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Leutkirch - Wenn's um die "Energiewende" geht, kochen die Emotionen schnell hoch. Auch in Oberschwaben. Julian Aicher sitzt seit 2014 im Kreistag von Ravensburg. Er befasst sich seit rund 30 Jahren intensiv mit Erneuerbaren Energien. Sein Rat: zügiges Vorangehen, aber gelassen. Schritt für Schritt mit Bodenhaftung – und ganz ohne „Schaum vor dem Mund“. Unser Kolumnist, der auch Redaktionsmitglied bei der Bildschirmzeitung ist, schreibt:

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Der steinige Weg zur Energiewende: Julian Aicher fährt im Sommer 2017 Naturwackersteine zur Überbefestigung an sein Wasserkraftwerk in Rotis. Foto: Christine Abele-Aicher

Weniger als 10 Cent Cent pro Kilowattstunde. Wer sich jetzt, im Sommer 2023, Solarmodule aufs eigene Dach schrauben lässt, kann eine Kilowattstunde (kWh) daraus in den eigenen Räumen drunter für weniger als 10 Cent nutzen. Zum Vergleich: Die gleiche Elektrizitäts-Menge gibt's im normalen deutschen Stromnetz meist für 30 bis 60 Cent.

Schon allein aus rein wirtschaftlichen Gründen setzen sie sich also immer schneller durch: die Sonnenenergie und ihre vielen Töchter Pflanzenwachstum (Biogas/Holz, Pflanzenöl ...), Wasser- und Windkraft. Am besten in Bürgerbesitz. Konkret und vor Ort. Hält sich Deutschland an Verträge, die es unterzeichnet hat, dann muss es dennoch schneller gehen mit der Energiewende. Also mit der Garantie dessen, was Deutschland im Pariser Klimaabkommen 2015 mit unterschrieb.

Was also tun? Wann und wo? Dazu lassen sich für den Kreis Ravensburg ziemlich konkrete Überlegungen anstellen. Sie beginnen mit dem Betrachten der Fakten. Zum Beispiel: Welcher Stromanteil im Kreis Ravensburg stammt heute aus erneuerbaren Energiequellen? Die Antwort: zur Jahreswende 2022/2023 deckten Erneuerbare Energien rund 53 % des Strombedarfs im Kreis Ravensburg. Fehlen also noch 47 %, um 100 % zu erreichen.

Wie machbar? In Hoßkirch (nahe der Grenze zum Kreis Sigmaringen) wurden 2022 insgesamt sechs Windtürme genehmigt. Offenbar mit Zustimmung der Bevölkerung dort. Kommen diese sechs Windkraftanlagen 2024 ans Netz, liefern sie etwa 5,75 % der Summe aller Kilowattstunden, die im Kreis Ravensburg verbraucht werden. Diese 5,75% plus die 53% bereits erzeugten ergeben 58,75 %.

100 % – in anderen Landkreisen schon Wirklichkeit
Gelänge es, im gesamten Kreis Ravensburg vier weitere Windfelder ähnlich Hoßkirch zu errichten (also: 4 mal 6 Windtürme), ließen sich daraus zusätzlich 23 % des Strombedarfs im Kreis decken. Zusammen mit den oben erwähnten 58,75 % also insgesamt 81,75 %. Sprich: 81,75 % der Summe aller elektrischen Kilowattstunden, die im Kreis Ravensburg wirken.

Warum nicht 100 % anstreben? So wie in den Landkreisen Aurich, Bayreuth, Rastatt oder Rhein-Hunsrück schon heute? Dann wären noch 18,25 % im Kreis Ravensburg notwendig. Ein Solarfachmann sagte mir kürzlich, mindestens 10 % ließen sich aus neu montierten Solarmodulen gewinnen. Der Rest aus Biogas/Bioenergie, Erdwärme und Wasserkraft. So bietet die Wucht aus treibenden Tropfen noch viele Kräfte. Etwa 200.000 Kilowattstunden mehr pro Jahr vom Generator neben der Wasserturbine in Leutkirch-Schmidsfelden. Genug für über 100 Leute.

