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Langenargen / Leutkirch - Am Schluss werden es 75 Ausstellungen gewesen sein, die der Künstlerbund Baden-Württemberg im Rahmen seines landesweiten Projektes „Trüffelsuche“ im Laufe eines Jahres initiiert hat. Er hat auch den Galeriekreis Leutkirch und das Museum Langenargen zu einer Art Tauschgeschäft zusammengebracht. Im Kornhaus in Leutkirch waren Werke der Malerin Dietlinde Stengelin aus Langenargen zu sehen. Die Bildschirmzeitung hat darüber berichtet. Und nun und noch bis zum 5. November zeigt das Museum am Bodensee unter dem Motto „Porträts und Jagdgesellschaften“ Arbeiten von Wolfgang Henning.

Eine kleine Retrospektive und eine Hommage
Mit Werken aus einem Vierteljahrhundert ist in dem traditionsreichen Haus fast so etwas wie eine kleine Retrospektive zusammengekommen. Diese erhält dadurch noch einen besonderen Reiz, dass Wolfgang Henning, der in Leutkirch und Karlsruhe lebt, nach Langenargen auch Werke seines Vaters mitgebracht hat, vor allem Porträts. Die Werke von Erwin Henning sind in die Ausstellung des Sohnes eingebunden und treten mit dessen Schöpfungen immer wieder in einen aufschlussreichen Dialog. So ist die Ausstellung unter anderem auch eine manchmal fast zärtliche Hommage an den Vater.

Bilder des humanen Mitleidens
Am eindrucksvollsten gelingt der Dialog an der Stirnwand des größten Ausstellungsraums. Dort hängt Erwin Hennings großes Hochformat „Vision“ zwischen zwei Querformaten des Sohnes und bildet mit diesen quasi ein Triptychon. Die Malweise der beiden ist völlig unterschiedlich. Der Stil des Vaters knüpft an die Neue Sachlichkeit an. In der betont zeichnerischen Bildsprache des Sohnes wirken dagegen zum Beispiel Einflüsse von Graffiti oder auch von den Künstlern der Gruppe Cobra nach. Allerdings sind alle drei Arbeiten in ähnlichen Grautönen gehalten. Und verbunden sind sie vor allem durch ein tief humanes Mitleiden: Im unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstandenen Gemälde des Vaters irrt eine Flüchtlingsfamilie durch die Ruinen einer Stadt. Und die zwei Arbeiten Wolfgang Hennings aus den 1980er-Jahren beziehen sich auf dessen damalige Arbeit mit eritreischen Flüchtlingen in Leutkirch.

01Erwin Henning Vision um 1946 zwischen zwei Gemälden von Wolfgang Henning

Erwin Henning, Vision, um 1946, zwischen zwei Gemälden von Wolfgang Henning

Im Schaffen von Wolfgang Henning geht es um das Menschsein: um die Leiden des Menschen, seine Verletzlichkeit, aber oft auch um seine merkwürdigen, manchmal auch lächerlichen Irrwege. Das Mitleiden ist zum Beispiel auch Thema in den beiden großen „Studien zu einem klassischen Thema“, wie sie der Künstler mit einem gewissen Understatement betitelt. Dabei beschäftigt er sich hier mit der Darstellung der geschundenen Kreatur schlechthin, nämlich mit der Kreuzigung.

Jäger und Querulanten
Aber in den meisten Arbeiten geht es humorvoller und auch farbiger zu. Da sind zum Beispiel seine „Jagdgesellschaften“ oder seine „Querulantenversammlungen“ mit ihrem dichtgedrängten skurrilen, oft fratzenhaften Personal. Der Besucher entdeckt auch eine „Laudatio auf eine Schweinskopfsülze“ mit einer feisten Gestalt, von der der zugehörige Text erläutert, die Darstellung beziehe sich auf eine konkrete Person. Da blitzt bei Wolfgang Henning manchmal etwas vom ätzenden Humor eines George Grosz durch. Dazwischen findet sich aber auch ein zuversichtlicherer Blick auf das menschliche Miteinander, etwa in der erst 2022 entstandenen Paardarstellung „Gemeinsam die Leichtigkeit einer Feder suchend“. Ganz entspannt geht es auch in der Szene zu, für die sich der Maler den Titel bei den Comedian Harmonists ausgeliehen hat: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“.

02 Wolfgang Henning Jagdgesellschaft I 1998

Wolfgang Henning, Jagdgesellschaft I, 1998

Die Literatur als Inspirationsquelle
Überhaupt scheint die Literatur für Wolfgang Henning eine wichtige Inspirationsquelle zu sein. So gibt es in der Präsentation viele literarische Bezüge zu entdecken. Für den Titel „Alle rennen nach dem Glück“ bediente der Künstler sich zum Beispiel beim „Lied der Unzulänglichkeit“ aus Bert Brechts Dreigroschenoper. Anderes bezieht sich auf Thomas Mann, Antoine de Saint-Exupery, Ernst Jandl oder auch Pasolini.

Porträts von Katzenpersönlichkeiten
Regelrecht zu Herzen geht einem schließlich ein Raum, der ganz Hennings Bildern von Katzen gewidmet ist. Bezugspunkt ist wieder ein Gemälde des Vaters, ein Porträt des etwa zehnjährigen Wolfgang mit einer Katze auf dem Schoß. Darum herum sind dessen Arbeiten gruppiert. Die relativ großen Formate, die Verwendung von reiner Ölfarbe, die strenge Auffassung: Das alles macht deutlich, wieviel dem Künstler an dem Thema liegt. Bei diesen Gemälden handelt es sich nicht um harmlose Idyllen, sondern gewissermaßen um Porträts von Katzenpersönlichkeiten, die sich auch durch eine gewisse Strenge auszeichnen. Wenn Henning die Katzen zum Teil mit erbeuteten Vögeln darstellt, zeigt er bewusst auch deren Raubtierseite. In anderen Bildern macht er schließlich ihr Sterben zum Thema.

04 Erwin Henning Sohn Wolfgang mit Katze um 1956 und Wolfgang Henning Katze mit Vogel 2005

Erwin Henning, Sohn Wolfgang mit Katze, um 1956, und Wolfgang Henning, Katze mit Vogel, 2005

Die Ausstellung in Langenargen ist eine wahre Trüffel
Innerhalb der Aktion „Trüffelsuche“ des Künstlerbundes ist die Ausstellung von Wolfgang Henning tatsächlich, um in dieser Begrifflichkeit zu bleiben, eine wahre Trüffel, also ein besonders gelungenes Projekt. Auf der zweiten Etage und im Treppenhaus des Museums Langenargen wird dem Besucher ein klug und einfühlsam konzipierter Überblick über das Schaffen des Malers geboten. Angeregt, ja möglicherweise sogar angerührt, verlässt man das Museum und geht vielleicht die paar Schritte hinüber zur schönen Uferpromenade, um bei einem Cappuccino die Bilder im Kopf noch etwas nachwirken zu lassen.
Text und Fotos: Herbert Eichhorn

Museum Langenargen
Marktplatz 20
dienstags bis sonntags & feiertags 14.00 bis 18.00 Uhr
öffentliche Führungen mittwochs 15.00 Uhr

03 Wolfgang Henning Der ewige Ikarus 2021

Wolfgang Henning, Der ewige Ikarus, 2021

 

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halloRV

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