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Oberessendorf (dbsz) - Vor 120 Jahren kam die oberschwäbische Dichterin Maria Menz auf einem Bauernhof in Oberessendorf zur Welt (nicht in jenem Geschwisterhaus, in dem sie als Schriftstellerin wirkte). Die Bildschirmzeitung erinnert zum Jahrestag an die bedeutende Frau, die bescheiden mit ihren Schwestern in Oberessendorf lebte und lange für die Schublade schrieb, bis sie von Martin Walser entdeckt wurde. Die Leutkircherin Hedy Baumgärtner (Jahrgang 1941), eine passionierte Fotografin, und ihre verstorbene Freundin Luitgard Vogl haben die Schriftstellerin ab 1988 regelmäßig besucht. Hedy Baumgärtner durfte die Menz und ihr Umfeld fotografieren. Hochbetagt und hochgeehrt starb Maria Menz im Jahre 1996. Die Bildschirmzeitung publiziert aus Anlass des Gedenktages einen Artikel aus Gerhard Reischmanns im Jahre 2007 erschienenem Buch „Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben“. Weiter veröffentlichen wir heute und in den nächsten Tagen Fotos aus Hedy Baumgärtners Archiv.

Menz. Maria Menz – der Name gilt etwas in Oberschwaben. Rieck – auch dieser Name hat Klang. Historisch Beflissene wissen, dass die Buchhandlung am Eisenbahnknoten Aulendorf einst eine oberschwäbische Drehscheibe des Geistes war (und ist). Und Nussbaum? Ein Name, den man sich merken muss. Auch, weil Martin Walser, der Präceptor Sueviae, Hannelore Nussbaum den Ehrentitel „Die Bewahrerin“ verliehen hat. Dafür, dass sie das Andenken an Maria Menz hochhält. Dafür, dass sie ein kleines feines Buch über die Menz geschrieben hat. Im November 2002 hat Hannelore Nussbaum in der Buchhandlung Rieck daraus gelesen und über die Dichterin von Oberessendorf gesprochen.

Die Menz-Lesung
Ein grau marmorierter moderner Lesetisch, darauf eine brennende Kerze. Bücher. Ringsrum Bücher. Das Etui der Lesebrille hat dieselbe Farbe wie ihr Longjacket. Blau. Sehr chic. Chic ist auch der eigenwillig geschnittene Ledersessel, der für einen älteren Herrn unter den Zuhörern herangerückt wird. Und auch die buntfarbenen Holzstühle sind ganz im Trend. Dann beginnt Hannelore Nussbaum zu lesen. Und zu erzählen. Und vor dem geistigen Auge der kleinen Menz-Gemeinde, die sich bei Rieck zusammengefunden hat, ersteht die kleine Bauernstube in Oberessendorf.

„Fliegen surrten an den beiden kleinen Sprossenfenstern und versteckten sich in der Fältelung der blütenweißen Gardinen. Ein paar Strahlen der Nachmittagssonne zogen über die halbhohe Wandvertäfelung. Gaben dem honigfarbenen Holz Wärme. Ein Lehnstuhl mit grünem Samtbezug fiel mir auf. Er stand gleich neben dem Kachelofen. Maria Menz nannte ihn ,Denkstuhl‘. Neben der Kommode war noch Platz für ein schmales Tischchen, darauf eine Schreibmaschine.“ Es war der 11. August 1988, als sich die Literatur-Elevin aus der Stadt und die Laureatin vom Dorfe erstmals trafen. Ein paar ihrer lyrischen Versuche wollte Hannelore Nussbaum der 85-jährigen Dichterin vorlegen und die hatte vorab eine halbe Stunde zugestanden. An jenem Tag im August wurden anderthalb Stunden daraus; es war der Beginn einer siebenjährigen Freundschaft. „Ihre Gedanken sind gut“, sagte Maria Menz, „aber ich kann mit der freien Form, so ganz ohne Punkt und Komma, nichts anfangen. Ich schreibe meine Lyrik in Reimen.“

Was ist Information, was Indiskretion?, hatte Hannelore Nussbaum sich gefragt, als sie ums Jahr 2000 ihre Erinnerungen an Maria Menz aufzuschreiben begann. Darf man von Spannungen im Geschwisterhaus sprechen, davon dass Betha, die den Haushalt führende Schwester, draußen in der kalten Küche hockte, während drinnen am Kachelofen literarische Gespräche geführt wurden – mit Martin Walser etwa oder mit Pfarrer Dr. Beck? Oder ihr Verhältnis zum Dorf: „Flach“ sei es hier, habe sie einmal geäußert und damit keineswegs die Topografie gemeint, berichtet Frau Nussbaum. Einer aus dem Dorf wiederum hatte gegenüber dem ZDF zu Protokoll gegeben: „Des isch a Dichtere. Dia schreibt. Aber mir hend koi Zeit zom Dichta. Mir mend schaffa.“

