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Haidgau - Bei Seniorencafé im Gemeindehaus St. Josef in Haidgau bekamen die zahlreichen Gäste dieses Mal einen ganz besonderen Leckerbissen serviert: Neben einer großen Auswahl an gespendeten Torten und Kuchen gab es bei dem vom Seniorengruppen-Team um Monika Ritscher, Marlene Bank und Gaby Zettler organisierten Kaffeenachmittag einen geschichtlichen Vortrag von Alfred Engelhardt über den 1919/1920 angelegten Friedenshain oberhalb der Ortschaft und dessen geschichtliche Einordnung.

Alfred Engelhard ist Jahrgang 1945, seine Eltern waren Jahrgang 1902. Er war schon immer an Geschichte interessiert. Der ehemalige Konrektor der Realschule Bad Wurzach lehrte auch Schulgeschichte an der PH Weingarten.

Bei seinem Vortrag über die 1919/20 eingeweihten Denkmäler im Friedenshain stützte er sich auf die Aufzeichnungen des damaligen Ortspfarrers Johann Locherer, dessen Dokumente er u.a. im Diözesanarchiv fand. Zuerst wurde die Lourdes-Grotte eingeweiht, ihr folgten die 14 Kreuzwegstationen und als Drittes wurde das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges bei der Kirche eingeweiht.

Er begann seinen Vortrag über den Ersten Weltkrieg mit einem Verweis die geschichtlichen Fakten auf den derzeit entfesselten Krieg, praktisch mitten in Europa, dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Damals wie heute ergaben sich daraus die gleichen Auswirkungen: Inflation, Rohstoff- und Energieverknappung sowie eine große Flüchtlingsbewegung.

Der Erste Weltkrieg stellte eine Zeitenwende dar: Es ging um Kolonialmacht und er war aufgrund der technischen Neuerungen wie z.B. Panzer und Flugzeugen der erste Massenkrieg mit riesigen Materialschlachten. Der Beginn wurde geprägt von einer irrationalen Kriegsbegeisterung in Deutschland, das mit den anderen Kolonialmächten in Konkurrenz treten wollte, aber auch von Erleichterung darüber, dass damit die jahrzehntelange, latente Kriegsgefahr endlich konkret geworden war.

Und von einer fatalen und eklatanten Fehleinschätzung, was die Dauer angehen sollte: „Ausflug nach Paris“ und „Weihnachten wieder zu Hause“ waren einige auf zahlreichen Feldpostkarten zu lesenden Sprüche.

Er wurde aufgrund der fatalen Strategie der kaiserlichen Heeresführung zu einem dauerhaften zwei Frontenkrieg. Durch die Seeblockade wurde die Spirale der Härten für die Bevölkerung im Reich erhöht, die von Deutschland erstmals eingesetzten, hochtechnisierten U-Boote führten u.a. durch die Versenkung des Luxusschiffes Lusitania, bei der auch 128 US-Bürger an Board ums Leben kamen, 1917 zum Kriegseintritt der USA.

Die Männer im Krieg, trafen die Folgen des Krieges auch in Haidgau vor allem Frauen und Kinder. So wurde für die Schule ein 70jähriger Lehrer reaktiviert, der für die gesamte Schule zuständig war. Bei der Betrachtung der Auswirkungen auf die Bevölkerung dürfe man nicht vom heutigen Wissenstand ausgehen, sagt Engelhardt. „Die Menschen hatten einen niedrigeren Lebensstandard und ein niedrigeres Bildungsniveau.“

Die Aufzeichnungen von Pfarrer Locherer waren bei der Mobilmachung nach dem Mord von Sarajewo noch von einem euphorischen Unterton getragen. Die Zuversicht schwand jedoch zusehends, dafür stieg der Hass auf die Erzfeinde England und Frankreich, wobei der Pfarrer immer die Schuld bei den Gegnern suchte. 1918 etwa schreibt er fast resignativ: „Der Frieden will und will nicht kommen. Wo, wann und wie soll das Elend enden.“ Und auf das Kriegsende folgt mit der Revolution der nächste Nackenschlag für den patriotisch gesinnten Pfarrer, in deren Gefolge auch seine Pfarrei und er selbst mit „ungläubigen, rabiaten Pfaffenfressern“ klar kommen muss.
Engelhard zeigte mit einigen Zahlen, wie schwierig die Zeiten für die Haidgauer waren: Bereits 1914 waren 100 junge Männer der damals gut 700 Einwohner zählenden Ortschaft im Feld, später sogar 120. Um die Arbeit in der Landwirtschaft, die von Frauen und Kindern verrichtet wurden, aufrecht zu erhalten, wurden 86 Kriegsgefangene sowie Fronturlauber eingesetzt. Insgesamt 20 Gefallene hatte Haidgau zu beklagen (zwei davon bereits 1914). Im „Steckrübenwinter 1916/17“ wurde die tägliche Kalorienration auf 1.000 Kalorien gesetzt (Mindestbedarf ist jedoch das Doppelte!). Es herrschte große Not im Ort, das gesellschaftliche Leben kam zum Erliegen. Täglich wurde der Kriegsrosenkranz gebetet und die Kriegsglocke geläutet. Aus dem Mangel an Heiz-Energie wurde die Schule geschlossen, als positiver Nebeneffekt wurde dafür die Kirche elektrifiziert.
Als die Glocken der Pfarrkirche zugunsten des Waffenbaues beschlagnahmt werden sollten, hatte Haidgau Glück: Die Glocken hätten nicht den gewünschten Ertrag an Stahl ergeben, so dass „nur“ der Zinn einiger Orgelpfeifen requiriert werden konnte. Der Schwarzmarkt (der „Schleich- und Kettenhandel“) wuchs und der Pfarrer echauffierte sich über „Schnapsler und Raucher“ im Dorf. Als Folgen des Krieges herrschte großes Elend, „Sachschäden und Verrohung“ vermeldete Pfarrer Locherer in dieser Zeit.

Für Alfred Engelhardt bleibt, nach diesem wie auch den anderen Kriegen immer die Wahrheit auf der Strecke: „Es gibt immer Kriegsgewinnler und -verlierer.“

In seinem letzten Vortragsabschnitt ging Engelhardt auf den Friedenshain in der ehemaligen Lehmgrube ein: Die Planungen für dieses Denkmal begannen bereits im Frühjahr 1918, also lange bevor die Waffen schwiegen. Zunächst wurde im Oktober 1919 die Lourdesgrotte aus Tropfstein eingeweiht. Oberhalb davon wurde eine Kreuzigungsgruppe mit einem riesigen Kriegskreuz errichtet, die jedoch verschwunden sind.

Im folgenden Frühjahr wurde von Pater Apollinaris aus Lochau gemeinsam mit dem Wurzacher Stadtpfarrer Diener der Kreuzweg mit seinen 14 Stationen, wozu das Material und der Transport vom fürstlichen Haus in Wolfegg gespendet wurde, eingeweiht. Im September 1920 schließlich wurde das Kriegerdenkmal, das noch heute auf dem Friedhof bei der Kirche steht, eingeweiht.

Alfred Engelhardt wurde für seinen Vortrag, den er auf das 100jährige Jubiläum des Friedenshains zusammengestellt hatte, das ja bekanntermaßen der Corona-Pandemie zum Opfer fiel, mit reichlich Applaus seitens der Zuhörer, darunter auch Ortsvorsteherin Ernestina Frick und deren Vor-Vorgänger Alfred Wirth, sowie einem Flüssigpräsent vom Organisationsteam belohnt.

 

Bericht und Fotos Uli Gresser

 

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Blick in den Friedenshain

 

 

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halloRV

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