Mindelheim / Leutkirch - Im Jahr 2018 war die Nachricht vom ältesten Christkind der Welt überall in der Presse. In Mindelheim wurde damals im ehemaligen Jesuitenkolleg das Schwäbische Krippenmuseum eröffnet. Dort ist die kleine Skulptur – ihrer Bedeutung entsprechend – sicher hinter dickem Panzerglas seither zu sehen. Die Leser erfuhren, dass das nur 8,5 Zentimeter große Figürchen rund 700 Jahre alt ist und ursprünglich aus Leutkirch stammt. Dass es die kleine Figur gibt und dass sie etwas ganz Besonderes ist, wusste man. Bei den Franziskanerinnen vom Kloster Heilig Kreuz in Mindelheim, die es aufbewahrten, bis es ins Museum kam, genoss sie große Verehrung. Dort überlieferte man auch die Erzählung seiner Herkunft aus dem Mittelalter.
Wissenschaftliche Untersuchung bestätigte das hohe Alter
Im Vorfeld einer Ausstellung im Diözesanmuseum Freising 2012 beschäftigten sich die dortigen Wissenschaftler dann eingehend mit dem Figürchen. Eine Untersuchung mit der C14-Methode bestätigte, dass es tatsächlich aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammt. Ungewöhnlich ist die lebensnahe Darstellung. Das nackte Kind sitzt im Schneidersitz auf einem Kissen, hält einen Fuß und lutscht selbstvergessen am Zeigefinger. Während der Körper immer wieder übermalt wurde, zeigt das Kissen mit kleinen Blüten und Blättern auf Goldgrund noch die ursprüngliche Bemalung.
Große Verehrung nach dem Leutkircher Brotwunder
Nach Mindelheim kam das Jesulein, nachdem 1803 in Leutkirch das dortige Franziskanerinnenkloster aufgelöst worden war. Die Legende berichtet, dass die Nonnen dort das Figürchen bereits vorfanden, als sie im 15. Jahrhundert das Gebäude des heutigen „Alten Klosters“ bezogen, dessen Klostergemeinschaft im Pestjahr 1348 ausgestorben war. Der prächtige Schrein und die kostbare Bekleidung, die die Leutkircher Schwestern im 18. Jahrhundert für das Figürchen in Auftrag gaben und die auch in Mindelheim ausgestellt sind, bezeugen seine besondere Verehrung.
Das hat mit einer Legende zu tun. Ende des 15. Jahrhunderts litten die Nonnen Hunger. Nachdem die Oberin vor der kleinen Figur gebetet hatte, brachte „ein schönes Knäblein“ den Schwestern Brot. Ein Stück dieses Brotes wurde auch in den Sockel im Schrein eingefügt. Wie bei Reliquien üblich ist ihm ein kleiner erklärender Zettel beigefügt. „Das brod hat das Kindlae Jesu unsere Ersten Schwestern bracht“, kann man da lesen. In der Folgezeit fühlten sich die Nonnen unter dem besonderen Schutz der kleinen Figur, die sie ihr „Haushälterle“ nannten.
Christkindfiguren als Seelentrösterle
In Mindelheim gab es den Brauch, dass jede Schwester das „Haushälterle“ jeweils für eine Woche in ihre Zelle mitnehmen durfte. Dort konnte sie ihm dann ihre Sorgen und Nöte anvertrauen. Das erinnert auch an die Tradition der sogenannten „Seelentrösterle“. Ab etwa 1500 brachten die Nonnen bei ihrer Aufnahme ins Kloster oft eine Christkindfigur mit. Diese begleitete die Schwestern dann ihr ganzes Leben. Sie wurde wie ein eigenes Kind behandelt, wurde etwa gewiegt oder sogar gebadet.
Ein Andachtsbild
Das Leutkircher „Haushälterle“ ist allerdings mindestens 150 Jahre älter und ist sozusagen seiner Zeit weit voraus. Es entstand in einer Epoche, als unter dem Einfluss der Mystik für den privaten Gebrauch neue bildliche Darstellungen entstanden, sogenannte „Andachtsbilder“. Es waren Einzelfiguren oder kleine Gruppen aus der christlichen Heilsgeschichte, in deren Betrachtung sich der Gläubige versenken konnte. Das bekannteste Motiv ist das sogenannte „Vesperbild“, bei dem Maria ihren toten, vom Kreuz abgenommenen Sohn vor sich auf den Knien hat. Auch das in seinem Verhalten, aber auch mit den deutlich erkennbaren Geschlechtsmerkmalen so verblüffend lebensnah geschilderte „Haushälterle“ vermittelt eine theologische Botschaft: Gott ist wirklich ganz Mensch geworden.
