Zur Kontroverse um den Kißlegger "Adler"
Kißleggs Bürgermeister lobte den Scheidenden über den Schellenkönig. Und das mit Recht. Dr. Jörg Leist, Wangens Alt-OB, war ein Heimatpfleger von überragender Klasse. Als Stadtoberhaupt Wangens war der aus dem traditionsreichen Rottweil Stammende eine Idealbesetzung gewesen. Er hat im schönen Wangen erhalten, bewahrt, gerettet, was in den bauwütigen 1970ern eminent gefährdet war.
So war dort, wo heute – wie seit Jahrhunderten schon – die wuchtige Eselmühle steht, allen Ernstes ein Durchbruch durch die Stadtmauer geplant gewesen, um die alte Reichsstadt autogerecht zu machen. Gleich nach seiner Wahl im Jahre 1968 stemmte sich der damals 33-Jährige mit Eloquenz, Beharrlichkeit und auch Schläue gegen den Abriss; die Schreibmaschine, auf der der junge, aber weitsichtige OB den Kaufvertrag mit Maria Neff, der letzten Besitzerin der Mühle, aufgesetzt hat, steht heute im Museum – in der ehemaligen Stube von Maria Neff. Die kauzige Alte wiederum wurde mit einer bronzenen Figur geehrt, die verschmitzt am Eingang der erhalten gebliebenen Mühle zum Besuch des dort untergebrachten Stadtmuseums lockt.
Dieser Tage wurde Jörg Leist mit allen Ehren im Kißlegger Neuen Schloss als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Heimatpflege im Württembergischen Allgäu verabschiedet. 30 Jahre lang hatte Leist dort den Karren gezogen. Bürgermeister Krattenmacher sagte in seiner Eloge laut Zeitungsbericht vom 29. November: „Keiner steht so für die Wertschätzung dessen, was man nicht wegwirft, wie Jörg Leist.“ Und: Leist, einer der ganz Großen unter den Heimatpflegern, habe „unsere Landschaft vor manch schlimmen Dingen bewahrt“.
Gut gebrüllt, Schultes! Doch wie sieht es im Schmuckkästchen Kißlegg aus, das zwischen Neuem Schloss, Barockkirche und Altem Schloss so manch erhaltenswertes Gebäude in sich birgt? Konkret: Wie halten Sie es mit dem „Adler“, Herr Krattenmacher?
Über dem ortsbildprägenden Fachwerkbau schwebt bekanntlich seit geraumer Zeit die Abrissbirne. Der „Adler“ bildet mit den Nachbargebäuden „Hirsch-Post“, „Löwen“, Schellenberg’sches Amtshaus (heute Gallus-Apotheke) und Trauchburg’sches Amtshaus eine optisch hochattraktive Mitte.
Abreißen ist eine leichte Übung; Altes dagegen bewahrend weiterzuentwickeln erfordert Kreativität und den Willen, gegen den Strom zu schwimmen. Wahrscheinlich ist es auf kurze Sicht die teurere Lösung – wenn man den Verlust an Heimat als immaterielle Kosten in der Gesamtbilanz ignoriert. Hier ist nicht nur der Bauherr gefordert, sondern die Gemeinde sollte ein entscheidendes Wort mitsprechen, geht es doch um nicht weniger als Kißleggs Mitte.
Nebenbei: Die Gemeinde Kißlegg ist zu loben für ihr in Absprache mit dem Denkmalamt entwickeltes Konzept zur Erhaltung und Umnutzung des „Löwen“.
Weit aus dem Fenster gelehnt hat sich Nicole Razavi, die baden-württembergische Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen. Bei einem Ortstermin am Kißlegger „Adler“ im April 2022 hat sie sich, wenn man dem „Wochenblatt“ glauben darf, die Position, wonach am „Adler“ „städtebaulich nichts wertvoll“ sei und das Fachwerk als „Fake“ anzusehen sei, zu eigen gemacht (gemeint war offenbar die vorgeblendete Verbretterung). Wenn die Ministerin, in deren Ressort der Denkmalschutz fällt, einen solchen Ortstermin wahrnimmt, dann ist das ein Statement. Und wenn sie vom Auslistungsgutachten gewusst hat, wovon man ausgehen muss, dann hat sie sich auch mit den neuen Plänen gemein gemacht.