Lange blieb die für die Schublade Schreibende unverstanden, unerkannt. Erst mit 64 Jahren wurde sie vom Wangener Literatenzirkel um Walter Münch entdeckt; Martin Walser hatte das Menz-Debüt spontan als pfingstliches Ereignis empfunden, bekannte er 1981 in der Zeitschrift „Allmende“.

Wie im Nussbaum’schen Buch so auch bei der Lesung: Auf biografische Skizzen folgen Rezitationen. „Ich sehe Deine ragende Gestalt / stets durch die Schleier meiner Dinge dämmern. / Die Dinge werden dünn und greisenalt, / und näher hör ich Deinen Anspruch hämmern.“ Das Gottesbild der Gottsucherin will Hannelore Nussbaum („Gottvater war ihr Zentrum“) fassen und auch die Natur- und Tierliebe der im Bäuerlichen wurzelnden Lyrikerin vermitteln. „Die Naturgedichte dürfen nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Hannelore Nussbaum und spricht das Gedicht von der Wolke. „Wer meine Lyrik zu lesen versteht, der hat meine Biografie“, habe ihr Maria Menz auf die Frage geantwortet, ob sie nie daran gedacht habe, eine Autobiografie zu schreiben.

Immer wieder pendelt Hannelore Nussbaum zwischen hoher Literatur und dem Alltag im Geschwisterhaus. Und das macht den Reiz ihres Vortrages aus. Sie schildert die hohe Esskultur der einfach Lebenden („Immer Suppe vorneweg, immer ein Nachtisch, vielleicht nur ein Kompott, aber immer etwas“), schildert, wie sie, die Stadtfrau, am Herdfeuer hantiert und Reisbrei macht und sich beschenkt fühlt. Den Elektroherd habe die alte Frau nicht gemocht – genausowenig wie „Maschinenmilch“. Als der Nachbar eine elektrische Melkmaschine anschaffte, verhandelte Maria Menz mit ihm, ob er für sie nicht noch eine Kuh von Hand melken könne.

Ob Maria Menz ein politischer Mensch gewesen sei, will der Herr im modischen Ledersessel wissen. Gesellschaftliche Grundsatzfragen seien ihr wichtig gewesen, antwortet Frau Nussbaum und nennt als Beleg das Gedicht „D’r Alt“, das sich mit der Kraft der Mundart gegen Abtreibung und Sterbehilfe stemmt. Mittels Zeitung und Fernsehen habe sie sich auf dem Laufenden gehalten und – auch wenn sie sich übers TV-Niveau echauffieren konnte – dann und wann den Knopf nicht gefunden.

„Wir waren wie Mutter und Tochter. Und trotzdem per Sie.“ Während Hannelore Nussbaum, Frau eines Architekten in Bad Schussenried, in Maria Menz die Dichterin verehrte, meinte diese, obwohl selbstbewusst und mitunter kantig, vielleicht gesellschaftliche Schranken zu spüren. Als Maria Menz starb, wurde Hannelore Nussbaum von den Verwandten gebeten, ein Gedicht für die Todesanzeige auszuwählen. „Eines von 900? Eines, stellvertretend für alle!“ Frau Nussbaum wusste um die Schwere der Aufgabe. Doch als ob sie von der rauen Stimme der Dichterin gerufen wurde, fand sie, wie geführt, das passende Gedicht:

Dunkler Bote, mehr als einmal da,
lange Furcht vor seinem Schweif der Peinen,
sich verflechtend mit dem überfeinen,
stillen, müden Leben.

Was geschah?
Unhörbar kam er zur Schlummerzeit
und vollzog in sanftester Berührung
in drei Atemzügen die Entführung
in die Ewigkeit.

