Bad Waldsee - Am 11. Juli hat der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben in Bad Waldsee die „Suchräume“ für Windkraft vorgestellt. Die Suchräume umfassen derzeit 11 % der Fläche des Regionalverbandes (Kreise Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis). Diese sogenannte Gebietskulisse wird bis Ende 2023 auf 1,8 % reduziert werden. Das sind dann 6300 Hektar, auf denen Platz für etwa 210 Windkraftanlagen modernster Bauart ist – also WKA mit einer Höhe über alles von derzeit bis zu 280 Metern.
Verbandsdirektor Dr. Wolfgang Heine erläuterte vor vollem Saal im Haus am Stadtsee in Bad Waldsee – online waren weitere 150 Personen zugeschaltet – Ziele und Verfahren des Regionalverbandes, dem von Gesetz wegen auferlegt ist, zwei Prozent der Verbandsfläche für die Erzeugung erneuerbarer Energien bereitzustellen (1,8 Prozent für Windkraft, 0,2 Prozent für Freiflächen-Photovoltaik). Nach einer Darstellung der gesetzlichen Rahmenbedingungen erläuterte der promovierte Raumplaner, wie die Suchraumkarten hergeleitet wurden. Anhand eines objektiven Kriterienkataloges wurden verschiedene Folien planerisch über das Verbandsgebiet gelegt, so dass sich neben vielen Ausschluss-Gebieten Restflächen ergaben, in denen Windkraft respektive Freiflächen-Photovoltaik möglich wären.
Ausschluss-Kriterien für Windkraft waren unter anderem Naturschutz, vorhandene Bebauung, Artenschutz der Kategorie A. Beim Abstand wurden 600 Meter zu Einzelgehöften und verstreuten Wohnplätzen sowie 750 Meter zu geschlossenen Siedlungen zugrunde gelegt. Auch wurde die Windhöffigkeit gemäß Windatlas eingerechnet. Weitere Kriterien waren Luftfahrt (zivil und militärisch), Denkmalschutz, Wasserschutz und Landschaftsbild; bei letzterem Punkt erwähnte Dr. Heine in seinem Vortrag das Europadiplom des Wurzacher Riedes.
106 WKA-Projekte derzeit behördenbekannt
Nach diesem aufwendigen Aussieben sind jetzt noch elf Prozent der Verbandsfläche übrig, auf der Windkraft nach Ansicht des Regionalverbandes möglich ist. Das sind die sogenannten Suchräume. Dr. Heine betonte: „Suchraum ist nicht gleich Standort.“ Im zweiten Halbjahr würden die Suchräume auf das gesetzlich vorgegebene Maß reduziert. Das sind 1,8 % der Verbandsfläche, konkret: 6300 Hektar. Eine Windkraftanlage (WKA) modernster Bauart – Höhe derzeit bis zu 280 Metern über alles (bis zur Rotorspitze) – braucht rechnerisch 30 Hektar; die 1,8 Prozent schaffen also Standorte für etwas mehr als 200 WKA. Derzeit (Stand: 11. Juli 2023) gibt es im Verbandsgebiet 14 WKA. „In der Pipeline“ (O-Ton Dr. Heine) sind aktuell 106 WKA-Projekte. Diese, das wurde in der Info-Veranstaltung ganz deutlich, genießen derzeit das Privileg, im überragenden öffentlichen Interesse zu stehen, ohne dass ein gültiger Regionalplan die Entwicklung in geordnete Bahnen lenkt.
280-m-Türme im Altdorfer Wald
Da die sogenannte Windhöffigkeit im Verbandsgebiet ungleich gegeben ist (und es auch noch andere verteilungsrelevante Parameter gibt), sind die bis zum 11. Juli herausgefilterten Suchräume (= potentielle WKA-Standorte) im Verbandsgebiet ungleich verteilt. Am windarmen Bodensee sind nur am Gehrenberg bei Markdorf und bei Owingen-Sipplingen WKA-Flächen angedacht. Ein Schwerpunkt der WKA-Dislozierung ist den aktuellen Karten (11-Prozent-Zonen) zufolge der Norden und Nordosten des Landkreises Ravensburg, also der Bereich von Bad Waldsee über Bad Wurzach bis nach Leutkirch–Aichstetten–Aitrach und natürlich der Altdorfer Wald, in dem 39 WKA mit einer Höhe von 280 Metern über alles projektiert sind.
