Arnach - Stephan Wiltsche, Ortsheimatpfleger in Wangen, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Heimatpflege im württembergischen Allgäu, von Beruf Dekanatsreferent im Dekanat Allgäu-Oberschwaben, also ein ausgewiesener Kenner unserer Heimat, hat am 12. Mai im Gemeindehaus St. Ulrich in Arnach über das Leben des Heiligen Ulrich und seine Spuren im Raum Bad Wurzach referiert.
Allein in der Seelsorgeeinheit Bad Wurzach gebe es drei Ulrichspatrozinien, sagte Pfarrer Stefan Maier bei der Begrüßung. Es sind dies Arnach, Dietmanns und Seibranz. Stephan Wiltsche weitete den Blick noch, verwies auch auf Kißlegg, wo Ulrich neben Gallus Patron ist, auf Willerazhofen (Margaretha und Ulrich) und Maria Steinbach (Mariä Schmerzen und St. Ulrich), auf Möggers bei Scheidegg, wo es wie in Seibranz einen Ulrichsbrunnen gibt, sowie auf die seit 1515 bestehende Wangener Ulrichsbruderschaft (in der Pfarrer Stefan Maier Mitglied ist).
Die Häufung der Ulrichsbezüge in unserer Raumschaft, die auch in den Ulrichslegenden um Rötsee und Seibranz aufscheinen, führt Stephan Wiltsche auf ein kirchenpolitisches Kräftemessen zwischen den beiden großen alemannischen Bistümern Augsburg und Konstanz zurück. Im zehnten Jahrhundert seien die Diözesangrenzen noch nicht genau abgesteckt und gerade in unserer Region umstritten gewesen. Wiltsche sieht in Rötsee mit dem Eremiten Ratperonius einen Vorposten der augsburgischen Expansionsbemühungen. Im Jahre 1035 scheint es eine Flurbereinigung gegeben zu haben; fortan galt die Iller als Grenze zwischen den beiden Bistümern. Rötsee fiel Konstanz zu, die Basilika am Roten See wurde in jenem Jahr 1035 vom Konstanzer Bischof geweiht. Arnach, Dietmanns und Seibranz, alle diesseits der Iller, gehörten nun unbestritten zu Konstanz.
Aus zwei Daten leitet Stephan Wiltsche seine These zu den Ulrichspatrozinien in den drei Pfarreien Arnach, Dietmanns und Seibranz ab: Die Heiligsprechung Ulrichs war im Jahre 993; vorher kann ihm logischerweise keine Kirche geweiht sein. Die Illergrenze wurde ziemlich sicher im Jahre 1035 fixiert. Später ist eine Weihe von Pfarrkirchen auf konstanzischem Gebiet an Ulrich schlecht vorstellbar.
Der Ausgleich zwischen Augsburg und Konstanz schlägt sich in der Fischlegende und in der Seibranzer Brunnenlegende nieder. In beiden Erzählungen haben Ulrich von Augsburg und Konrad von Konstanz ein schiedlich-friedliches Treffen.
Wiltsches Datierung der Errichtung eines Ulrichspatroziniums in Arnach für den Zeitraum 993/1035 liegt zwar 300 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung einer Arnacher Pfarrkirche – genannt im Liber taxationis, einem aus dem Jahre 1353 stammenden Steuererhebungsbuch – passt aber zur ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes im Jahre 941. Die Ersterwähnung Arnachs nennt jenen Berngarius, der auch im Legendenkranz um Ratperonius auftaucht. Sicherlich hatte Arnach damals schon ein Kirchlein, denn die Gegend war bereits christianisiert – "oberflächlich", wie Stephan Wiltsche konstatierte. Immer noch hätten da und dort alte Kulte gelebt, wogegen Bischof Ulrich mit Eifer und Leidenschaft die neue Lehre verkündete.
Mönchisch-bescheiden
Selbstverständlich ging Stephan Wiltsche auch auf das Leben des Heiligen Ulrich ein, der, von hoher Abstammung, ein mönchisch-bescheidenes Leben führte und als unermüdlicher Volksmissionar den Glauben an Christus predigte und vorlebte. Durch sein Amt als Bischof war er ein wichtiger Akteur auf Reichsebene, bestens vernetzt mit den Mächtigen und ein treuer Gefolgsmann Ottos des Großen, dessen Abwehrkampf gegen die noch heidnischen Ungarn er ideologisch-religiös unterbaute.
Hohe Sagendichte
Stephan Wiltsche ist ein guter Kenner der Sagen rund um das Gründlenmoos (zwischen Arnach, Immenried und Kißlegg). Die Sagen-Dichte sei hier enorm. In diesem Zusammenhang ging er auch auf die Sage vom Jungfernbrunnen ein, die im Heiligenhölzle bei Schlesis (zwischen Arnach und Immenried) verortet ist. Auch hier gibt es einen Bezug zu Ratperonius.
