Bad Wurzach - Hochmoore sind nass, nährsalzarm und sauer. Um unter solchen Bedingungen leben zu können, benötigen Tiere und Pflanzen spezielle Anpassungen und so manchen Trick. Etwas besonders Raffiniertes hat sich dabei der Sonnentau ausgedacht.
In den Moorgebieten Oberschwabens findet man drei Sonnentau-Arten aus der Gattung Drosera: Rundblättrigen Sonnentau, Langblättrigen Sonnentau und Mittleren Sonnentau. Ihre Besonderheit macht sich dabei schon im deutschen und wissenschaftlichen Namen bemerkbar (griechisch drosos = Tau).
Die Blätter wachsen aus einer Blattrosette am Boden und sind mit zahlreichen Drüsenfortsätzen besetzt, den Tentakeln. Diese sondern einen glänzenden und duftenden Tropfen ab, der wie Tau verführerisch in der Sonne glitzert. Insekten erhoffen sich hier ein leckeres Mahl, geraten jedoch in die klebrige Falle einer fleischfressenden Pflanze. Denn der zähflüssige Tropfen liefert keineswegs eine nahrhafte Zuckerlösung, sondern enthält Eiweiß spaltende Enzyme sowie Ameisensäure. Bleiben Tiere an diesem Fangschleim haften, krümmen sich die Tentakel und Blätter nach und nach ein und umschließen die Beute.
Die Enzyme lösen die Beute auf und die Köpfchen der Tentakel nehmen Stickstoff und Mineralien auf. Nur der Chitinpanzer bleibt übrig. Nach mehreren Tagen ist der Verdauungsprozess beendet und die Blätter werden wieder flach.
Mit dieser Strategie haben sich die Sonnentau-Arten an ihren nährsalzarmen Moorstandorten eine neue Stickstoffquelle erschlossen. Und dies sehr erfolgreich, denn Pflanzen, die Insekten gefangen haben, bringen erwiesenermaßen mehr Samen hervor.
Doch jede noch so raffinierte Strategie ruft wiederum Anpassungen und Gegenstrategien hervor. So nutzen die Arbeiterinnen der Schwarzen Moorameise die Phase, in der die eingerollten Sonnentaublätter keine Gefahr mehr für sie darstellen. Sie zerren die gefangene Beute aus den Blättern heraus und tragen sie als Nahrung für ihren Nachwuchs ins Nest. Die Sonnentau-Federmotte ist in der Lage, ihre Eier am Stängel der Sonnentau-Blätter abzulegen, ohne dass sie selbst kleben bleibt. Die sich daraus entwickelnden Raupen fressen eingerollte Blätter des Sonnentaus von der Rückseite her auf, und zwar mitsamt der eingewickelten Beute. Salat mit Fleischbeilage, sozusagen.
Auch wir Menschen nutzen den Sonnentau. Er wird arzneilich als Bestandteil von Hustenmitteln verwendet, der Saft wird z.B. gegen Warzen und Asthma eingesetzt. Als Fliegenfänger auf der Fensterbank ist der Sonnentau hingegen nicht geeignet. Als Spezialist im Hochmoor ist er an die dortigen Bedingungen perfekt angepasst und kann andernorts kaum überleben. Im Wurzacher Ried kann man ihn in den Hoch- und Übergangsmooren auch vom Weg aus entdecken. Da der Schnittchenfänger aber meist nur wenige Zentimeter hoch wird, gilt hierbei: Schau genau nach Sonnentau!
www.wurzacher-ried.de , www.moorextrem.de
Bericht Valeska Ulmer

