwester Maria (ursprünglich waren es zehn Kinder gewesen). Betha starb 2007 im Alter von 98 Jahren. 1995 war Josephine (geb. 1907) gestorben. Foto (9. März 1996): Hedy Baumgärtner





Der Nachruf in der "Schwäbischen Zeitung" vom 9. März 1996, verfasst von Dr. Gisela Linder.
Teil 7 am 27. Juni
Die letzte Episode unserer Maria-Menz-Serie erscheint in der Bildschirmzeitung am 27. Juni um 12.00 Uhr. Jener Folge werden wir auch eine Auflistung der Links zu den einzelnen Episoden beigeben.

