Seibranz - Der Bundestagsabgeordnete Josef Rief und die beiden Landtagsabgeordneten Petra Krebs und Raimund Haser bildeten die Speerspitzen der Diskussionsteilnehmer bei der Online-Podiumsdiskussion zum Thema Entwicklung ländlicher Raum in Seibranz, an der auch Bürgermeisterin Alexandra Scherer, der Bad Wurzacher Gemeinderat und Vorstand der BAG Bad Waldsee, Bernhard Schad, sowie die Kreisräte Andre Radke und Rudi Hämmerle teilnahmen.
Mit diesen Hochkarätern aus Politik und Wirtschaft sprach die Seibranzer Ortsvorsteherin Petra Greiner über die Weiterentwicklung ihrer Ortschaft. Florian Kiebler moderierte die Diskussionsrunde, die neben Seibranz spezifischen Themen auch allgemeine im ländlichen Raum wichtige Themen ansprach.
Seit einem Jahr läuft in Seibranz der Prozess zur Weiterentwicklung ländlicher Raum, bei zwei Workshops hatten die Bürger Gelegenheit ihre Ideen einzubringen. Zur Ausarbeitung eines Konzeptes wurde wie bereits in Unterschwarzach das Planungsbüro Senner ins Boot geholt. Die Gastgeberin stieg mit einem Thema ein, das sehr vielen Seibranzern unter den Nägeln brennt: Wie geht es nach der Schließung der Bankfiliale mit dem im gleichen Haus – das von der Bank rasch verkauft werden möchte – untergebrachten Lebensmittelgeschäft der BAG weiter? Der Laden sei für die Grundversorgung mit Lebensmittel für die Ortschaft sehr wichtig. Um die Ortschaft auch für die Zukunft attraktiv zu machen, könne es nicht sein, dass nach dem Wegfall der Werkrealschule vor einigen Jahren eine weitere Säule der Infrastruktur wegbreche.
Bernhard Schad war sich mit Greiner einig, dass eine Grundversorgung vor Ort wichtig sei. Er sei daher froh, dass mit der Fa. Zollikofer für die Attraktivierung des Ladens ein Investor gefunden wurde. Schad wies allerdings daraufhin, dass die Ausschöpfung bei den Lebensmittel nur bei 15% liege, womit die BAG „draufzahle“. Anders sieht es beim Getränkeverkauf aus: Auch dank der Unterstützung der Vereine liege dort die Ausschöpfung bei 45%. Er regte an, dass die Seibranzer ihr Einkaufsverhalten auf den Prüfstand stellen sollten: Bisher kamen sie nur wegen Kleinigkeiten, die sie im Supermarkt der Stadt nicht bekommen hatten in den Laden der BAG. „Wie wäre es wenn auch der eine oder andere Wocheneinkauf in der BAG gemacht würde?“ Die Ortsvorsteherin Petra Greiner gab ein klares Bekenntnis für den BAG-Laden ab: „Ich schaue zuerst in der BAG beim Einkauf und danach suche ich woanders, was ich dort nicht finde.“ Schad gab auch zu Bedenken, dass kleine Läden von den Lieferanten nurt zweimal in der Woche angefahren werden, was zu Lasten der Frische gehe.
Bürgermeisterin Alexandra Scherer sieht Bad Wurzach und seine Ortschaften als Zuzugsregion. Eine Weiterentwicklung finde dort statt, wo die Rahmenbedingungen erfüllt würden: Schaffung von Arbeitsplätzen, Wohnraum, Schulen und eine Umgebung mit Naherholungsgebieten.
Florian Kibler fragte den gelernten Bankkaufmann Rudi Hämmerle nach den Auswirkungen, wenn Geldautomaten wegfielen. „Geldautomaten sind nicht der Dreh- und Angelpunkt einer Gemeinde.“ Seiner Meinung nach träfe es aufgrund des geänderten Kaufverhaltens (Kartenzahlung) die Ortschaft mehr, wenn z.B. die Flaschenbierhandlung wegfallen würde.“ Er übte Kritik an der Praxis, aus dem ELR-Programm auch private Wohnprojekte zu finanzieren, was zu leeren Fördertöpfen geführt habe. Das Geld fehle jetzt bei den Kommunen. Er hält auch ein Öffnung der Gewerbeordnung für erforderlich.
MdL Raimund Haser sieht es ähnlich: Schwerpunktgemeinden wie Arnach mit ihrem Melap-Projekt konnten ihre Wohnraumprojekte umsetzen: „Aber so etwas kostet halt auch sehr viel Geld.“ Eine deutliche Kritik übte er am Koalitionspartner im Landtag: „Wir stecken zuwenig Geld in den Straßen- und Radwegebau, so dass wir nur Stückwerke bauen können.“ Auch seien die angesetzten Kriterien (z.B. wieviele Fahrzeuge am Tag usw.) zu hoch: „Da fallen wir immer hinten runter.“
MdL-Kollegin Petra Krebs dagegen bricht eine Lanze für solche geförderte Wohnprojekte. Sie zeigen: „Hier lässt es sich gut leben. Wir haben mit Vereinen und den Naturräumen ein gute Struktur. Hier wird Zusammenhalt gelebt.“ Sie sieht den Begriff des ländlichen Raumes differenzierter wie manche CDU-Abgeordnete, die glauben, wenn sie aus Stuttgart herauskommen, sich bereits auf dem Land wähnen. Sie ist überzeugt, dass die meisten Erledigungen bei Entfernungen unter fünf Kilometer mit dem Fahrrad bzw. E-Bike erledigt werden können. Auch Ruf-Busse könnten die Mobilität erweitern. Man müsse weg von dem Denken, dass jeder Haushalt zwei Autos brauche.