„Die Messe ist gelesen“
„Der Weg von den Suchräumen zu den Vorranggebieten ist noch weit“, sagte Dr. Heine, der die Energiewende als politischen und gesellschaftlichen Auftrag bezeichnete, der vom Regionalverband nicht in Frage zu stellen sei. „Die Messe ist gelesen“, sagte Wolfgang Heine mit Blick auf Grundsatz-Diskussionen. Seine und die seines Teams Aufgabe sei es, „die verschiedenen Ansprüche unter einen Hut zu bringen“ und im September 2025 in der Verbandsversammlung den neuen Teilregionalplan Energie als Satzung zum Beschluss vorzulegen.
Offenlage im Januar 2024
Der neue Teilregionalplan Energie wird im Januar 2024 in die Offenlage gehen; dann kann jeder Bürger Stellungnahmen abgeben. Auch wird es in jedem der drei Landkreise im Januar noch Informationsveranstaltungen geben (für den Kreis Ravensburg am 17. Januar).
Protestbanner am Eingang
Am Eingang zum Haus am Stadtsee demonstrierten mehrere Vertreter des Bad Wurzacher Vereins „Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu e.V.“ gegen die Pro-Windkraft-Politik des Regionalverbandes.
Gerhard Reischmann
Siehe auch Kommentar unter
https://www.diebildschirmzeitung.de/diebildschirmzeitung/bad-wurzach/bad-wurzach-le/17285-es-braucht-ein-moratorium

Grün markiert sind in der Karte jene Gebiete, die nach dem aktuellen Stand der Raumsuche laut Regionalverband für Windkraft in Frage kommen können. Es handelt sich dabei um die Suchräume Stand 11. Juli 2023. Nach einem an objektiven Kriterien ausgerichteten Aussieb-Verfahren hat der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben, der für die Raumplanung in den drei Landkreisen Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis zuständig ist, diese als Suchräume bezeichneten Zonen festgelegt; sie umfassen in der Summe 11 Prozent des Verbandsgebietes. Anders gesagt: Die weiße Fläche, also 89 Prozent des Gebietes, ist für Windkraft ausgeschlossen ab jenem Zeitpunkt, an dem der neue Regionalplan in Kraft tritt. Das geschieht im Laufe des Jahres 2025. Bis dahin herrscht für die Projektierer ein Privileg aufgrund gesetzlich festgelegten überragenden öffentlichen Interesses (§ 2 EEG). Wenn die üblichen Restriktionen wie Lärm und Artenschutz, auch Abstand (600 m/ 750 m) und Windhöffigkeit beachtet werden, kann derzeit praktisch überall gebaut werden. rei / Karte (Ausschnitt): Regionalverband
200 Interessierte waren am 11. Juli im Saal des Hauses am Stadtsee in Bad Waldsee zusammengekommen, um sich aus erster Hand über die Entwicklung in Sachen Windkraft und Freiflächen-Photovoltaik im südlichen Oberschwaben und am Bodensee zu informieren. Einer nicht repräsentativen Online-Abstimmung zufolge waren die Windkraftbefürworter deutlich in der Mehrheit. Foto: Gerhard Reischmann
Verbandsdirektor Dr. Wolfgang Heine bei seinem Vortrag. Foto: Reischmann
Die stellvertretende Verbandsdirektorin Dr. Nadine Kießling informierte über den Ausbau der Freiflächen-Photovoltaik. Dabei wurde deutlich, dass vom Regionalverband angestrebt wird, über die gesetzliche Vorgabe von 0,2 Prozent der Verbandsfläche hinauszugehen; angedeutet wurde ein Zielwert von 0,7 Prozent. Foto: Reischmann
Am 11. Juli stellte der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben im Haus am Stadtsee in Bad Waldsee seine Suchraum-Konzeption in Sachen Windkraftentwicklung vor. Foto: Reischmann
„Unsere Region. Unser Plan. Unsere Zukunft.“ – das war das an die Wand projizierte Leitwort der Informationsveranstaltung des Regionalverbandes. Foto: Reischmann
Vertreter des Netzwerks Naturschutz Allgäu-Oberschwaben hielten am Eingang zum Haus am Stadtsee ein Banner hoch, dass die von Dutzenden Windkraftanlagen umstellte Ortschaft Lichtenau bei Paderborn zeigt. Foto: Reischmann

