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Leutkirch - Noch bis 25. Juni ist in der Stadtpfarrkirche St. Martin die spannende Ausstellung „Kirche – Raum – Gegenwart“ zu sehen. Sie geht der Frage nach, wie sich Kirchräume verändern müssen angesichts rapide zurückgehender Gottesdienstbesuche und angesichts neuer Anforderungen an die Gemeinden. Und es geht auch ganz konkret um die Umgestaltung des Leutkircher Gotteshauses selber.

Aktuelle Beispiele für die Transformation von Kirchen
Die Präsentation entstand in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst (DG) in München. Es werden 14 Kirchen in Süddeutschland vorgestellt, die in den letzten Jahren eine Transformation erfuhren. Das Spektrum geht dabei von Kirchen, die maßvoll den neuen Bedürfnissen und Gegebenheiten angepasst wurden, bis zu völligen Umnutzungen. Der andere Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Martinskirche. Ihre Geschichte und baulichen Besonderheiten werden in Schautafeln erläutert. Dann werden die Überlegungen des Künstlerpaares Ursula und Tom Kristen für ihre Umgestaltung vorgestellt.

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Blick in die Ausstellung im hinteren Teil der Stadtpfarrkirche.

Wie soll die Stadtpfarrkirche im Jahr 2050 aussehen?
Schon seit 2015 beschäftigt sich die Gemeinde der Leutekirche innerhalb des Diözesanprojekts „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten“ mit der Frage, wie ihr Gotteshaus im Jahr 2050 aussehen soll. 2021 wurden die Leutkircher dann von der DG zusammen mit drei anderen Gemeinden zu der Aktion „Kirche – Raum – Gegenwart“ eingeladen, die Perspektiven für die vielerorts anstehenden Veränderungen erkunden soll. Dazu wurde den Gemeinden immer ein Duo von Architekten und Künstlern zugeordnet, im Fall der Martinskirche Ursula und Tom Kristen aus der Nähe von Landsberg am Lech. Im Juni 2022 fand in Leutkirch eine „Ideenwerkstatt“ mit dem Künstlerpaar statt. Deren Ergebnisse gingen auch in die jetzt in der Ausstellung präsentierten und zur Diskussion gestellten Vorschläge ein.

Die Kirche soll zunächst geleert werden
Zentrales Element in den Vorschlägen der Kristens ist die Leerräumung des Kirchenraums, also vor allem die Entfernung der Kirchenbänke, um ihn dann für die unterschiedlichen Veranstaltungsformate flexibel zu möblieren. Aber in den verschiedenen „Möglichkeitsräumen“, die in der Ausstellung zu sehen sind, ist nicht nur das Gestühl verschwunden. Die Apostelfiguren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und Gebhard Fugels Kreuzwegstationen von 1936 – beides derzeit an den Längswänden der Kirche platziert – tauchen nirgends mehr auf. Albert Burkharts monumentale Wandbilder zum Leben des Hl. Martin und der Hl. Elisabeth, ebenfalls aus den 1930er-Jahren, finden nur noch in einem Vorschlag Gnade. In den anderen sind sie weiß übertüncht. In den Vorschlägen, die am weitesten gehen, bleiben in dem vollkommen in Weiß gehaltenen Kirchenraum nur wenige Preziosen aus dem 15. und 16. Jahrhundert erhalten, etwa eine um 1500 entstandene stehende Madonna und eine etwas ältere Hl. Anna.

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Von den Bildwerken aus dem 19. und 20. Jahrhundert soll nach der Vorstellung des Künstlerduos nicht viel bleiben.

Im Besucherbuch überwiegen die negativen Reaktionen
Die Einträge im ausliegenden Besucherbuch dokumentieren die Reaktionen der Ausstellungsbesucher auf die Raumideen des Künstlerpaars. Die meisten von ihnen fallen ausgesprochen negativ aus und spiegeln einen regelrechten Schock. Die Mehrzahl der Besucher empfindet die Vorschläge als „kahl, hart, hässlich“. Jemand formuliert drastisch: „Habt ihr noch alle Tassen im Schrank. Wo ist euer Herrgott?“

Damals ein ganz neuer Typus von Kirchenbau
Hier ist sicher auch der Rückblick auf die Geschichte der Martinskirche hilfreich, den die Präsentation bietet. Als die Leutkircher von 1514 bis 1519 ihr neues Gotteshaus errichteten, entschieden sie sich für einen neuen, letztlich demokratischen Typus von Kirchenbau, für eine sogenannte Hallenkirche. Im Gegensatz etwa zum Basilikatypus entsprach diese besser den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen und den Bedürfnissen in den stolzen, selbstbewussten Reichsstädten. Jeder Platz in der Kirche sollte im Prinzip gleichberechtigt sein. Solche weiten, offenen Einheitsräume entstanden in Südwestdeutschland damals zum Beispiel auch in Heilbronn, Herrenberg oder Schwäbisch Hall. Alle diese Kirchen gelten heute als Höhepunkte der spätgotischen Baukunst.

