Bad Wurzach - Mit seiner rostroten, nach vorne gestreckten Brust ist er in der Ufervegetation kaum auszumachen. Doch plötzlich fliegt er auf und schießt mit einem durchdringenden, hohen Ruf in geradlinigem Flug den Bachlauf entlang. Die eisblauen Rückenfedern, die in der Sonne wie Edelsteine funkeln, verraten: Es ist ein Eisvogel.
Mit etwas Glück kann man dieses Naturschauspiel derzeit an der Wurzacher Ach im Kurpark beobachten. Schon seit mindestens sechs Jahren überwintert hier ein Eisvogel. Wo sein Brutgebiet liegt, ist unbekannt.
Er benötigt Gewässer mit einer steilen Uferböschung, in die er seine Brutröhren graben kann. Bis zu 90 cm tief hakt er mit dem Schnabel im Sediment, scharrt mit den Füßen und schiebt mit dem Schwanz die lose Erde aus der horizontalen Röhre. Am Ende liegt die Brutkammer, in die die Eier gelegt werden. Im wahrsten Sinne des Wortes eine komplizierte Kiste, denn Eisvögel machen häufig sogenannte Schachtelbruten: Während das Weibchen bereits auf den Eiern des nächsten Geleges sitzt, versorgt das Männchen noch die Jungvögel der vorherigen Brut, bis sie flügge sind. So kann ein Paar im Jahr bis zu drei Bruten großziehen.
Der Name Eisvogel leitet sich vermutlich vom althochdeutschen Wort eisan ab, was „schillernd“ oder „glänzend“ bedeutet. Da Eisvögel ihre Brutgewässer beim Zufrieren verlassen und eisfreie Gewässer finden müssen bzw. bei sehr kalten Wintern häufig sterben, wird der Name gelegentlich auch auf tatsächliches Eis bezogen. Einige Autoren gehen eher davon aus, dass der Name ursprünglich „Eisenvogel“ bedeutet haben könnte, wegen der stahlblauen Rücken- und der rostroten Brutfedern.
Wie der Vogel sein buntes Federkleid erhalten hat, beschreibt eine französische Sage: Danach soll der damals noch grau gefärbte Vogel von Noah der Taube nachgeschickt worden sein, um nach Land Ausschau zu halten. Da er auf seinem Flug einem Sturm ausweichen musste, flog er so hoch in den Himmel, dass dessen Farbe auf sein Rückengefieder abfärbte. Als er immer weiter Richtung Sonne flog, fingen seine Bauchfedern Feuer und färbten sich rot. Schnell suchte der Vogel Wasser, um sich abzukühlen.
Als der Bote dann Bericht erstatten wollte, konnte er die Arche nicht mehr finden. Noch heute streift er die Gewässer nach Noah suchend ab und ruft ihn mit seinem durchdringenden Ton. Trotz seiner Buntheit ist der Eisvogel nicht auffällig. Gerade die intensive Färbung verschafft ihm eine gute Tarnung in seinem Lebensraum, da sich seine Konturen im ständigen Wechselspiel aus Licht und Schatten am Ufer regelrecht auflösen.
Auffällig wiederum ist sein Nahrungserwerb: Von einer Sitzwarte aus stürzt sich der Vogel wie ein Pfeil kopfüber ins Wasser. Mit seinem dolchartigen Schnabel erbeutet er kleine Fische, aber auch Insekten, kleine Frösche oder Kaulquappen. Eisenkeil wird der Vogel daher in manchen Regionen genannt. Wenn Sie bei Schnee und Eis an Gewässern wie der Ach, dem Kurparkweiher oder dem Riedsee spazieren gehen, halten Sie Ausschau nach einem eisblauen Juwel, das in der Sonne glitzert.
Das Naturschutzzentrum präsentiert unter der Rubrik „Moor-Momente“ regelmäßig Spannendes und Unterhaltsames aus der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt des Wurzacher Rieds. Dabei werden Arten vorgestellt, die die Besucher aktuell im Ried antreffen können.
Bericht Valeska Ulmer
Foto Ulrich Grösser

