Bad Wurzach (Leserbrief) - Was ist eigentlich ein „Leader“? Bemüht man das Deutsch-Englische Wörterbuch, wird man schnell fündig. Da heißt es kurz und bündig: Leader = Führer oder Führerin.
Wer sind nun die Leader-Vertreter aus unserem Raum, die vorschlagen und mitbestimmen, welche Leaderprojekte den Zuschlag bei der Finanzierung bekommen? Zum Vorstand gehören: Dieter Krattenmacher, Ulrike Horn, Monika Ritscher und Silvia Ulrich. Daneben besteht noch ein Steuerungskreis mit mehreren Personen.
Die bisherigen Projekte betrafen häufig den sozialen Bereich, wie z.B. die Unterstützung eines Dorfladens in einem relativ schwach versorgten Raum und andere Projekte zur Stärkung des Ländlichen Raums, also insgesamt gesehen, sicherlich wichtige und positiv zu sehende Projekte.
Beim Bad Wurzacher Leader-Projekt, das sich zwischenzeitlich als ursprüngliches Aichstettener Projekt herausgestellt hat, hat sich der Leader-Kreis für ein Projekt entschieden, dessen Beurteilung eingehender Kenntnisse des technischen und naturwissenschaftlichen Umfeldes vorausgesetzt hätten.
Projektbeschreibung "Aus Plastik Öl erzeugen". „Die Aichstettener Firma agroDienste (gehört seit 2019 zum BAG-Bad Waldsee-Verbund) hat es sich zum Ziel gemacht, durch den Kauf einer Pyrolyseanlage am Standort Bad Wurzach aus altem Plastik wertvolles Öl herzustellen. So könnten beispielsweise regionale Landwirte ihre Silofolien umweltfreundlich, nachhaltig und auf eine ressourcenschonende Methode entsorgen, zumal dies die erste Anlage ihrer Art in Süddeutschland wäre. Bei derzeit gängigen Methoden, Plastik zu verwerten, liege der Wirkungsgrad bei ca. 18 %; durch die Pyrolyse könnte hier ca. 80 % der Energie genutzt werden und nicht nur umwelterwärmend in die Atmosphäre strömen.“
In der Bildschirmzeitung wurde von Herrn Dr.-Ing. Hübner und Herrn Reinhold Mall, aber auch von mir ausführlich dargestellt, dass obige Angaben bezüglich des Wirkungsgrades und der Energiebilanz absolut falsch sind und dass die Pyrolyse undefinierter Plastikfolien in Kleinanlagen aus Sicherheitsgründen und Gründen des Bevölkerungsschutzes niemals Realität werden sollte. Schließlich ist eine Pyrolyseanlage zur Verwertung von Kunststoffen, wie sie im Projekt beschrieben wird, nichts anderes als eine zwar kleine, aber mit großen Risiken behaftete Chemiefabrik. Solche Anlagen zu fahren, obliegt im Normalfall Chemieanlagen-Ingenieuren, Chemikern, Physikern, nicht aber Landmaschinenmechanikern oder Kaufleuten.
Der Leaderkreis hat sich nach unserer Einschätzung von den Werbeaussagen der Anbieter blenden lassen. Dies hat im vorliegenden Falle zu einer Entscheidung geführt, deren Tragweite dieser Kreis vermutlich nicht überblicken konnte. Warum hat es denn niemand aus dem Leaderkreis für notwendig gefunden, sich eine neutrale, kostenfreie Einschätzung zu diesem Projekt vom Bundesumweltamt einzuholen? Wir wissen nicht, ob diese Entscheidung noch heilbar ist. Wir hoffen es aber für die Bürger unserer Stadt und auch für den Steuerzahler, dessen Geld verantwortungsvoll eingesetzt werden sollte.
Zur Folientechnik:
Das Folienproblem in der Landwirtschaft ist wegen der Entsorgungskosten und des notwendigen Zeitaufwands für die Entsorgung bisher nicht befriedigend gelöst. Da einlagige Silo-Abdeckfolien aus PE (Polyethylen) heute in zunehmendem Maße durch mehrlagige Folien abgelöst werden, deren Zwischenlagen mit PIR-Klebern (Polyisobuten) verbunden sein können, verändert sich die Sachlage. Noch mehr allerdings, wenn Zwischenlagen aus PA (Polyamid) oder EVOH, auch EVAL (Ethylen-Vinylalkohol-Polymer) eingesetzt werden oder PP-Vlies (Polypropylen) zur Anwendung kommt. Diese Verbesserungen im Sinne der Anwender sollen die Folien dichter für Sauerstoff, unempfindlicher gegen mechanische Beschädigungen und ggf., sofern ohne Beschädigung verblieben, auch wiederverwertbar machen. Alles im Sinne der Gewinnung von besserem Silagegut und besserem Schutz vor Schimmelbildung und Fehlgärungen. Die gelegentlich eingesetzten Schutzgitter werden in ihrer stofflichen Zusammensetzung leider nur ungenügend beschrieben.