Die Rechnung mit den Regenerativ-Energien (Sonne und mehr) ließe sich allerdings auch noch anders aufmachen. So veröffentlichte die Energieagentur Ravensburg im Jahre 2019: Solarmodule auf bereits heute bestehenden Dächern im Kreis Ravensburg könnten 90 % des Strombedarfs hier decken. Da schildert die Energieagentur nur Elektrizität vom Dach. Dabei können Solarmodule auch schräg oder senkrecht montiert Strom liefern – oder viel Elektrizität aus bereits bestehenden Lärmschutzwänden im Kreis Ravensburg.

Kurz: Wenn 90 % aller im Kreis Ravensburg verbrauchten Kilowattstunden aus Solarplatten auf Dächern entstehen können – und wenn senkrecht stehende Solarmodule weiteren Strom gewinnen – dann müssten Bioenergie, Erdwärme und Wasserkraft höchstens noch die restlichen 10 % abdecken. Verglichen mit den 5,75 des kreisweiten Strombedarfs aus den sechs genehmigten Windtürmen in Hoßkirch also nicht mehr als zwei vergleichbare Windfelder zusätzlich. Zweimal je sechs Windtürme. Im ganzen Kreis Ravensburg.

Andere mögen's anders sehen. In den Gemeinden Aitrach, Argenbühl, Ebenweiler, Horgenzell und Kißlegg entstehen heute bereits mehr elektrische Kilowattstunden aus erneuerbaren Energiequellen als dort verwandt werden. 100 %. In keinem dieser Orte zu sehen: ein Windrad. Biogas, Solarmodule und Wasserkraft wirken dort umso mehr.

In dem 35-Seelen-Weiler Leutkirch-Rotis stammten (2015/2016 gemessen) rund 270.000 Kilowattstunden Elektrizität pro Jahr aus Solarplatten auf den Dächern dort. Die Rotiser Bevölkerung verbraucht pro Jahr wohl weniger als 90.000 Kilowattstunden. Sprich: dreimal mehr Elektrizitäts-Gewinnung als Verbrauch.

Die Sonne und ihre Töchter
Insgesamt: Die Sonne und ihre Tochterenergien bieten Beachtliches. Die Sonne strahlt zur Erde 15.000 mal mehr Energie, als die Menschheit derzeit aus Erdgas, Erdöl, Kohle und Atom bezieht. Regenerativ reichlich. Und vor allem: günstig. Nahe an der Bürgerschaft – und mit der Bürgerschaft. So wie über 2,5 Millionen Haushalte mit Solarmodulen auf ihren Dächern in Deutschland schon heute, im Sommer 2023, die Sonne nutzen.

Wer also die eigenen Stromkosten senken möchte – und wer nichts dagegen hat, dass dies auch die Nachbarsleute tun oder gar der ganze eigene Ort – fängt jetzt damit an. So ähnlich, wie's Aitrach, Argenbühl, Ebenweiler, Horgenzell, Kißlegg, Rotis und Uttenhofen schon bisher getan haben. Oder auch so, wie's Hoßkirch mit seinen neu geplanten sechs Windtürmen 2024 vorhat. Ein Ziel – viele Möglichkeiten. Sonnige Zeiten.

Transparenz-Hinweis: Julian Aicher betreibt in Leutkirch-Rotis ein Kleinwasserkraftwerk. Er befasst sich seit über 25 Jahren intensiv mit Erneuerbaren Energien (www.rio-s.de).

Seit Kurzem ist Julian Aicher Mitglied der Redaktion der Bildschirmzeitung, zuständig für den Bereich Leutkirch. Der 65-jährige Journalist berichtet auch aus dem Leutkircher Gemeinderat.

 

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halloRV

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