Bad Wurzach - Am Samstagabend wurde die Ausstellung „Alltag hinter Stacheldraht“, die bereits im vergangenen Herbst in Maria Rosengarten gezeigt wurde, nun in den Räumen der Oberstufe des Salvatorkollegs im Schloss eröffnet. Mit einem ganz besonderen Gast: Brian Wilson ist der Sohn von Norma Dunning, die als 14jähriges Mädchen selbst aus Jersey deportiert und im Schloss interniert worden war.
Die Ausstellung wird nun genau an dem Ort gezeigt, wo die Internierten aus Jersey zweieinhalb Jahre leben mussten. Die Bad Wurzacher Historikerin Gisela Rothenhäusler, ehemalige Lehrerin am Salvatorkolleg und die Komitee-Vorsitzende der wichtigsten Städtepartnerschaft hatte sich schon lange intensiv mit der Geschichte der Internierung der rund 600 Personen aus Jersey im Wurzacher Schloss befasst.
„Die Menschen, die 1942 auf Befehl Hitlers von der Kanalinsel Jersey deportiert worden waren und bis Kriegsende Gefangene im Internierungslager im Wurzacher Schloss waren, stellten in diesen Bildern ihr Leben im Gefangenenlager dar,“ beschreibt Gisela Rothenhäusler, die fast 25 Jahre als Lehrerin in eben diesen Räumen unterrichtete, ihre Motivation die Ausstellung noch einmal zu zeigen. „Dabei habe ich mir oft vorzustellen versucht, wie das Leben dort ausgesehen haben mag.“
Das Wurzacher Schloss kann auf mehr als 300 Jahre Geschichte zurückblicken. Fünf davon sind sehr stark geprägt durch die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Der Orden der Salvatorianer hatte 1924 das Schloss gekauft und darin eine Schule eingerichtet, das Salvatorkolleg. 1938 verbot die nationalsozialistische Regierung den Schulbetrieb der katholischen Schule.
Die Salvatorianer waren gezwungen, das Schloss an die deutsche Wehrmacht zu vermieten, die darin ab 1940 ein Kriegsgefangenenlager für französische Offiziere einrichtete. Von 1942 bis zum Kriegsende waren über 600 Gefangene – davon mehr als 200 Kinder – von der britischen Kanalinsel Jersey darin interniert, die auf persönlichen Befehl Hitlers deportiert worden waren.
Glück im Unglück sei für die Gefangenen gewesen, dass das Lager nach den Regeln der Genfer Konvention behandelt worden, und damit von den schlimmsten Gräueln, die in den anderen nationalsozialistischen Lagern verübt wurden, verschont blieben.
Hitler hatte das Anders geplant: Die Inselbewohner sollten in ein Lager in Ostpolen geschickt werden, als Racheaktion für die Internierung von Deutschen im Iran. Die Wehrmacht jedoch wollte keine englischen Zivilisten in der Nähe der Ostfront und das Auswärtige Amt wollte die Verhandlungen über den Austausch von Kriegsgefangenen nicht gefährden. So wurden diese Menschen dann in zwei ehemaligen Kriegsgefangenen-Lagern in Biberach und Bad Wurzach untergebracht.
„Diese Internierten erhielten zu ihrem großen Glück Unterstützung vom Roten Kreuz. Von der Kriegsgefangenenhilfe des YMCA kamen Schulmaterial, Farben und Papier, da es sich um ein Familienlager mit über 200 Kindern handelte. Die Internierten mussten nicht arbeiten und hatten damit viel Zeit. Und damit war die Grundlage gelegt für eine große Anzahl von Bildern, die oft mit viel schwarzem Humor einen kleinen Einblick in den Alltag dieses Gefangenlagers geben.“
Es gibt Geburtstags- und Weihnachtskarten, Plakate für Sportveranstaltungen, Bilder vom Schloss und seinen Räumen – seltener zeigen sie den grauen Alltag des Gefangenenlagers mit seinem Mangel an Nahrung und ausreichender Kleidung, mit der Enge der Unterkünfte und der Ängste. Die oft sehr fragilen Originale werden zum großen Teil im Archiv von Jersey aufbewahrt, sind aber auch häufig noch in Privatbesitz."
Die Ausstellung mit Fotoreproduktionen zeigt Bilder, die von Gefangenen des Internierungslagers zwischen 1942 und 1945 angefertigt wurden in den Räumen der Oberstufe im Wurzacher Schloss . Also genau dort, wo ein großer Teil dieser Bilder auch entstanden ist.
Gisela Rothenhäusler präsentierte auch zwei kleine Bilder, die sie von einer älteren Bad Wurzacherin geschenkt bekommen hatte und die den Anfang zu der Idee bildete, die Ausstellung zu machen. Sie stammen von John Selby und zeigen Orte auf Jersey. Die beiden Bilder verdeutlichten die Sehnsucht der Menschen nach ihrer Heimat.
Brian Wilson erzählte, dass seine Mutter zweieinhalb Jahre hier verbracht hatte. 1961 sei sie erstmals wieder hergekommen. 2005, als viele Internierte zum 60. Jahrestag der Befreiung wieder hergekommen seien, sei sie damals auch dabei gewesen. Er betonte die Wichtigkeit der Partnerschaft, und auch dass daraus Freundschaft geworden sei.
Christine Braig, die gemeinsam mit Claudia Wick mit höfischer Barockmusik auch für die musikalische Gestaltung der Eröffnungsfeier sorgte, war von der Idee die Ausstellung an den „Originalschauplätzen“ zu zeigen sofort begeistert. Gemeinsam mit der Kunstlehrerin Birgit Möhrle präsentierte sie den Besuchern an diesem Abend sogenannte Aktionsräume, mit denen sie die Schüler zum Nachdenken über die Geschichte der Internierung anregen wollen. So etwa in einem der Klassenzimmer, wo eine kleinere Kopie eines Bildes hängt, das rund 80 Jahre zuvor genau an dieser Stelle gemalt worden war.
John Hepurn, der die Bilder dort gemalt hatte, war freiwilliger Krankenpfleger. „Hier, wo jetzt die Schulräume sind, war das Lazarett des Lagers. Hier sind auch einige der Menschen gestorben, deren Gräber auf dem Bad Wurzacher Friedhof gepflegt werden.“
Sie dankte den beiden Lehrerinnen, die mit der Ausstellung die SchülerInnen an diese Geschichte, die auch ein Teil der Schulgeschichte ist heranführen wollen. „Bilder ermöglichen einen viel leichteren Zugang zu dieser Geschichte als es Vorträge oder lange Texte vermöchten.“
Führungen sind auf Anfrage per e-mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und unter Tel. 07564 / 3626 möglich.
Bericht und Bilder Ulrich Gresser

