Leutkirch (rei) - „Leutkircher Köpfe“ – das ist ein anspruchsvolles Spezialformat der von Bernd Dassel vor mehr als 20 Jahren gegründeten Gesprächsreihe „Talk im Bock“. Bei der Internetrecherche nach „Leutkircher Köpfen“ sind wir auf eine Reihe gleichen Namens gestoßen, die auf der Homepage der Stadt Leutkirch ein Schattendasein führt. Stadtarchivarin Nicola Siegloch hat unter dieser Rubrik Porträts historischer Persönlichkeiten versammelt, die einen engen Bezug zu Leutkirch haben. Mit Erlaubnis von Frau Siegloch hat die Bildschirmzeitung „Der Leutkircher“ eine Reihe aufgelegt und erinnert in den nächsten Tagen an acht bedeutsame Persönlichkeiten. Begonnen haben wir am 25. August mit einer Erinnerung an Ludwig Baumann. Es folgten Porträts von Dr. Hans Erich Blaich und Anna Katharina Sulzer-Neuffer. Heute: Anna Barbara Walch-Künkelin.
Walch-Künkelin, Anna Barbara (1651 – 1741)
„Die Bürgermeisterin von Schorndorf“
Bild der Homepage der Stadt Leutkirch entnommen
Anna Barbara Walch-Künkelin wurde 1651 als Tochter des Apothekers Jakob Heinrich Agricola in der Leutkircher Stadtapotheke geboren. Die Familie des Apothekers hatte in den ersten Jahren in Leutkirch eine angesehene Stellung, Jakob Heinrich Agricola gehörte von 1651 bis 1654 dem Rat der Stadt an. Dann aber ging es menschlich und geschäftlich bei ihm bergab. 1675/76 wurde er aus der Stadt verwiesen und das kaiserliche Landgericht erklärte ihn für geächtet. In dieser Zeit zog Anna Barbara im Alter von 25 Jahren nach Schorndorf zu ihrem Onkel, dem sie den Haushalt führte. 1679 heiratete sie den zweimal verwitweten und 25 Jahre älteren Metzger und „Lamm“-Wirt Johann Heinrich Walch, einen der damaligen vier Bürgermeister von Schorndorf. Nach dem Tod ihres Mannes 1689 heirate sie Johann Georg Künkelin, ebenfalls Bürgermeister in Schorndorf. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor, der aber schon im Alter von fünf Monaten wieder starb. Er war das einzige Kind der Anna Barbara gewesen, direkte Nachkommen gibt es also nicht. Barbara Walch-Künkelin starb im Alter von über 90 Jahren am 20. November 1741.
Berühmt wurde Barbara Walch-Künkelin durch ein Ereignis, das in den zeitgenössischen Quellen nur ein einziges Mal erwähnt wird, aber dessen literarische Tradition umso reichhaltiger ist. Bis heute entstanden zahlreiche Schauspiele, drei Opern, nicht weniger als 20 Gedichte, verschiedene historische Romane und Erzählungen über die „Weiber von Schorndorf“. Die „Bürgermeisterin von Schorndorf“ hat zusammen mit anderen Frauen verhindert, dass die Franzosen 1688 Schorndorf übernehmen konnten. Schorndorf konnte sich somit als einzige württembergische Festung halten. In ihrer Künkelin-Biographie schreibt die Historikerin Gudrun Emberger-Wandel: „Erst wir Heutigen können die Tat der Schorndorfer Weiber als das würdigen, was es wirklich war: als einen bemerkenswerten Akt bürgerlichen Ungehorsams, des Aufbegehrens gegen die verfehlte Politik der Obrigkeit, des Widerstands gegen die Rolle als Objekt der Herrschaft. Und bedenkt man, was es damals für Frauen bedeutete, in der Politik mitreden zu wollen und öffentlich zu demonstrieren, so ist es in der Tat angebracht, voller Annerkennung der Anstifterin zum Widerstand Barbara Walch-Künkelin zu gedenken.“
Nicola Siegloch
Literatur:
Wandel, Uwe Jens: Frauenprotest 1688. Die Schorndorfer und Göppinger Weiber. Schorndorf 1988.
Fischer, Erhard: Schorndorfer Köpfe. Auswärts geborene Persönlichkeiten in ihrer Beziehung zu der Stadt. Schorndorf 1999.
Siegloch, Nicola: Zum 350. Geburtstag von Barbara Walch-Künkelin: Die Schorndorfer Heldin aus Leutkirch. In: Schwäbische Zeitung, Ausgabe Leutkirch vom 06.03.2001
In der Internet-Enzyklopädie wikipedia wird das Ereignis folgendermaßen beschrieben:
„Die Schorndorfer Weiber retteten im Jahre 1688 unter der Führung von Barbara Künkelin die Stadt Schorndorf vor der Übergabe an den französischen Brigadegeneral Mélac und gingen so in die Geschichte der Stadt ein.
Nachdem zu Beginn des Pfälzischen Kriegs Philippsburg von den Franzosen eingenommen wurde, marschierten die Truppen weiter nach Württemberg. Dieses war ziemlich hilflos, vor allem, da die schwäbischen Truppen noch in dem Krieg des Kaisers gegen die Türken gebunden waren. Die Franzosen nutzten ihre militärische Überlegenheit und die Unterlegenheit Württembergs aus, um Kontributionen einzutreiben. Hierzu zogen sie gewalttätig durchs Land, wobei meist die Androhung von Brandschatzung genügte; in einzelnen Fällen wurden Städte niedergebrannt. In Stuttgart machte sich die Regierung des Herzogtums daran, mit den Franzosen über die Forderungen zu verhandeln; es wurden jegliche Forderungen erfüllt.
Um Stuttgart zu schützen, wurde beschlossen, dass die Feste Schorndorf, von der befürchtet wurde, dass sie nicht mehr lang zu halten sei, dem französischen General übergeben werden sollte. In Schorndorf waren aber weder der Festungskommandant, der Stadtkommandant Krummhaar noch die Bürgerschaft zur Übergabe bereit. Es wurden mehrere Boten zu umstehenden Befehlshabern der kaiserlichen Truppen geschickt, um Unterstützung zu fordern. Schließlich trafen die Boten aus Stuttgart auf dem Schorndorfer Rathaus mit dem Kapitulationsbefehl ein.
Auch Barbara Künkelin wollte die Übergabe Schorndorfs nicht akzeptieren. In Übereinstimmung mit Krummhaar wurde der Weingärtner Kurz beauftragt, alle Frauen Schorndorfs zusammenzurufen. Er forderte sie auf, sich zu bewaffnen und vor Künkelins Haus zu kommen. Bewaffnet mit Mistgabeln, Messern, Hellebarden und Sicheln stürmten sie unter Führung Barbara Künkelins mit den Worten ,Tod den Verrätern' das Rathaus. Nun gaben die Weiber in Schorndorf den Ton an. Sie ließen die Stuttgarter Unterhändler drei Nächte und zwei Tage nicht aus dem Gebäude.
Als am 17. Dezember 1688 Mélac aufmarschierte, wartete er vergebens auf die Übergabe Schorndorfs; Krummhaar und die Bürgerschaft hofften weiter auf Unterstützung durch kaiserliche Truppen. Da Mélac schwere Geschütze fehlten, musste er abziehen, brannte jedoch im heutigen Schorndorfer Stadtteil Haubersbronn noch einige Gebäude nieder. Schließlich trafen die erhofften kaiserlichen Truppen ein und Mélac musste fliehen; Schorndorf war durch den Mut der Frauen gerettet.“

