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Bad Wurzach - Der Vortrag von Stadtarchivar Michael Wild im Rahmen der Festwoche „70 Jahre Bad“ Wurzach wurde – ursprünglich im Sitzungssaal von Maria Rosengarten, der Wiege des Wurzacher Bäderwesens geplant – wegen der großen Nachfrage in den Kursaal verlegt.

Bürgermeisterin Alexandra Scherer, die selbst nicht anwesend sein konnte ließ ihr Grußwort von der BWI-Leiterin, Johanne Gaipl verlesen:„ Das Prädikat „Bad“ ist eine hohe Auszeichnung, auf die wir seit 70 Jahren stolz sind.

Als eines der ersten Heilbäder und als erstes Moorheilbad in Baden-Württemberg überhaupt haben wir diesen Titel erhalten und fühlen uns dem seither verpflichtet.“ Nachdem der Festakt zur Feier des Jubiläums abgesagt werden musste, habe man sehr gerne für die Festwoche ein Programm – zu dem auch der Vortrag des Stadtarchivares zählt – für die Bürgerschaft entworfen. „Wir zeigen mit diesem modernen Format, dass wir in Bad Wurzach die Herausforderungen angenommen haben, die alle Kurorte und Heilbäder zur Positionierung für die Zukunft haben.“

Stadtarchivar hatte seinen Vortrag in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil ging er auf die Entwicklung des Badwesens im Laufe mehrerer Jahrtausende ein. Nach der Lüftungspause befasste er sich im Speziellen mit der Entstehung und Entwicklung von Bad Wurzach.

Die größte von Archäologen entdeckte Badanlage entstand vor 3.000 Jahren in Mohenjo-Daro Pakistan, als dort das Klima noch milder und nicht so heiß und trocken wie heute war. Baden hatte damals auch eine eher rituelle Funktion. In Europa gab es damals nichts Vergleichbares. Erst 1000 Jahre später gab es wie bei den Pfahlbauten in Unteruhldingen Badhäuser.

Die Römer kultivierten dann mit ihren Thermen mit Fußbodenheizung undbeheiztem Becken das Baden. Bäder erfüllten dort wichtige soziale Zwecke und boten auch ein sportliches Rahmenprogramm für Frauen. Ob die auf der entsprechenden Abbildung dargestellten Frauen ihrer Neigung im Original in bikiniähnlichen Zweiteilern nachgingen, darf bezweifelt werden.

Bis ins Mittelalter ging dann das Wissen um kultivierte Badeinrichtungen gänzlich verloren: Die römischen Bäder wurden oft als Müllablagen verwendet. Richtig frivol ging es dann im Spätmittelalter in den Badeanstalten zu neben Essen und trinken gab es dort auch Möglichkeiten, der Fleischeslust zu frönen.

Das Kurwesen beim Baden in den Mittelpunkt rückte in England, etwa dem Badeort Bath ab dem 16. Jahrhundert zu Zeiten von Elizabeth der Ersten. In Deutschland rückten Gesundheitsgedanken und Erholungsreisen im 18. Jahrhundert etwa in Bad Ems in den Fokus und wurde auch gesellschaftlich wichtig: Auf der dortigen Kurpromenade gab es regelrechte Heiratsmärkte des Adels und der höheren Gesellschaft, „Man zeigte sich!“ und vom niederen Volk noch völlig unbehelligt. Durch die Emser Depesche im deutsch-französischen Krieg erlangte die Kurpromenade auch in der Politik europaweit eine gewisse Berühmtheit. So wie Baden-Baden als Heilbad im 18./19. Jahrhundert bekannt wurde, so dass dort auch der Dichterfürst Goethe kurte und „auf eine kleine Liebschaft“ hoffte.

Der Bedeutungsverlust des Adels und der Aufstieg des Bürgertums führte in den Bädern dann aber im 19. /20. Jahrhundert zu größten sozialen Spannungen, wie Stadtarchivar Wild anhand eines Zitates von Theodor Fontane auf Norderney dokumentierte.

Die Badeanstalten wurden Anfang des 20. Jahrhunderts immer palastartiger, der Erholungs- und Gesundheitsaspekt ( Kneipp ) wurde stärker, die Naturheilkunde gewann an Einfluss. Insbesondere die Nationalsozialisten förderten sie und misstrauten der Schulmedizin. Baden-Baden wurde für die Nazis zum propagandistischen Aushängeschild.

Baden- vom Elitären zum Massenphänomen genau in diese Zeit fielen die Anfänge von „Bad“ Wurzach, dem der Stadtarchivar den zweiten Teil seines Vortrages widmete.

Die Armen Schulschwestern hatten bis in die 1930er Jahre in Maria Rosengarten eine Schule betrieben, die jedoch von den Nazionalsozialisten gleichgeschaltet wurde, um sie propagandistisch zu nutzen. Ab 1936 boten sie – um die dadurch verlorene Einnahmequelle auszugleichen – Moorbäder an.

Zumal ja im Ried im großen Stil bereits Torf abgebaut wurde. Der damalige Bürgermeister hatte klare Vorstellungen und Ziele: „Wir wollen Wurzach nicht abgehängt sehen und Fremde anlocken,“ schrieb er in der Bewerbung für das Prädikat Heilbad. Der Gemeinderat spielte dabei wohl nicht so mit und wollte kein Geld für die nötige Infrastruktur (Kurhaus, Kurpark etc) bereitstellen. 1926 und 1938 scheitern entsprechende Anträge auch weil die entsprechenden Stellen in Berlin mit dem Begriff des Moorheilbades nichts anfangen können, damals gehörten zu Bädern Trinkkuren oder Thermalbäder.

Moor und Torfarbeiter gehörten nicht zur Oberschicht sondern es war eine Sonderwirtschaft für Arme. Und der Torf war für viele als Heizmaterial im Winter überlebenswichtig. So gewann der Torfabbau in Krisenzeiten, etwa nach dem Ersten Weltkrieg – wegen der hohen Reperationszahlungen – Stichwort: Ruhrgebietskohle oft an Bedeutung. Und er war ja im Ried bereits vorhanden.
Bereits 1947 stellte Wurzach den Antrag auf das Prädikat Moorheilbad, die für die Expertisen zuständigen Gutachter des Preußisch Geologischen Landesanstalt „überschlugen sich vor Lobeshymnen“ und die Zahl der Anwendungen in Wurzach verdreifachte sich von 1947 auf 1948. Gute Argumente also für die Politik, der Prädikatisierung zuzustimmen.

Michael Wild hatte einen Entwurf des damaligen Innenministers Viktor Renner des Landes Württemberg-Hohenzollern ( Baden-Württemberg wurde erst 1954 gegründet) für die Verleihungsurkunde des Prädikats im Staatsarchiv in Sigmaringen entdeckt, in dem Renner auf die enorme Entwicklung von Wurzach hinweist (1948 wurden insgesamt 11.000 Bäder abgegeben). Wörtlich schreibt der Minister: „Wurzach ist heute im südwestlichen Raum in weitesten Kreisen bekannt und durch regelmäßig starken Fremdenbesuch anerkannt., do dass die Voraussetzungen für die Verleihung der Bezeichnung Bad gegeben sind.“

Mit Bildern von der Einweihung des Kurmittelhauses und vom Kursaal im alten Kurhaus, in dem regelmäßig Kurkonzerte und Unterhaltungsveranstaltungen stattfanden, beendete Stadtarchivar Wild seinen Vortrag und erntete dafür einen verdienten Applaus.

 

Bericht und Bilder Ulrich Gresser

 

 

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halloRV

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