Vierteilige Veranstaltungsserie
Der Vortrag in Arnach war Auftakt einer vierteiligen Veranstaltungsserie der Katholischen Erwachsenenbildung der Seelsorgeeinheit Bad Wurzach; Anlass sind zwei Ulrichsjubiläen: Vor 1000 Jahren war die Bischofsweihe des großen Heiligen; ein halbes Jahrhundert lang führte Ulrich die Diözese Augsburg – bis zu seinem Tod im Jahre 973. Der 4. Juli, als Ulrich starb, ist also sein 1050. Todestag.
Termine
Am 14. Juni trifft man sich um 18.00 Uhr in der Kirche in Seibranz zu einem Vortrag und geht anschließend zum Ulrichsbrunnen, wo es einen Impuls zum Thema geben wird. Anschließend geselliges Beisammensein am Brunnen (bei schlechtem Wetter im Gemeindehaus).
Die dritte Station im Zyklus ist Dietmanns. Das Ulrichspatrozinium wird dort am 2. Juli gefeiert und abends mit einem Konzert abgerundet (19.00 Uhr). Der 20-köpfige Frauen-Chor „Aufbruch“ aus Eberhardzell wird junge, geistliche Lieder zu Gehör bringen. Auch in Dietmanns wird es zum Abschluss ein gemütliches Beisammensein geben.
Am 21. Oktober bietet die Seelsorgeeinheit eine Wallfahrt nach Augsburg zum Heiligen Ulrich an.
Gerhard Reischmann
Der Ulrichsbrunnen in Seibranz: Hierher führt die zweite Station der vierteiligen Ulrichsreihe. Natürlich ging Stephan Wiltsche auf die Seibranzer Ulrichslegende ein und verwies auf eine Beschreibung aus dem Jahre 1914. Hier heißt es: „Unten im Dorfe ist der St. Ulrichsbrunnen. Vor Zeiten hatten die Seibranzer kein eigen Wasser. Die Not war groß. Da kam einmal St. Ulrich von Augsburg her, um zu firmen. Das Volk klagte ihm sein Elend. Da kniete der Heilige an den Altar nieder, betete inbrünstig zu Gott um Hilfe in der wasserarmen Gegend; ging hinaus, steckte seinen Stab in die Erde mit einem Stoß und augenblicklich sprudelte eine reiche, silberreine Quelle heraus. Der Platz kann weitum kein Wasser geben: Die Quelle fließt noch jetzt klar jahraus, jahrein. St. Ulrich ist Kirchenpatron in Seibranz. Jährlich am St. Ulrichstag hielt man noch bis in unsere Zeit eine feierliche Prozession zum Brunnen.“
Quelle: K. A. Reisers „Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus“, Kempten und München 1914, Nr. 202, S. 206 – 207
Fotos: Gerhard Reischmann
Ulrich und Rötsee
In der mittelalterlichen Chronik des Klosters Petershausen (bei Konstanz) heißt es: „Um das Jahr 950 lebte ein frommer Mann mit Namen Ratperonius, aus einem angesehenen thüringischen Geschlechte. Dieser kam einst in Gesellschaft des Bischofs Ulrich von Augsburg, der zugleich auch Abt von Kempten war, auf einer Reise in die Gegend am Roten See. Hier überfiel sie der Schlaf, in welcher der heilige Ulrich die Mahnung empfing, seinen Gefährten Ratperonius zum Anbau und Ansiedelung in dieser Gegend aufzufordern. Dieser folgte der Weisung und bat die umliegenden adeligen Eigentümer, ihm Grund und Boden zu einer Niederlassung abzutreten. … Nur einer, Berengar von Arnac (Arnach), überließ ihm am Roten See einen öden Landstrich, wo ein wilder, grausamer Räuber hauste. Ratperonius machte nun das Land urbar, was ihm mit sichtlichem Beistand schnell gelang, und erbaute mit eigenen Händen … eine große Kirche ...“

Ulrichslegende nach Reiser: „... Einstmalen kam Bischof Ulrich von Augsburg auf einer Reise nach Kosten (Konstanz) hier [Rötsee] durch und übernachtete in St. Räbis' Zelle. St. Räbis [Ratperonius] kniete nieder und bat mit aufgehobenen Händen Gott inständig, er möge ihm doch in dieser Nacht Räuber und Ungeheuer von seiner Hütte entfernt halten, was maßen er einen so hohen heiligen Mann beherberge. Und siehe! Als sie morgens hinausschauten, war rings um die Zelle ein See, den Gott auf St. Räbis Gebet hatte entstehen lassen. Dieser See existierte noch bis in unsere Zeit herein; jetzt trocknet er allmählich aus.“
Quelle: K. A. Reisers „Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus“, Kempten und München 1914, Nr. 202, S. 208 -209.
Etwa drei Dutzend Geschichtsinteressierte aus der ganzen Seelsorgeeinheit waren am 12. Mai nach Arnach zum Vortrag von Stephan Wiltsche gekommen.
Foto: Gerhard Reischmann
Stephan Wiltsche hatte für den Vortrag 35 Lichtbilder vorbereitet, die er mittels Fernbedienung an die Wand projizierte. Foto: Reischmann

