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Leutkirch / Ulm - Dieses Jahr waren sie wieder präsent, etwa das minimalistische Dirndl in Hellblau, das Silvia Sommerlath und die anderen Hostessen trugen, oder die beschwingte Musik, die Kurt Edelhagen für die Eröffnungsfeier komponierte. Das 50-Jahr-Jubiläum der Olympischen Spiele 1972 in München wurde in zahlreichen Dokumentationen, Publikationen und Ausstellungen gewürdigt. Dabei rückte natürlich auch das unverwechselbare visuelle Erscheinungsbild der Münchner Olympiade noch einmal in den Blick und auch derjenige der für dieses die Verantwortung trug, der Gestalter und Kommunikationsdesigner Otl Aicher.

Aicher war 1966 zum Gestaltungsbeauftragten der Spiele bestimmt worden und drückte mit seinem Team der Olympiade seinen Stempel auf. Da Aicher in diesem Jahr 100 geworden wäre, gab und gibt es, gerade auch in der Region, einige Ausstellungsprojekte, die ihm gewidmet sind.

Ausstellungen in der Region
Erst vor wenigen Tagen schloss das klug gemachte und sehr anregende „Aichermagazin“, mit dem die Stadt Isny das für sie 1977 entstandene Erscheinungsbild angemessen feierte. Die Bildschirmzeitung berichtete über das Projekt. Noch bis zum 8. Januar zeigt das HfG-Archiv des Museums Ulm auf dem Kuhberg die Ausstellung „Otl Aicher. 100 Jahre. 100 Plakate“. Vom 12. November bis zum 16. April geht es dann in einer großen Ausstellung des Museums ganz allgemein um die Gestaltung von Widerstand und Protest in der internationalen Gegenwartsgrafik. Seit dem Sommer und voraussichtlich für zwei bis drei Jahre zeigt das Museum im Bock Leutkirch in modifizierter Form die ursprünglich bereits 2017 entstandene Ausstellung „Rotis und Otl Aicher“.

Otl Aicher wurde am 13. Mai 1922 in Ulm-Söflingen geboren. Der Nationalsozialismus und seine Gegnerschaft zum System, die ihn auch mit der Familie von Hans und Sophie Scholl zusammenführte, waren für ihn Schlüsselerfahrungen, die auch sein weiteres Leben und Schaffen bestimmen sollten. „mein denken war andenken gegen hitler“, hat er selber einmal seine Grundhaltung als durch und durch politisch geprägter Mensch erläutert.

Plakate für die vh Ulm
Die Ausstellung des HfG-Archivs – Aicher war Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung - stellt zwei Gruppen von Plakaten in den Mittelpunkt: Aichers Plakate für die Volkshochschule Ulm (vh) und diejenigen für die Olympiade. Daneben werden aber auch noch exemplarische Gestaltungen für Auftraggeber aus der Wirtschaft sowie politische Plakate gezeigt. Insgesamt über 300 Plakate hat Aicher für die vh Ulm, die er 1946 zusammen mit seiner späteren Frau Inge Scholl gegründet hatte, geschaffen. Die Drucksachen sollten sich klar vom Stil der Nazizeit abheben und durch ihre ausgesprochen moderne Gestaltung einen

Neuaufbruch signalisieren.
Nachdem die Plakate zunächst quadratisch waren, war bald ein standardisiertes schmales Hochformat markantes Erkennungsmerkmal der Ulmer Plakate. In der Ausstellung werden sie so gezeigt, wie sie auch auf den Straßen präsentiert wurden, nämlich mehrere Plakate übereinander auf schlanken Stelen. Aicher, der als Gestalter Autodidakt war, entwickelte an den Drucksachen für die vh Ulm, die sich durch große Experimentierfreude auszeichnen, auch sein eigenes Instrumentarium zur grafischen Gestaltung weiter. Anfangs finden sich noch reduzierte Figuren und gegenständliche Motive, später überwiegen auf Fernsicht hin konzipierte abstrakte Zeichen. Diese werden mit knappen und in relativ kleinen Schriftgraden gesetzten Textinformationen kombiniert. Auch die Kleinschreibung, die Otl Aicher später konsequent einsetzte, taucht hier früh auf.
Wenn man zwischen diesen Plakaten steht, wird einem klar, wie sehr es der vh Ulm mit ihrem anspruchsvollen Programm um ein Hin zu einer demokratischen und weltoffenen Gesellschaft ging. Die Namen der angekündigten Referenten von Walter Dirks bis Eugen Kogon lesen sich wie ein „Who is who“ der kritischen Intelligenz der jungen Bundesrepublik.

Plakate für die Olympiade
Den zweiten Schwerpunkt der Ulmer Präsentation bilden die Plakate für München 1972. Im Verfahren der sogenannten Pseudo-Solarisation wurden dabei Fotografien, die typische Situationen für verschiedene Sportarten zeigen, farblich verfremdet. Sie wurden dann – in der Regel in drei bis fünf Farben – entweder in einem aufwändigen Siebdruckverfahren oder im Offsetdruck hergestellt. Diese Plakate, die damals, als breite Friese präsentiert, im Münchner Stadtbild wichtige visuelle Akzente setzten, sind längst zu Ikonen der modernen Gebrauchsgrafik geworden.

