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Unterschwarzach - Am 28. April (referierte im Gasthof „Hirsch“ in Unterschwarzach Friedrich-Thorsten Müller, Ökonom und Gründungsmitglied der Bad Wurzacher Landschaftschützer, vor fast 60 Gästen über die (Denk-)Fehler der aktuellen Energiepolitik. Als Referent der Veranstaltung des „Netzwerks Naturschutz Allgäu-Oberschwaben“ befasste er sich vor allem mit den Grundannahmen der Energiewendepolitik sowie mit der Frage nach deren finanziellen und technischen Umsetzbarkeit. Hier der Bericht von Seiten der Veranstalter:

Einleitend begrüßte Dr. Carmen Pöhl, die 2. Vorsitzende der Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu e.V., die Anwesenden. Die Teilnahme des Ortsvorstehers Herrn Ego aus Mühlhausen unterstrich die Relevanz des Themas für die Raumschaft.

Die Insekten sterben, die Vögel sterben
Frau Dr. Pöhl wies auf den starken Rückgang von Insekten (minus 76 %) und Vögeln (minus 80 %) hin. Zudem seien das mit dem Europadiplom ausgezeichnete Wurzacher Ried und auch das Mühlhauser Ried wichtige Rückzugsgebiete vor allem für seltene Tierarten wie den Kiebitz, die erhalten werden müssten. An Windrotoren würde deutschlandweit pro Jahr 1200 Tonnen Insektenbiomasse verloren gehen. Zudem würden laut Studien, die bei der Veranstaltung auch zur Einsicht ausgelegt wurden, die dem Windrad nachgelagerten Regionen wärmer und trockener. Laut einer Erhebung der Havard-Universität würde die lokale Klimaveränderung durch Windindustrieanlagen sofort wirksam, wohingegen der Effekt auf das Weltklima möglicherweise erst nach 100 Jahren relevant werden würde.

Das Landschaftsbild wird massiv gestört
Anhand von Visualisierungen zeigte Friedrich-Thorsten Müller auf, dass die aktuell in der Region geplanten Windindustrieanlagen durch ihre immense Größe von fast 300 Metern Höhe von praktisch überall zu sehen seien und somit das Landschaftsbild massiv beeinflussen werden. Insgesamt müsse man laut Regionalverband im Landkreis Ravensburg mit mindestens 90 Anlagen rechnen.

Schließlich erläuterte Herr Müller zwölf grundsätzliche Fehler und Mythen der Energiewende, durch die er das Publikum Schritt für Schritt leitete.

Unser Territorium reicht nicht
Gleich zum Auftakt wies er darauf hin, dass Strom- und Energiewende bisher irrtümlich gleichgesetzt würden. Denn ein Erneuerbaren-Anteil von fast 50 Prozent beim Strom relativiere sich dadurch, dass Strom heute nur 17,2 Prozent des Energiegeschehens in Deutschland abbilde. Entsprechend sei der heutige Anteil von Wind- und Sonnenenergie an unserer Primärenergie bisher auch nur 6,3 Prozent und kaum als Hauptenergiequelle geeignet. Spätestens wenn zukünftig durch Wasserstoff-Stromspeicherung beträchtliche Wirkungsgradverluste auftreten, würde klar werden, dass unser Land mit erneuerbaren Energien nicht ansatzweise auf dem eigenen Territorium versorgt werden kann.

EEG treibt den Strompreis
Aber auch die bisherigen Ausbaupläne würden rechnerisch insgesamt gerade einmal die weggefallenen Gas-, Kohle- und Ölimporte aus Russland kompensieren. Im übrigen sei der Wegfall des russischen Gases nur ein Vorwand für dramatische Energiekostensteigerungen. Tatsächlich betrage der Effekt der Gaspreissteigerung beim Strom nur 2,7 Cent/kWh, der wesentliche Treiber läge im Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) sowie im Strommarktdesign. Der Strom sei in Deutschland 2,7-mal teurer als im internationalen Durchschnitt und bei einem weiteren Anstieg würden wir definitiv unsere Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Die chemische Industrie zum Beispeil würde dann in Deutschland wegen der hohen Stromkosten keine Zukunft mehr haben. In diesem Zusammenhang machte Müller auch deutlich, dass andere Länder durch natürliche Vorteile (z. B. Wasserkraft, Pumpspeicher oder dreimal so viel Wind) oder andere Energiepolitik (Atomkraft) einen bei uns nicht auszugleichenden Wettbewerbsvorteil hätten.