Das Christkind als Gnadenbild
Das 700 Jahre alte Jesulein wurde nur innerhalb der Klostergemeinschaft verehrt, zunächst in Leutkirch und später in Mindelheim. Manche Christkindfiguren machten aber gewissermaßen Karriere und wurden zu viel verehrten Gnadenbildern, zu denen über die Jahrhunderte zahllose Wallfahrer pilgerten und zum Teil bis heute pilgern. Da es die Vorstellung gab, dass durch Berührung mit dem ursprünglichen Gnadenbild dessen Wirkmacht auch auf Kopien übertragen wurde, entstanden von den wichtigsten Gnadenbildern viele Kopien. Diese fanden dann wiederum in Kirchen und Kapellen ihren Platz.
Am häufigsten kopiert: das „Prager Jesulein“
In Mindelheim werden neben dem „Haushälterle“ noch Kopien von drei überregional populären Christkindfiguren vorgestellt: vom „Prager Jesulein“, dessen Original in der Karmeliterkirche Maria vom Siege in Prag verehrt wird, vom „Loretokindl“ aus dem gleichnamigen Kloster der Kapuzinerinnen in Salzburg und vom „Augustinerkindl“, das heute in der Münchner Bürgersaalkirche aufbewahrt wird. Am weitesten verbreitet ist sicher das „Prager Jesulein“, das man an der segnend erhobenen rechten Hand erkennt. Es ist wahrscheinlich das am häufigsten kopierte Gnadenbild überhaupt. Auch in Oberschwaben und im Allgäu haben sich viele solche Figuren erhalten. Im Verbreitungsgebiet der Bildschirmzeitung findet sich zum Beispiel ein prächtiges Beispiel in der Kirche in Bellamont und ein etwas einfacheres in der Kapelle von Brugg bei Arnach.
Viel zu entdecken im Schwäbischen Krippenmuseum
Der Raum, in dem man im Schwäbischen Krippenmuseum das alles erfährt, ist sozusagen nur der Auftakt. In der hervorragend gemachten und sehr informativen Dauerausstellung erfährt man dann viel Spannendes über die Geschichte der Weihnachtskrippen in Schwaben von der Barockzeit bis in die Gegenwart. Thema ist natürlich auch die 1618 erstmals aufgestellt Krippe der Mindelheimer Jesuiten, wohl die früheste in Schwaben überhaupt. Sie ist übrigens – frisch restauriert und nach einem neuen Konzept präsentiert – jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit gleich nebenan in der ehemaligen Jesuitenkirche zu sehen. Seit dem 19. Jahrhundert entstand dann gerade zwischen Mindelheim und der Donau eine regelrechte Krippenindustrie, die preisgünstige Krippen in Ton oder Wachs produzierte. Über den astronomischen Hintergrund des Sterns von Betlehem kann sich der Besucher ebenfalls informieren. Es gibt also in dem ganzjährig geöffneten Museum außer dem ältesten Christkind der Welt auch sonst noch viel zu entdecken.
Weitere Infos
Weitere Informationen unter www.mindelheimermuseen.de/schwaebisches-krippenmuseum und www.dimu-freising.de.
Text und Fotos: Herbert Eichhorn
Schwäbisches Krippenmuseum
Hermelestraße 4
Mindelheim
dienstags bis sonntags 10.00 bis 12.00 und 14.00 bis 17.00 Uhr

Das 700 Jahre alte Jesulein aus Leutkirch (ausgestellt in Mindelheim). Foto: Allgäu GmbH – Gregor Lengler

Das Leutkircher Jesulein in seinem kostbaren Kleid. © Diözesanmuseum Freising, Foto: Thomas Dashuber

150 Jahre jünger als das Leutkircher Jesulein: Michel Erharts Christkind. Zu sehen ebenfalls in der Mindelheimer Sammlung.
Ein Augustinerkindl, um 1780 (Mindelheimer Sammlung).

Ein Loretokindl in prächtigem Schrein (18. Jahrhundert; Mindelheiner Sammlung).

Ein Prager Jesulein (18. Jahrhundert; Mindelheiner Sammlung).

