Isny – Im vergangenen Jahr war der 100. Geburtstag von Otl Aicher für viele Institutionen ein willkommener Anlass, sich mit diesem bedeutenden und einflussreichen Gestalter und Kommunikationsdesigner zu beschäftigen. Die Bildschirmzeitung hat über verschiedene Veranstaltungen berichtet. Das bei Weitem originellste Projekt haben sich dabei die Isnyer ausgedacht.
Erinnerungsmaschine aichermagazin
Mit dem sogenannten aichermagazin, einem schwarzen Ausstellungspavillon, im Kurpark würdigte die Stadt Isny die Zusammenarbeit mit Otl Aicher und ihr daraus 1977 entstandenes Erscheinungsbild. Das aichermagazin ist aber noch viel mehr als die Darstellung dieses Erscheinungsbildes. Es ist gleichzeitig eine Art akustischer Erinnerungsmaschine, von der man sich spannende Geschichten erzählen lassen kann. Es ist daher eine prima Idee, dass das aichermagazin auch noch in diesem Jahr zugänglich bleibt. Ergänzt wird diese Präsentation, die bis Ende September zu sehen ist, durch die Ausstellung „Otl Aicher. 101 Plakate“ in der Städtischen Galerie im Schloss. Diese Ausstellung des HfG-Archivs in Ulm war ein anderes Projekt des Erinnerungsjahres 2022. Sie ist jetzt nach Isny weitergewandert, wo sie bis zum 13. August zu sehen ist.
Das aichermagazin mitten im Kurpark
Leben und Arbeiten in Rotis
Der asymmetrische schwarze Baukörper mitten im Grün des Kurparks ist an sich schon ein Hingucker und ein spannendes Stück zeitgenössischer Architektur. Wenn der Besucher dann nähertritt, erkennt er schnell, wieviel spannende Informationen ihm hier visuell, aber auch akustisch geboten werden. Der Innenraum des Baus, dem das Dach fehlt, ermöglicht gewissermaßen die Begegnung mit dem berühmten Gestalter. Unter anderem mit Texten und Fotos wird dort zunächst der kleine Weiler Rotis zwischen Legau und Leutkirch vorgestellt. Otl Aicher hatte die Rotismühle gekauft. Ab 1972 lebte er dort mit seiner Familie und in den als Ergänzung entstandenen Neubauten arbeitete er mit seinem großen Team.
Otl Aichers Arbeitsweise
Besonders aufschlussreich ist die Infowand zum Thema „Feldforschung“. In kurzen Kapiteln von „Erkunden“ über „Gebrauch“ bis zu „Formen finden“ und „Zum Konkreten“ wird Aichers Vorgehensweise bei einem Projekt wie dem für Isny anschaulich gemacht. Zunächst sammelt der Gestalter bei Erkundungsgängen und -fahrten möglichst vielfältige Eindrücke. Diese werden dann immer mehr verdichtet und abstrahiert. So entstanden auch die einprägsamen und längst als Klassiker geltenden 136 Bildzeichen in Schwarzweiß für Isny. Als kompakter Block werden diese im Innenraum des Pavillons selbstverständlich auch gezeigt.
Einige von Aichers Bildzeichen für Isny
53 Isnyer Geschichten zum Anhören
Eine Auswahl dieser Bildzeichen läuft als Band an der überdachten Außenwand des Baus entlang. Begleitet werden sie von 53 QR-Codes. Mit dem Smartphone kann man sich hier von Orts- und Sachkundigen 53 Geschichten über Isny erzählen lassen. Von Bäcker Andreas Mayer erfahren wir zum Beispiel, was der Unterschied zwischen bayerischen und württembergischen Brezeln ist oder was es mit lutherischen und katholischen Brezeln auf sich hat. Auch der 1932 in Isny geborene und 2018 verstorbene Schriftsteller Günter Herburger kommt zu Wort und spricht über seine Heimat. Für eines von Otl Aichers Isny-Plakaten hatte Herburger in den 1970er-Jahren das schöne Diktum beigetragen: „Meine Heimatstadt macht mich immer satt.“ Mit diesen vielen akustischen Miniaturen kann der Besucher einen kurzweiligen und gleichzeitig sehr informativen Nachmittag verbringen.