Doch hatte sie auch Kenntnis von der Kritik an dem Gutachten? Immerhin, auf den Offenen Brief von Philipp Scheitenberger, den namhafte Heimatpfleger wie Berthold Büchele aus Ratzenried mitunterzeichnet haben, hat sie reagiert. Wie, darüber kann man nur mutmaßen, denn Scheitenberger bewahrt hierüber Stillschweigen.
Es wäre angesichts der vielen guten Argumente der Bewahrer um Philipp Scheitenberger und der mehr als 1000 Unterschriften angeraten, wenn die Ministerin den Fall neu bewerten würde und ein Zweitgutachten in Auftrag gäbe. Gut möglich, dass die Streichung aus der Denkmal-Liste, die sogenannte Auslistung, nicht haltbar ist.
Neuerdings hört man viel von einem Teilrückbau unter Beibehaltung von Keller und Erdgeschoss. Wenn es dazu käme, gälte es wachsam zu sein – nicht dass am Ende nur noch eine Pro-forma-Wand stehenbleibt.
Der Hausbesitzer wird in dem „Wochenblatt“-Artikel vom 19. April mit den Worten beschrieben, ihm sei es „absolut wichtig, dass sich das neue ortsbildprägende Gebäude gut in das Ensemble denkmalgeschützter Gebäude integriert“.
Ein moderner Aufbau in der alten Kubatur – da blutet dem Bauforscher Philipp Scheitenberger das Herz. Der Dachstuhl von 1704 sei eine „Zierde der Handwerkskunst“ und ob das hinter der Verbretterung der 1960er-Jahre verborgene 300-jährige Fachwerk des Leonhard Albrecht wirklich marode ist, lasse sich nur durch eine totale Freilegung und durch umfassende Bohrwiderstandsmessungen seriös belegen.
Auch betont der studierte Fachmann für historische Bauten, dass der „Adler“ einst „fachwerksichtig“ errichtet worden war. In der Tat: Das legt die Entwurfszeichnung von 1702 nahe und das belegt eine Ansicht von 1720; das belegt auch die farbliche Fassung des historischen Fachwerks, die dort, wo ein Vorbrett abgenommen wurde, zutage trat.
Sollte sich das Fachwerk wider Erwarten als unbrauchbar entpuppen, könnte man immer noch den Dachstuhl retten. Ihn zur Gänze anzuheben und dann zwischen oben und unten neu zu bauen, das könnte eine Option sein. Mit dieser Sandwich-Lösung könnte wohl so mancher der Kritiker leben.
Eigentum verpflichtet. Eine zeitgemäße Nutzung unter weitgehender Beachtung der Historie muss doch möglich sein.
Das Schlimmste, was dem „Adler“ und damit Kißleggs Mitte passieren kann, ist eine Blockade mit langer Untätigkeit. In Bad Waldsee wurde am Rathaus-Platz ein denkmalgeschütztes Gebäude, damals sogar im Eigentum der Stadt stehend, so lange ungenutzt gelassen, bis es abbruchreif war und jetzt durch einen Neubau ersetzt wird.
Wieso eigentlich eröffnet der Eigentümer den „Adler“ nicht wieder als Gasthof? Nach Corona lechzen die Leute geradezu nach stilvoller und gemütlicher Einkehr.
Hilfreich: Wenn der Denkmalschutz für den „Adler“ wieder aufleben würde, gäbe es für eine neue Nutzung nicht einmal energetische Bau-Auflagen.
Wir beschließen unseren Appell mit einem Goethe-Wort: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“
Gerhard Reischmann