Fotos von Karsten de Riese
Mit der Olympiade setzt auch die Leutkircher Ausstellung ein. Es wird zum Beispiel noch einmal die mittlerweile legendäre Farbskala thematisiert, die sich im Verzicht auf Schwarz und Gold klar von dem Erscheinungsbild der Spiele von 1936 abheben sollte: hellblau, hellgrün, gelb, dunkelblau, dunkelgrün und orange. Ansonsten ist die Ausstellung mit Rotis dem zwischen Legau und Leutkirch gelegenen Ort gewidmet, an dem Aicher ab Sommer 1972 lebte und arbeitete. Den sachlichen und unprätentiösen Schwarzweißfotos von Karsten de Riese, ehemals Student an der HfG, gelingt es hervorragend, ein Bild vom Leben und Arbeiten an diesem Ort zu vermitteln. Daneben zeigt die Ausstellung einige von Aicher für Rotis entworfene Möbel und verschiedene Varianten seines Olympiamaskottchens „Waldi“

Campus Rotis
Zunächst wird die charakteristische Architektur dokumentiert. Im Lauf der 1970er-Jahre ist in Rotis ein richtiger „kleiner Campus, den man in die wunderschöne Landschaft gesetzt hat“, entstanden, bemerkte Stararchitekt Norman Foster bewundernd. Da sind zum einen die historischen Gebäude der Rotismühle, die umgebaut wurden. So fanden etwa im ehemaligen Ökonomiegebäude die Druckerei und, als Ort für Veranstaltungen, die sogenannte Rôtisserie ihren Platz. Die eigentlichen Arbeitsräume des Teams sind in großteils auf Stahlstützen stehenden Atelierhäusern mit Sheddach untergebracht. Die von Aicher entworfenen schlichten Bauten aus heimischem Holz sollten nach seiner Aussage „keinen Architekten erkennen lassen“. Trotzdem dokumentieren sie eindrucksvoll Aichers lebenslanges Interesse am Thema Architektur.

Arbeiten und feiern
In den Fotografien wird die konzentrierte Arbeitsatmosphäre in Rotis ebenso greifbar wie das gemeinsame Leben, Kochen und Feiern. Die ebenfalls sehr konsequent gestalteten Einladungen etwa zur Maifete, zum Bohnenfest oder zum Gansessen signalisieren, dass hier eine ganz eigene Atmosphäre herrschte, in der Leben und Arbeiten zusammengingen. Die Bilder einer – heute würde man sagen – Performance, in der sich Otl Aicher nach und nach aus einer Eishockeymontur herausschält, um schließlich nackt von der Bühne zu verschwinden, belegen, dass es in Rotis auch manchmal recht zwanglos zugehen konnte.

Rotis, die Schrift
Natürlich muss in einer Rotis gewidmeten Ausstellung auch die in den 1980er-Jahren vom Büro Aicher entwickelte und nach dem Entstehungsort benannte Schrift thematisiert werden. Längst ist die Rotis in ihren verschiedenen Ausprägungen ein Klassiker, der von den verschiedensten Institutionen und Anwendern genutzt wird.

Landmarken des geistigen Lebens
Unter der Überschrift „Rotis, mitten in der Welt“ thematisiert die Ausstellung darüber hinaus, dass sich in dem etwas abgelegenen Weiler nicht nur regelmäßig Kunden aus ganz Deutschland einfanden. Bei Otl Aicher und seiner Frau Inge Aicher-Scholl waren regelmäßig wichtige Intellektuelle wie etwa Walter Jens sowie einflussreiche Vertreter des öffentlichen Lebens zu Gast. Wie zuvor schon die weit über die Stadt hinausstrahlende vh Ulm war auch Rotis für einige Jahre eine feste Landmarke auf der Karte des geistigen und kulturellen Lebens der Bundesrepublik.

In Leutkirch kann man die Bilder und Texte der Ausstellung auch nach Hause tragen und zwar in einer schönen, von der Heimatpflege Leutkirch e.V. herausgegebenen Broschüre, die im Museum zum Preis von 5 Euro angeboten wird.

Text und Fotos aus dem Museum im Bock: Herbert Eichhorn
Plakate: © Florian Aicher, HfG-Archiv – Museum Ulm

HfG-Archiv im Museum Ulm
Am Hochsträß 8
dienstags bis freitags 11.00 bis 17.00 Uhr
samstags/sonntags/feiertags 11.00 bis 18.00 Uhr

Museum im Bock in Leutkirch
mittwochs 14.00 bis 17.00 Uhr
erster Samstag im Monat 13.00 bis 17.00 Uhr
sonntags/feiertags 13.00 bis 17.00 Uhr

10Otl Blick in die Leutkircher Austellung

Blick in die Leutkircher Ausstellung

10 Otl Olympiamaskottchen Waldi

Steht für die heiteren, die bunten Spiele: das Olympiamaskottchen Waldi.

10Otl Otl Aicher Die Romantik als geistiges Ereignis Plakat fuer die vh ulm 1957 Florian Aicher HfG Archiv Museum Ulm

Otl Aicher: Die Romantik als geistiges Ereignis, Plakat für die vh Ulm, 1957. ©Florian Aicher, HfG-Archiv, Museum Ulm

10Otl Aicher und Mitarbeiter Olympische Spiele 1972 Muenchen Entwurf 1970 71 Florian Aicher HfG Archiv Museum Ulm scaled

Otl Aicher und Mitarbeiter: Olympische Spiele 1972 München, Entwurf 1970-71. ©Florian Aicher, HfG-Archiv, Museum Ulm, 150x150

 

 

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