Bürgermeisterin Scherer sagte: „Gerne hätten wir überall Radwege. Aber wir wären auch schon froh, wenn wir einen vernünftigen zwischen Bad Wurzach und Leutkirch hätten.“ Denn diesem fehle zwischen Brugg und Riedlings ein Stück.
„Der Einfluss der Mobilität auf die Standort- und Wohnsitzwahl wird immer größer, “ sagte MdB Josef Rief auf die entsprechende Frage des Moderators. „Aber wir werden auch zukünftig auf das Auto angewiesen sei." Er nannte in diesem Zusammenhang auch das autonome Fahren, das vor allem Älteren zukünftig eine gewisse Unabhängigkeit geben könne. Ein weiteres wichtiges Kriterium für das Leben auf dem Land sei eine guter Breitbandversorgung. Bereits als er vor 12 Jahren erstmals in den Bundestag einzog, habe er einen Antrag zur Digitalisierung und damit zum Breitbandausbau gestellt.
Dieser ist in Bad Wurzach ebenfalls ein riesiges Thema: Denn das Tilgen von weißen Flecken soll dank einer 50:40 Ko-Finanzierung von Bund und Land in den nächsten Jahren erfolgen. Dies sei eine einmalige Chance, dafür wird Bad Wurzach 57 Mio. € netto ausgeben. Da aber bisher die Zusage vom Land fehle und die Stadt diese 40 % nicht selbst stemmen könne, kann die Stadt derzeit auch Planungsaufträge in Millionenhöhe nicht vergeben. Während Petra Krebs sich die Verzögerung nicht erklären kann, sieht Haser die Ursachen zum in einen in leeren Fördertöpfen und zum anderen in der demnächst anstehenden Landtagswahl: „Die neue Regierung wird sofort einen Nachtragshaushalt einbringen, “ ist er überzeugt.
André Radke, Leiter des Bildungshauses in Arnach und seit 2019 Mitglied des Kreistages wurde von Moderator Kibler mit der Frage ins Spiel gebracht, wie es mit den Schulen weitergehen soll. Auch in Seibranz gebe es die Haupt- bzw. Werkrealschule nicht mehr, dennoch gelte weiterhin der Grundsatz: „Kurze Beine, kurze Wege.“ Denn die Grundschulen in den Dörfern seien sehr wichtig und erhöhten die Identifikation mit der Ortschaft. Aber er sei guter Dinge, dass die Standorte erhalten werden können. Auf die Frage von Florian Kibler, nach der Ausstattung der Schulen sagte Radke, da habe Corona große Schritte bewirkt: Mit der Soforthilfe und dank großzügiger Spender haben nun alle Schulen Leihgeräte zur Verfügung. So können alle Schüler über die Lernplattform Moodle digital unterrichtet werden. Mit Blick auf das Weiterentwicklungskonzept von Seibranz sagte er, er sei dankbar dass die Grundschule nicht in Frage gestellt wurde sondern eher gestärkt werde. Er wisse dass Schule und Turnhalle eine Herzensangelegenheit von Ortsvorsteherin und Bürgermeisterin sei. Petra Greiner sieht die Möglichkeit über das Entwicklungskonzept die Möglichkeit, die Ortsverwaltung wie in Unterschwarzach in die Schule zu verlegen und damit leerstehende Räume mit Leben zu erfüllen.
Bürgermeisterin Scherer konnte zur Sanierung der Turnhalle noch nichts konkretes Sagen. „Dass sie kommen wird, steht ausser frage. Die Frage ist eher wann.“ Denn der Ergebnishaushalt für 2021 weise ein negatives Ergebnis aus, eine Strukturkommission des Gemeinderates wird eine Reihenfolge festlegen. Sie lobte ausdrücklich das Engagement der Ortsvorsteherin bei den Bürgerbeteiligungen. Raimund Haser verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Notwendigkeit von Kindergärten und Kitas in den Dörfern, die unübliche Öffnungszeiten hätten. Das 5 Mrd. Euro schwere Programm des Bundes für Bildungseinrichtungen sei da hilfreich, allerdings komme der nicht für die Folgekosten auf.
Rudi Hämmerle sprach als Blasmusikkreisverbandsvorsitzender die Wichtigkeit zur Schaffung verlässlicher Strukturen bei der Kooperation zwischen Vereinen und Schulen in den Musikschulen an. Ob das Vereinsleben nach Corona wieder 1:1 weitergehe, fragte Florian Kibler Hämmerle. „Das wird eine große Kraftanstrengung werden, Junge und Ältere zu halten. Und auch um nur etwas so profanes wie eine Jahreshauptversammlung durch zu führen.“
Einen „digitalen Blumenstrauß“ bekam die Ortsvorsteherin für die sehr gute Organisation überreicht. Auch Moderator Florian Kibler erntete für seine gelungene Gesprächsführung großes Lob. Die verwendete App begrenzte die Zuhörerzahl auf maximal 100. Das Interesse daran lag sicher weit höher, denn die Zahl der Zugriffe fiel während der knapp zweistündigen digitalen Podiumsdiskussion kaum darunter.
Bericht und Bild: Ulrich Gresser

