Bad Wurzach - Eine Umfrage unter Bad Wurzacher Einzelhändlern, Gastronomen und Friseuren zu den neuesten Entwicklungen und Ankündigungen.
Marco Bucco, Betreiber der Osteria Veneta in Bad Wurzach, sieht einen Teil der Problematik der Coronaverordnung auch im Förderalen System Deutschlands begründet: Die Bundesregierung beschließt etwas und bis es von allen Ministerpräsidentinnen abgesegnet ist, geht viel Zeit verloren und sie müssen dabei das richtige Maß finden.
Sein Abholservice „To go“ wurde und wird sehr gut angenommen. Dennoch versteht und sieht er die Existenzangst vieler Kollegen aus der Gastronomie. Bis es wieder losgeht heißt es für ihn, „den Kopf über Wasser halten!“
Positive Nachrichten gibt es für das Frisörhandwerk, das voraussichtlich zum 01. März unter Auflagen seine Geschäfte wieder öffnen darf. Margret „Mädy“ Fähndrich, die ihren Salon in der Herrenstraße betreibt, freut sich darauf endlich wieder arbeiten zu können. Sie hatte in den vergangenen Monaten viel Freizeit, in der sie sich viele Gedanken gemacht hat und jeden Tag gehofft, dass sie ihren Salon wieder öffnen darf. „Da ich das Glück habe, meinen eigenen Laden zu besitzen, war die Zeit nicht ganz so schwierig wie für andere die ihre Ladenmiete aufbringen mussten.“
Die Schließzeit genutzt haben die Betreiber von Kurhaus und T4, um zu renovieren und z.B. in neue Stühle im Kurhaus zu investieren oder die Zimmer auf Vordermann zu bringen. Kritik an den Durchhalteparolen „Wir kämpfen für Euch...“ des DeHoGa News-Letter übt Roland Ernle, Chef des Kurhauses. „Das wird, je länger die Schliessung dauert, immer unglaubwürdiger.“ Er sagt aber auch, dass er und seine Partner voll hinter der Gastromie von Kurhaus und T4 und dem Hotel stehen. „Aufgeben ist für uns keine Option, wie ein anderer Pächter es getan hätte.“
Er freut sich darüber, dass das Hotel wenigstens einigermaßen von Geschäftsreisenden frequentiert wird. Keine Option war für ihn auch in der Gastronomie einen Essensabholservice einzurichten, der Aufwand wäre viel zu groß gewesen. „Sich ärgern bringt nichts. Wir machen, was wir machen dürfen und warten auf den Tag, an dem wir wieder aufmachen dürfen.“
Margit Rothenhäusler vom gleichnamigen Schreib- und Spielwarengeschäft hofft, dass der Einzelhandel bald wieder das volle Sortiment anbieten darf und vor allem Kunden wieder vor Ort beraten kann.
Zwar kann sie bis dato Zeitschriften und Schreibwaren verkaufen, aber die persönliche Beratung schätzen ihre Kunden bei den Spielwaren doch sehr. Weil sie z.B. Fasnetsartikel sehr frühzeitig (fast ein Jahr im voraus!) ordern muss, geht es ihr ähnlich wie anderen Branchen etwa den Bekleidungshändlern, dass durch den nun schon wieder zwei Monate dauernden zweiten Lockdown auch ihre Reserven schwinden. Ungerecht findet sie auch, dass der benachbarte Drogeriemarkt das volle Sortiment – zum Teil als Konkurrenz (Spiel- & Schreibwaren) zu ihrem Geschäft – anbieten darf. Ihre Hoffnung liegt jetzt auf dem Ostergeschäft.
Auf die Verhältnismäßigkeit der Schutzmaßnahmen verweist auch Werner Binder vom Modehaus Binder: Denn die Öffnungsvorausetzungen: „20qm pro Kunde“ eine derartige Kundenfrequenz sei bei den Modegeschäften kein Problem. „Der Einzelhandel ist kein Infektionstreiber. Ich weiß von keinem einzigen Infizierten in unserem Haus.“ Die sieht er eher bei Discountern, die auch verstärkt Waren aus anderen Branchen anbieten.
Als Eigentümer der Geschäfte habe er zwar weniger Risiko zu tragen, dennoch waren die zwei Monate dennoch ein finanzieller Kraftakt, zumal die Fixkosten weiterlaufen. „Wir versuchen über Aktionen, den Kundenkontakt aufrecht zu erhalten.“ Aber die nächste Kollektion werde demnächst geliefert und muss bezahlt werden. Da es aber weder ein Weihnachtsgeschäft noch einen Schlussverkauf gegeben hat, sind die Lager noch voll.
„Ich erwarte von der Politik eine Perspektive, die Beständigkeit verspricht.“ Denn alle Rädchen greifen ineinander: Sofort als Anfang November die Gastronomie wieder schließen musste, sank auch bei Binder die Kundenfrequenz spürbar. „Wir würden uns sehr freuen, wenn wir jetzt eine Öffnungsperspektive bekämen.“ Aber Binder hat auch für die Bundespolitik ein Lob parat: Die Umsetzung der Kurzarbeit für die seine Angestellten funktioniere sehr gut.
Klartext spricht Klaus Michelberger vom gleichnamigen Modehaus: „Die Entscheidung dass der Handel erst zeitversetzt zu den Friseuren öffnen darf, finde ich einen Schlag in das Gesicht des mittelständischen Handels.“ Er könne diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Denn beide hätten perfekt ausgearbeitete Hygienekonzepte. „Durch diese „politische Entscheidung“ fühle ich mich verarscht und der inhabergeführte Handel wird systematisch zerstört.
„Monatelang wurde der Inzidenzwert von 50 hervorgehoben - jetzt sollen wir erst bei einem Inzidenzwert von 35 !!! öffnen dürfen - eventuell erreichen wir diesen Wert Anfang März - vielleicht aber auch erst später.“ Er fragt sich auch,
wie dann ein Ausbruch z. B. in einem Pflegeheim, einer Schule oder einem Krankenhaus gewertet wird. „Ministerpräsident Kretschmann hat den Virus heute mit einem Fußballspiel verglichen bei dem wir mit 0:2 hinten lagen und jetzt mit 3:2 führen, aber: das Virus hat neue Spieler eingewechselt.
Um in seiner Sprache zu antworten: Trainer die nicht ein klares Konzept bzw. einen vernünftigen Plan haben, werden im Fußball gewöhnlich ausgewechselt.“ Ihm fehle jegliche Perspektive, das gehe aber nicht nur ihm so, sondern allen Händlern in Baden-Württemberg. „In eine Krise zu geraten ist schon schwierig genug - unverschuldet in eine Krise zu geraten, ist extrem belastend.“
Die HGV-Vorsitzende Christiane Vincon-Westermayer vermisst ein schlüssiges, abgestuftes Konzept, wie dem Handel zu helfen sei. Die gegenwärtige Situation sei für den Fachhandel sehr bitter: „Ständig wird auf Sicht gefahren, mal hier vier Wochen verlängert und mal da.“
Schlimm findet sie auch die Verallgemeinerung: „In kleinen Städten wie Bad Wurzach kann der klassische Fachhandel seine Besucherströme perfekt steuern, hat immer den Überblick.“ In größeren Städten sei das komplizierter, die Nachvollziehbarkeit nicht so gegeben. Ein weiteres Ärgernis sei, dass Discounter ihre Sortimente in Bereiche ausdehnen, die sonst vom Fachhandel abgedeckt wurden und der sich wegen der Schließung nicht wehren kann.
Umfagebericht Ulrich Gresser