Das Speicherproblem
Zudem kritisierte er Aussagen wie „ein Windrad kann 3200 Haushalte mit Strom versorgen“. Denn durch die stark schwankende Einspeisung von Windenergie sei dies ein rein theoretischer Wert. Niemand würde einen Energieliefervertrag nur mit einem Windstromerzeuger abschließen, weil er dann die meiste Zeit keinen Strom bekäme. Letztendlich sei es die Stromspeicherfrage, die die Erneuerbaren in Deutschland zu einer „Nicht-Lösung“ machten: Wenn nur ein Drittel der Zeit auf per Wasserstoff gespeicherten Strom zurückgegriffen werden müsste, bedeute dies eine Verdoppelung der benötigten Strommenge. Bei einem Sechstel wären es immer noch 50 Prozent mehr benötigter Strom, als die Bundesregierung als Zielgröße benennt. Wesentlich effektivere Pumpspeicher könnten dagegen heute schon rechnerisch lediglich für eine halbe Stunde den deutschen Strombedarf abdecken, bis heute installierte Batterien sogar nur für 20 Sekunden. Damit wären die rechnerischen Einspareffekte von e-Autos oder Wärmepumpen weitgehend durch die Energieverluste der Wasserstoffwirtschaft kompensiert. Darüber hinaus würde der dramatische Mehrbedarf an Energie in der chemischen oder Stahlindustrie gezielt ignoriert.

Abschaltung der AKWs „unverständlich“
Laut CO2-Uhr würden nur noch 6,5 Jahre vergehen, bis die gefürchteten 1,5 Grad Erwärmung erreicht seien. Unter diesem Aspekt drückte der Referent Unverständnis für das Abschalten der AKWs und den Weiterbetrieb der Kohlekraftwerke aus. Unsere gesamten Energiewende-Anstrengungen in Deutschland seien auf den Ersatz von 167 TWh Atomstrom (2006) verwendet worden. Hätten wir die Kohlekraftwerke (170 TWh in 2022) statt der Atomkraftwerke durch Wind und Sonnenstrom (164 TWh in 2021) ersetzt, wäre der deutsche Pro-Kopf CO2-Ausstoß heute bei 5,9 statt 7,9 t.

CO2-Abscheidung in den Blick nehmen
Auch dass in Deutschland nicht mit Hochdruck an der technisch möglichen und laut einer Harvard-Studie auch bezahlbaren CO2-Abscheidung gearbeitet werde, fand das Missfallen des Referenten. Als nicht mit natürlicher Wasserkraft und Pumpspeicherpotentialen, konstantem Wind und stabilem Sonnenschein gesegnetes Land, müsse man schließlich jede Möglichkeit nutzen, CO2 bezahlbar einzusparen.

Die weltweite Konkurrenz
Der Hoffnung, dass wir unsere Industrie durch CO2-Zölle schützen könnten, erteilte Müller ebenfalls eine Absage. China verfüge über dreimal soviel billigsten Wasserkraft-Strom, wie Deutschland insgesamt Strom erzeuge. Dieser werde in Zukunft ganz sicher zolloptimiert den chinesischen Exportprodukten zugeordnet werden. Gleiches gilt für im Ausland mit günstigem Atomstrom hergestellte Produkte. Darüber hinaus würden die in Deutschland nicht mehr genutzten fossilen Energieträger künftig von den 130 Ländern nachgefragt werden, die das Pariser Klimaschutzabkommen nicht unterzeichnet hätten.

Private Initiativen sehr zu empfehlen
Zum Abschluss gab Friedrich-Thorsten Müller den Zuhörern einige Vorschläge mit nach Hause: private PV-Anlagen und Solarthermie auf Gebäuden seien empfehlenswert; zudem könne dann ein Zweitwagen als E-Version sinnvoll angeschafft werden. Auch eigenes Engagement sei wichtig, vor allem in der Ansprache von Politikern, die mit ihren heutigen Entscheidungen viel zu wenig vom Bürger „gestellt“ würden; etc.

Angeregte Diskussion
In der angeregten sich anschließenden Fragerunde wurde unter anderem darüber diskutiert, inwieweit der hohe Ressourcenverbrauch für ein Windrad nicht auch zu einer hohen CO2 Belastung führen würde. Alleine der Betonsockel ist bis zu 5m tief und 30 m breit und würde zum Teil nicht mehr aus dem Boden entfernt. Zudem wurde festgestellt, dass die Straßen manchmal umgebaut werden müssten, um den Transport der bis zu 62 m langen Rotorblätter zu gewährleisten und dass tiefe Schneisen in unsere Wälder geschlagen würden. Insgesamt war die Stimmung auf den Schutz der Natur und der Heimat ausgerichtet und man war sich ziemlich einig, dass Windkraftanlagen nur da gebaut werden sollten, wo die Energieausbeute maximal ist. Denn der Jahresstromertrag von Windrädern liegen in der Nordsee nahezu beim dreifachen Wert dessen, was in Oberschwaben erreicht werden kann.
Text: Carmen Pöhl (Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu e.V.)

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Dr. Carmen Pöhl bei der Begrüßung.

 

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