Das direkte Recycling (Schreddern bis zum Granulat und Einschmelzen, vermutlich mit einem Anteil an Neugranulat) wird umso schwieriger und teurer, je mehr unterschiedliche Stoffe in den Folien enthalten sind. Eigentlich müsste die BAG, bzw. der BayWa-Konzern, in der Lage sein, den Landwirten ortsnahe Sammelstellen für gebrauchte Silofolien anzubieten. Solche bestehen von Privatfirmen z.B. in Legau oder Hofs bei Leutkirch. Auch nimmt die in unserem Raum tätige Firma Stark-Recycling aus Lindau angeblich Folien an. Eine Verwertung dieser Folien über kleine „Haus-Pyrolyseanlagen“, um den Landwirten oder sonstigen Annahmestellen ein zusätzliches Einkommen zu ermöglichen, wird wegen des damit verbundenen Gefahrenpotentials keinen Bestand haben. Beim Bad Wurzacher Projekt soll entgegen des Leader-Ausschreibungstextes auf die Verwendung von Folien aus der Landwirtschaft explizit verzichtet werden. Vermutlich hat man dort erkannt, dass bei der Pyrolyse von Folienmaterial unterschiedlicher Herkunft mittels einer Mini-Pyrolyseanlage schwer vorauszusehende Probleme auftreten könnten.
Vorschlag für ein Leader-Projekt im Bereich der Folienverwertung:
Der Blick in andere Bundesländer zeigt, dass es andere, vernünftige und weniger kritische und zusätzlich auch noch landwirtschaftsfreundliche Alternativen für die Entsorgung gebrauchter Folien gibt. Die Fa. AFA Nord, Agrarfolienaufbereitung, holt lt. einem Bericht des „Bauernblattes“ (s. Link) gebrauchte Agrarfolien in der doppelten Menge der neu gekauften Folien kostenlos von den Höfen ab. Die gebrauchten Folien werden, soweit möglich, zu Granulat verarbeitet und wieder extrudiert. Die nicht verwertbaren Anteile werden vermutlich verbrannt. Bei diesem Verfahren werden die Kunststoffe nur bis zur Schmelztemperatur erwärmt. Es kommt hier zu keiner Aufspaltung der Moleküle wie bei der Pyrolyse.
Die Einrichtung eines derartigen, maximal möglichen Stoffkreislaufes wäre eine wirkliche Hilfe für die Landwirtschaft und einer Leader-Förderung wert und stellt kein gefährliches Experiment und kein Fördergeldergrab dar, zu dem das Aichstettener-Bad Wurzacher Projekt werden könnte.
https://www.lksh.de/fileadmin/PDF_Downloadcenter/Bauernblatt/2019/BB_46_16.11/36-37_Weber.pdf
Kurzer Auszug aus einem Gutachten des Umweltbundesamtes zum Vergleich Pyrolyse – Verbrennung zur Frage der Energiebilanz :
UBA Texte 17/2017 „Sachstand zu den alternativen Verfahren für die thermische Entsorgung von Abfällen“
Zu den bisherigen Versuchen der Kunststoffpyrolyse: „Während derartige Verfahren in der Bundesrepublik Deutschland, aufgrund der von Rückschlägen geprägten Erfahrungen keine Bedeutung erlangen konnten, werden sie im Ausland in letzter Zeit wieder vermehrt diskutiert und von manchen Interessengruppen und politischen Entscheidungsträgern ganz explizit gefordert.“
(Bitte den unterstrichenen Satzteil beachten! Die Diskussion über die sachgerechte Entsorgung von Kunststoffabfällen wird demnach nicht nur von sachlichen Argumenten, sondern auch von politischen und ggf. auch ideologischen Vorgaben bestimmt.)
Hans-Joachim Schodlok
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