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LEUTKIRCH - Comedy vom Feinsten, punktgenaue Pointen über Wellness, Musikstile der Metal-Szene und über das Hobby Modelleisenbahnen gab es im Bocksaal von Lokal-Comedian Christian Netti, aber anscheinend kein Thema für allgemein kulturell interessierte Bürger der Region oder gar Fasnetsfans – die fehlten.

Ausreichend da waren die Heavy Metal Fans, und alle, die es werden oder niemals werden wollen. Ein perfekter Publikums-Mix, die große Bühne für den zunächst klein-spurig (später kommt der Bezug auf Modelleisenbahnen) auftretenden Christian Netti: OOOMMMHHH – Namastée – über die morbide Vergänglichkeit des Seins.

Ungewohnter Anblick: Netti im akrobatisch-anmutenden Yoga-Sitz und im Einbein-Stand mit gefalteten Händen und beruhigender Wellness-Meditations-Stimme ohne jeden Tonfall. Gewohnt sind die Insider-Gäste „ebbes ganz anders“: Der Schrei nach Slayer oder Manowar, laut, dröhnend, röhrend – und Echos aus dem Publikum wie von Carsten, der den Black-Metal-Sound voll drauf hat.

Nach der Wellness-Nummer kommt es knallhart
Nicht nur die Heavy-Metal-Musik (HM), gemixt vom Leutkircher DJ Daniel Breeze als Vorspiel zum grenzwertigen Kabarett der ungewöhnlichen Art stimmten auf den leicht schrägen Abend ein, auch die vielen schwarz gekleideten Besucher im Bocksaal, die mit Spannung erwarteten, was da wohl auf einen zukommen mag. O.k.- es sind zwei Drittel mehr oder weniger junge Mannen da, Frauen lassen sich an 10 Fingern abzählen. Ist HM also Männer-lastig – gefällig?

Darüber gab es leider keine Infos von Netti, aber die volle Aufklärung darüber, „was genau HM-Classic, HM als Death-metal oder thrash metal oder gar der Black metal genau isch“, und woran man die Unterschiede erkennt. Der Aha-Effekt kam bei den meisten eingangs erwähnten Personen im schwach beleuchteten Bocksaal. Manchmal ist es nur der Name einer Band: Manowar – steht für den True Metal – also der echte Metal. Alles ist REAL, also wirklich, da stehe man für was gerade und nur für das, "vergleichbar mit CSU-Wählern oder Donald Trump" (O-Ton Netti), die absolute Ablehnung von allem, außer sich selbst.

Bei Black Metal ist alles evil – böse, auch die dröhnende Stimme, laut Netti vergleichbar mit Schülern, die keine Lust mehr auf Unterricht haben. Mitmachen war dann angesagt: „Alle meine Entchen in einer Death-metal-Performance“ – da waren auch einige Frauen stimmlich dabei….

„Destruction Didr“ erzeugt die pure Gänsehaut
Slayer – ganz ruhig ausgesprochen von Dieter, bzw. „Didr“ im Älbler-Dialekt, mimte Christian Netti in der hohen Kunst, fremdartige Rollen einzunehmen. Überhaupt swicht der Comedian problemlos durch verschiedene Sprachen: hochdeutsch (ganz schwierig) – voll schwäbisch – und eben älblerisch, mit den butterweichen Silben. Der Didr isch Automarken-Quartettspieler, bzw. kennt er halt alle Karten mit PS und Kubik in- und auswendig, und ist zudem Mitglied im

Modelleisenbahnverein „Unterwegesheim“.
Unterwegs ist er aber auch zu Heavy-Metal-Festivals, wie einst mit Evil-Manfred, z.B. nach Wacken, der größten HM-Party in Deutschland. Seitdem nennt er sich Destruction-Dieter (Zerstörungs-Dieter), total zum Metal-Fan mutiert, mit FAVE-Band „Slayer“, inklusive Nieten-Manschetten am Handgelenk und Nietengürtel um den ärmellosen Pullunder aus den 70er Jahren.

Hauptbahnhof abgefakelt – good feeling!
Der so weichherzige Slayer-Didr, von Beruf Briefträger, berichtete unglaublich gelassen die spannende Geschichte, wie er zum Jubiläum des Modelleisenbahnvereins den „Stuagadr Haubbahhof“ im Maßstab 1 zu 87 nachgebaut hat, so viel habe er „bei dr Boschd noch nia gschaffet“. Dann kam er – plötzlich und unerwartet, genau vor seiner Eisenbahner-Jubiläumsrede: Der Appetit auf Destruction ! Und er fakelte vor den Augen der entsetzten Mit-Mitglieder die ganze Anlage mit voller Genugtuung ab.

Neben Kabarett vom Feinsten, coolen Sprüchen und Insider-Wissen wie die Erklärung für antikosmische Bewusstseinsstörung, konnte man sich über die Garderobe für ein HM-Festival informieren: T-Shirt in Bläck mit einer möglichst geheimnisvoll-hieroglyphischen Botschaft vorne oder hinten drauf. Baumwolle oder Polyester spielt keine Rolle, allerdings sollte unbedingt noch ein Leber-Aufguss gebrüht werden, der im Bocksaal in Form von Kellerbier oder Braunem Sprudel empfohlen wurde.

Erfahren durfte man so nebenbei, dass Netti am Nachmittag noch vor 300 Kindern einen Fasnetsmittag durchgezaubert hat und auch, dass ER seinen ersten Auftritt in Egelsee hatte und, man höre und staune, auch schon in Berlin aufgetreten sei, aber letztendlich nur vor Leutkirchern, immerhin. In Leutkirch ist der magische Comedian mit Improvisations-Talent auf jeden Fall in seinem Element, besonders wenn Heavy-Metal-Musik aus den Lautsprechern dröhnt, wenn DJ Breeze die 80er und 90er Bands aus Wacken im Bocksaal beben lässt.

Text und Fotos: Carmen Notz

 

 

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halloRV

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