Baden-Württemberg - Pressemitteilung des Vereins für Gemeinschaftsschulen: "Wenn es um Noten und Prüfungsanforderungen geht, scheint es, als ob die Corona-Pandemie nie stattgefunden hätte. Leidtragenden dieser Denkweise sind die betroffenen Schülerinnen und Schüler, denen ohne Bedenken die Bürde von Abschlussprüfungen ohne reguläre Vorbereitung aufgelastet wird.

Die Vereinbarung der Kultusministerkonferenz zur Gleichwertigkeit der Schulabschlüsse 2021 mutet fast wie ein Schildbürgerstreich an: Darin wird per definitionem verfügt, dass dem diesjährigen Abschlussjahrgang keine Nachteile entstehen darf. Die Antwort, wie dies in der Praxis zu bewerkstelligen ist, bleiben die Kultusminister:innen hingegen schuldig.

„Der blinde Fokus auf vergleichbaren Prüfungsanforderungen und Noten auch im Stuttgarter Kultusministerium zeigt, wie bereitwillig in Teilen der Gesellschaft die Bedürfnisse und Ängste von Kindern und Jugendlichen und deren Familien ignoriert werden“, kommentiert Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V. Die aktuelle Entscheidung der KMK, die sich mit der Grundhaltung von Kultusministerin Eisenmann deckt, werde den Ansprüchen und Lebensplänen von Kindern und Jugendlichen in keiner Form gerecht, sondern löse massiv Zukunftsängste und einen immensen Druck auf alle Beteiligten aus, so der Vereinsvorsitzende:  „Kommen Kinder und Jugendliche im gesellschaftlichen Leben der Pandemie denn gar nicht mehr vor? Oder sind sie einfach nur ein Kollateralschaden, den wir billigend in Kauf nehmen?“

Für den erfahrenen Pädagogen zeigt sich am Thema Prüfungen und Noten ein Kardinalproblem der konservativ ausgerichteten deutschen Pädagogik - und letztlich das Versagen einer an vielen Stellen völlig verfehlten Bildungspolitik: „Es geht leider nicht um Kinder und deren Förderung und Forderung, sondern um die Erzeugung von Ziffernnoten und Abschlusszeugnissen, die lediglich ein Berechtigungssystem für gesellschaftliche Teilhabe sind.“

Dabei ist längst klar, dass die schulischen Anschlusssysteme in der Berufsbildung wie den Hochschulen zunehmend auf eigene Eignungstests und Assessment-Center setzen. Bei diesen stehen klassisch schulische Leistungen oft zugunsten wirklich zentraler Zukunftskompetenzen, den sogenannten 21. Century Skills aus den 4 K kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation und Kollaboration, hinten an.

Dass es anders geht, zeigen auch viele Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Sie haben längst ein Repertoire entwickelt, wie Kinder individuell in ihrer Lern- und Lebensentwicklung zu begleiten und zu unterstützen sind, ohne ständig auf Noten und Abschlusszeugnisse zu schielen. „Diese Art zu arbeiten, ist für jede Lehrkraft eine Herausforderung, die neben einem gehörigen Maß an Mehrarbeit auch geistige Flexibilität erfordert – und die zugleich überaus erfüllend ist“, sagt der langjährige Lehrer.

Die Forderung des Gemeinschaftsschul-Vereins sind klar: Nicht erst angesichts der Pandemie müssen Prüfungsanforderungen und Formen der Kompetenzermittlung modifiziert und an die Gegebenheiten unserer Zeit angepasst werden. Dazu kommt in der Pandemie ein klarer Auftrag an die Anschlusssysteme in Betrieben und Hochschulen, möglicherweise entstandene Kompetenzlücken gemeinsam mit den jungen Menschen zu bearbeiten, statt diese als Stigma in einer unflexiblen Bildungs- und Berufswelt auszuweisen.

 

Forderungen kurzgefasst

  • Virtuelles Lernen muss massiv gestärkt werden. Dazu gehört weitere technische Ausstattung und die Sicherung der IT-Administration aber auch die Entwicklung von Lehr- und Lernsettings durch zentrale Landesinstitute, um die Lehrkräfte zu entlasten.

  • Es muss eine nationale Kraftanstrengung erfolgen, um mehr Geld in das chronisch unterfinanzierte Schulsystem zu bringen. Ziel ist, dass multiprofessionelle Teams Kinder und Jugendliche optimal beim Lernen begleiten können.

  • Pädagogik-Studierende, derzeit leider beschäftigungslose Musiker, Künstler und sonstige an Kindern und deren Entwicklung interessierte Berufsgruppen könnten sicher ad hoc für eine intensive und tägliche Online-Begleitung von Kindern und Jugendlichen gefunden und geschult werden.

  • Die Prüfungsanforderungen müssen modifiziert und an die Zeit angepasst werden und die Anschlusssysteme Berufsbildung und Hochschule müssen entsprechend evtl. Kompetenzlücken auffangen helfen.

  • Überfällig ist, dass an den Kultusministerien ein Kreativteam mit Schulpraktikern, Eltern, Wissenschaftlern und Lernenden eingerichtet wird. Ziel ist, funktionierende und kreative Praxislösungen für die Gegenwarts- und Zukunftsherausforderungen im Bildungsbereich zu entwickeln.

 

Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V.

 

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halloRV

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