Es wurde immer wieder umgebaut
Allerdings erlebten diese Bauten ein unterschiedliches Schicksal. So ist zum Beispiel in St. Michael in Schwäbisch Hall die mittelalterliche und frühneuzeitliche Ausstattung an Altären und anderem erhalten geblieben. Bei einem Besuch dort ist man davon immer wieder überwältigt. In St. Martin in Leutkirch ist dagegen von der ursprünglichen Ausstattung nichts mehr übrig. Im Gegenteil: Dort wurde, überspitzt formuliert, spätestens alle 100 Jahre das „alte Glump“ rausgeworfen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Kirche barockisiert, Mitte des 19. Jahrhunderts dann gotisiert. 1935/36, 1971/72 und zuletzt im Jahr 2001 wurde wieder restauriert – wobei restaurieren offensichtlich häufig bedeutete, dass die nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprechenden Ausstattungen größtenteils entsorgt wurden.

Das Unbehagen, dass all diese Umbauten und Purifizierungen der Martinskirche nicht unbedingt gut getan haben, sprechen auch die Texte der Ausstellung an. „An vielen Stellen sind unbefriedigende Brüche erkennbar, die die Strahlkraft der liturgischen Orte verunklären.“ Was aber bleibt und von keiner Umbaumaßnahme beeinträchtigt wurde, ist der großartige spätgotische Hallenraum der Kirche. Mit ihm gilt es, auch angesichts seiner historischen Bedeutung, bei den anstehenden neuen Veränderungen sorgsam umzugehen.

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Visualisierung der verschiedenen Vorschläge von Ursula und Tom Kristen.

Vergleichsbeispiel St. Fidelis in Stuttgart
Ursula und Tom Kristen liefern wichtige Anregungen. Aber ob ihre ganz in Weiß gehaltenen, doch recht zeitgeistig-unterkühlten Vorschläge den richtigen Weg weisen, darüber kann man sicher streiten. Die in der Ausstellung präsentierten Vergleichsbeispiele helfen nicht viel weiter. Die meisten der hier vorgestellten Kirchen entstanden im 20. Jahrhundert. Keine andere stammt aus der Spätgotik. Tatsächlich fällt die Transformation einer Kirche, die noch keine 100 Jahre alt ist, wohl leichter. Auch fällt auf, dass bei gelungenen Projekten wie etwa St. Fidelis in Stuttgart weniger rabiat mit den Resten aus früheren Bauphasen umgegangen wurde. 2019 gingen dort Dominik Schleicher und Michael Ragaller daran, die 1925 im Stil des Expressionismus erbaute und nach Kriegszerstörungen vereinfacht wieder errichtete Kirche umzugestalten. Dabei haben sie eine Vielzahl von Architektur- und Ausstattungsdetails wie etwa die plastischen Konsolen und die Beichtstühle aus den 1920er-Jahren sowie die farbigen Glasfenster aus den 1960er-Jahren beibehalten und in ihr Konzept mit einbezogen.

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St. Fidelis in Stuttgart wurde im Jahr 2019 umgebaut.

1519 gab es neun Altäre
Der wunderbar offene Raum der Leutkircher Martinskirche wurde vor einem halben Jahrtausend von seinen Erbauern geschaffen als Gehäuse für viele Gläubige, aber auch für viele große Altäre. Nach dem Weihebrief von 1519, der in der Ausstellung ebenfalls thematisiert wird, waren es neun große Altäre. Ist es ketzerisch zu fragen, ob es angesichts dieser historischen Fakten nicht eher um das Füllen des Raumes gehen sollte als um dessen Leerräumung?

Wie umgehen mit den Werken des 19. und 20. Jahrhunderts?
Dabei könnte auch die in den Vorschlägen der Kristens großteils weggelassene Ausstattung des 19. und 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen. Über die Kirchenkunst des 19. Jahrhunderts und über das Werk des ehemals so erfolgreichen Gebhard Fugel rümpfte man lange die Nase. Das hat sich aber geändert und diese Werke finden heute wieder ihre Anerkennung. Albert Burkhart, dessen Fresken zu tilgen die Kristens ebenfalls vorschlagen, war ein ambitionierter und qualitätvoller Vertreter des expressiven Realismus. Seine Leutkircher Szenen aus den Heiligenleben nehmen Stilelemente der frühitalienischen Malerei etwa eines Giotto auf und benutzen Erzählstrategien, die wir heute aus dem Comic kennen. Es wäre schade, wenn sie einfach überpinselt würden.

Die Verantwortlichen der Martinsgemeinde stehen vor schwierigen Entscheidungen, wenn es um die erneute Umgestaltung ihrer Kirche geht. Dabei sind sie sich ihrer historischen Verantwortung sicher bewusst und sollten auch den Entscheidungen ihrer Vorgänger mit Respekt begegnen.
Text und Fotos: Herbert Eichhorn

 

 

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halloRV

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