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Leutkirch (rei) - „Leutkircher Köpfe“ – das ist ein anspruchsvolles Spezialformat der von Bernd Dassel vor mehr als 20 Jahren gegründeten Gesprächsreihe „Talk im Bock“. Bei der Internetrecherche nach „Leutkircher Köpfen“ sind wir auf eine Reihe gleichen Namens gestoßen, die auf der Homepage der Stadt Leutkirch ein Schattendasein führt. Stadtarchivarin Nicola Siegloch hat unter dieser Rubrik Porträts historischer Persönlichkeiten versammelt, die einen engen Bezug zu Leutkirch haben. Mit Erlaubnis von Frau Siegloch hat die Bildschirmzeitung „Der Leutkircher“ eine Reihe aufgelegt und erinnert in den nächsten Tagen an acht bedeutsame Persönlichkeiten. Begonnen haben wir am 25. August mit einer Erinnerung an Ludwig Baumann. Heute: Dr. Hans Erich Blaich.

Blaich, Hans Erich (1873 – 1945) alias Dr. Owlglass alias Ratatöskr
26Blaich Hans Erich mit Foto
Hans Erich Blaich wurde am 19. Januar 1873 als zweiter Sohn von Jakob Blaich und Mathilde geb. Büchele in Leutkirch in der Marktstraße 13 geboren. Als Jakob Blaich 1875 die Nachfolge von seinem Vater Wilhelm David Blaich als Stadtschultheiß antrat, zog die Familie ins Rathaus. Über diese Zeit berichtete er in einer Reihe von Prosaskizzen wie beispielsweise in „Träumereien über einen alten Merian“ oder „Im alten Rathaus zu Leutkirch“.

Hans Erich Blaich verbrachte seine Schulzeit in Leutkirch, Ulm und Ravensburg, 1890 machte er Abitur. Danach studierte er in Tübingen, München und Heidelberg Medizin und Philosophie. Am 17. Dezember 1898 erhielt er in Heidelberg seine Approbation als praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer. Am 19.10.1903 heiratete er in Davos Anna Strobel aus Ulm. 1905 ließ er sich in Stuttgart als Facharzt für Lungen- und Halskrankheiten nieder. 1909 übersiedelten die Blaichs nach München-Pasing und 1911 nach Fürstenfeldbruck, wo sie 1931 ihr eigenes Haus mit Garten beziehen konnten.

Das Haus mit seinem Garten und seiner Einrichtung wurde zunehmend zum Rückzugsbereich von Blaich. Es traf ihn daher auch besonders schwer, als sein Haus im April 1945 von den Amerikanern beschlagnahmt wurde. Hatte er doch das Ende des Krieges und die Befreiung durch die Amerikaner herbeigesehnt. Erst im September 1945 durfte er wieder in sein völlig verwüstetes und verschmutztes Haus einziehen. Hans Erich Blaich starb am 29. Oktober 1945 an den Folgen eines Gehirnschlags in Fürstenfeldbruck.

Vom ersten Jahrgang an war Hans Erich Blaich Mitarbeiter der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“, als deren Chefredakteur er von 1912 bis 1924 und später von 1933 bis 1935 das Gesicht dieser weltbekannten Zeitung wesentlich mitprägte. Die Mitarbeit am „Simplicissimus“ wurde zur literarischen Lebensaufgabe. Als die Zeitschrift 1944 eingestellt wurde, verlor Blaich auch die Lust am Schreiben. Bereits 1895 hatte er sich das Pseudonym Dr. Owlglass (engl. für Dr. Eulenspiegel) zugelegt und seit 1905 schrieb er auch unter dem Pseudonym Ratatöskr. Seine langjährige Mitarbeit am „Simplicissimus“ und die hohen Auflagen seiner zahlreichen Gedichtbände mit poetischen Lebensweisheiten, in Verwandtschaft zu Christian Morgenstern und Wilhelm Busch, machten ihn zu Lebzeiten außerordentlich populär. Fast alle Buchveröffentlichungen Blaichs sind Sammlungen von Gedichten, die zuvor im „Simplicissimus“ erschienen sind.

Als Herausgeber besorgte er Ausgaben von Cervantes, Lichtenberg, Montaigne und Plutarch, von Sebastian Sailer und Hermann Kurz sowie von alten deutschen Schwänken und Sammlungen wie „Gegen Abend“ und „Eine kleine Bettpostille“. Unter seinen Übersetzungen ragt die von Rabelais „Gargantua und Pantagruel“ heraus. In seinen Erzählungen wendet er sich vor allem Kindheits- und Jugenderinnerungen aus seiner oberschwäbischen Heimat zu.
Nicola Siegloch

Literatur
Manfred Bosch: Hans Erich Blaich. Pseudonyme Dr. Owlglass; Ratatöskr. Arzt, Schriftsteller und "Simplicissimus"-Mitarbeiter. Sonderdruck aus: Lebensbilder aus Baden-Württemberg. Hrsg. von Gerhard Taddey. 21. Band. Stuttgart 2005
Angelika Mundorfff: Hans Erich Blaich alias Dr. Owlglass alias Ratatöskr. In: Fürstenfeldbruck - literarisch. S. 88-94, München 2004.
Dr. Owlglaß. Ausgewählte Werke - Mit sämtlichen Briefen an Kurt Tucholsky. Hrsg. von Volker Hoffmann. Kirchheim/Teck 1981.

Die Reihe wird fortgesetzt

26Blaich Tafel

Gedenktafel am Haus Marktstraße 13

 

 

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halloRV

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