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Hannelore Nussbaum bei ihrer Lesung in der Aulendorfer Buchhandlung Rieck im November 2002. Foto (entnommen dem Buch „Menschenskinder): Gerlinde Keser

Das Menz-Büchle
„Die offene Tür“ – diesen Titel hat Hannelore Nussbaum ihrem Buch gegeben, in dem die letzten sieben Jahre der Maria Menz aufscheinen. Das Büchlein der Autorin aus Bad Schussenried hat nur 111 Seiten, doch man kann erspüren, wie Maria Menz war. Martin Walser spricht im Vorwort von einem Werk der Bewahrung. „Die offene Tür“ ist eine Collage aus buchenscheitknisternden Erinnerungsstücken und aus feinfühlig eingestreuten Menz-Gedichten, zum Teil unveröffentlichtes Material. Tiefreligiöses ist darunter, Naturlyrisches, Lebenswichtiges. Nachrufe hat Hannelore Nussbaum dazugetan, 14 Fotos daruntergemengt. Fotos vom Geschwisterhaus in Oberessendorf, von der alten Schreibmaschine unterm Kruzifix, vom 92. Geburtstag, von der Zeit der Menz als Krankenschwester in Leipzig (1930 bis 1937), von Martin Walser als Laudator, auch ein Gruppenbild mit den Schwestern. Und auf Seite 27 findet sich ein besonderer Ausweis ihrer Frauen-Freundschaft: das Gedicht „Der Nussbaum“. „Ein schneller Einfall“, wie Maria Menz an Hannelore Nussbaum schreibt.

Natürlich hat sich Maria Menz auch mit dem Schreiben der Hannelore Nussbaum befasst. Eine schriftliche Reaktion auf das mustergültige Nussbaum-Gedicht „Stufen“ ist in dem Büchle abgedruckt (S. 53 ff.). Wichtiger noch aber war ihr die jüngere Freundin als Nachlasshüterin. Bis ins höchste Alter war die Dichterin produktiv und oft war sie in Sorge, dass ihre literarische Hinterlassenschaft eines Tages verstreut sein könnte. „Ihre Aufgabe wird es sein“, sagte sie einmal, „mein Schriftgut in vollem Umfang einschließlich der Briefe von Martin Walser dem Archiv in Biberach zu übergeben. Ich vertraue auf Sie“ (S. 67). Diese Bitte sprach sie sogar schriftlich aus (S. 80). Ein andermal, beim gemeinsamen Kruschteln in Schränken und Truhen im Oberstock des Menz-Häuschens, als sie Ehrungstexte und Hochrufe finden, Auszeichnungen und das Bundesverdienstkreuz, da sagt Maria Menz: „Das einzig Wichtige, um das meine Gedanken kreisen, ist jetzt noch das Sterben. Was habe ich, wenn ich vor dem Herrgott stehe, vorzuweisen …?“ – „Vielleicht haben Sie sich mit Ihrer Lyrik das erschrieben, was zählt“, antwortet die Jüngere.

Sieben Jahre lang, bis zum Sterben der Maria Menz, hat Hannelore Nussbaum die verehrte Lyrikerin besucht, hat mit ihr diskutiert und disputiert, hat mit ihr Fährtle durchs geliebte Oberschwaben gemacht und am einfachen und doch so reichen Leben der drei Menz-Schwestern im kleinen Bauernhaus zu Oberessendorf teilgenommen.

111 Seiten hat das Büchle nur, doch man kann erspüren, wer Maria Menz war. „Die offene Tür“ wurde von der Biberacher Verlagsdruckerei herausgebracht; das Buch kostet – sofern noch verfügbar – ca. 13 Euro.

Gerhard Reischmanns Buch „Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben“ ist nur noch antiquarisch erhältlich. In den Stadtbüchereien in Leutkirch, Wangen, Bad Wurzach, Bad Waldsee und Ravensburg sowie in der Pfarrbücherei  Aulendorf kann es ausgeliehen werden.

01 Menz Hedy

Maria Menz auf dem Fillebänkle vor dem Geschwisterhaus in Oberessendorf, fotografiert von Hedy Baumgärtner im Herbst 1989. In dem warmen, kleinen Haus entstanden Zeilen wie diese:

Es war ein Reis von Intellekt
vom Vater her in ihr.
Das Übrige war arm und matt,
war Mühsal dort und hier.
Das Reis inmitten strebte auf.
Die Krone aus dem Stamm
hat Bluhst und Früchte als das Wort
herrscht kräftig wundersam.

02Menz Schwestern Kopie

Besuch in Oberessendorf im Jahre 1991: Hannelore Nussbaum (stehend, links) neben Maria Menz; sitzend Josephine (links) und Betha, die Schwestern von Maria. Foto (entnommen dem Buch „Menschenskinder): Siegfried Nussbaum

18Die typische MenzMaría Menz, typisch. Foto (1989): Hedy Baumgärtner

 

 

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halloRV

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