Per QR-Code kann man 53 Isnyer Geschichten hören
Die Plakate als Leitmedium
Man sollte es aber nicht versäumen, auch die Ausstellung mit 101 Plakaten des Kommunikationsdesigners in der Städtischen Galerie im Schloss zu besuchen. Sie ergänzt das, was man im aichermagazin erfahren hat, hervorragend. Die für die unterschiedlichsten Auftraggeber geschaffenen Plakate sind im Werk Aichers so etwas wie das Leitmedium. In der Bandbreite der dort behandelten Themen werden der Mensch Otl Aicher und seinen Interessen gut fassbar: der engagierte Demokrat, der an Kultur und Umwelt interessierte Zeitgenosse etwa. Während die Plakate im Ausstellungsraum des HfG-Archivs im letzten Jahr sehr gedrängt präsentiert werden mussten, können sie in dem weiten Gewölberaum im Schloss nun großzügig ausgebreitet werden. Der Großteil wird in langen Friesen in den Raum gestellt. Das nimmt eindrucksvoll die Form wieder auf, in der seine berühmten Plakate für die Olympiade 1972 im Münchner Stadtbild präsentiert worden waren.
Blick in die Ausstellung im Schloss
Plakate für die Volkshochschule Ulm
Die Ausstellung zeigt nicht nur diese Arbeiten, die mit ihren farblich verfremdeten Motiven aus den verschiedenen Sportarten längst als Ikonen der modernen Gebrauchsgrafik gelten. Vertreten sind natürlich auch Aichers frühe Plakate für die legendäre, 1946 von ihm und seiner späteren Frau Inge Scholl mitgegründeten Volkshochschule Ulm. In den schlanken Formaten, die in Ulm damals auf schmalen Stelen plakatiert wurden, erprobte und entwickelte der junge Gestalter seinen eigenen grafischen Stil. Auch seine Vorliebe für eine konsequente Kleinschreibung nimmt hier ihren Anfang.
Otl Aichers Plakate für die Olympiade 1972
Arbeiten für den Flughafen München, das ZDF und die Ostermärsche
Die gezeigten Plakate, die für den Flughafen München oder für die Metro von Bilbao entstanden, verweisen in der Ausstellung auf einen weiteren Arbeitsschwerpunkt des Büros Aicher. Mit einer möglichst eindeutig lesbaren Bildsprache sollten Leitsysteme für Orientierung sorgen. Aichers Lösungen gelten bis heute als vorbildlich und haben weltweit Schule gemacht. Ebenso überzeugend sind auch seine Erscheinungsbilder für das ZDF, die Lufthansa oder den Leuchtenhersteller ERCO. In den Plakaten für die SPD, für die Ostermärsche der 1960er-Jahre oder die Menschenkette 1983 wird schließlich auch noch der politisch agierende Zeitgenosse Otl Aicher sichtbar.
Noch bis Mitte August
Noch bis Mitte August besteht die Gelegenheit, sich mit dem Besuch der Ausstellung im Schloss und dem Besuch des aichermagazins quasi auf dem Spazierweg ein umfassendes Bild von der eindrucksvollen Persönlichkeit Otl Aichers und seinem epochemachenden Werk zu verschaffen.
Text und Fotos: Herbert Eichhorn
Im Schloss Isny
Städtische Galerie im Schloss Isny
mittwochs bis freitags 14.00 bis 18.00 Uhr
samstags, sonntags 11.00 bis 18.00 Uhr
Im Kurpark
Das aichermagazin im Kurpark ist bis Ende September an allen Tagen und rund um die Uhr zugänglich.
Führungen
Es werden Führungen angeboten durch das aichermagazin, durch die Plakatausstellung und auch Kombi-Führungen:
aichermagazin im Kurpark: Donnerstag, 13. Juli und Donnerstag, 10. August, um 19.00 Uhr.
Ausstellung Städtische Galerie im Schloss: Sonntag, 2. Juli und Sonntag, 13. August, um 11.00 Uhr.
Kombiführung Ausstellung & aichermagazin: Samstag, 22. Juli, um 11.00 Uhr.
Anmeldung zu den Führungen unter www.isny.de/otlaicher

