Bad Wurzach - Auf Einladung des Gesamtelternbeirats zeigte der Referent von der Akademie für Lernpädagogik in seinem Vortrag, wie die Eltern – es waren 90 Elternteile aller Bad Wurzacher Schulen an diesem Abend in die Mensa des Schulzentrums gekommen – bei ihren Sprösslingen mit relativ geringem Aufwand und etwas Empathie die Freude am Lernen steigern können.
Lerncoach Raphael Bertram weiß wovon er spricht: Seine schulische Laufbahn verlief bis zur 9. Klasse ohne viel Aufwand sehr geradlinig. Bis er da – die Pubertät lässt grüßen – plötzlich den Kopf voller anderer Dinge hatte und sitzen blieb. Dank eines Lerncoaches, der ihm Lerntechniken beibrachte, schaffte er diese Hürde, machte Abitur und war für das Studium gerüstet. Dort packte ihn dann die Begeisterung für das Thema „Lernen lernen“ und inzwischen ist er stolz darauf, vielen Kindern helfen zu können.
Sein Credo lautet: „Eltern können viel im kleinen Rahmen verändern.“ Das sei gerade jetzt wichtig, da Corona vieles ans Licht befördert hat und dunkle Wolken über der Schulzeit hängen. Zu Denken gibt schon, dass laut einer Umfrage nur 6 % der 13jährigen sagen, gerne in die Schule zu gehen.
Inzwischen wissenschaftlich belegt ist die These: „Lernen macht glücklich!“ Denn Kinder wollen Lernen, aufgeben kommt für sie nicht in Frage, etwa beim Laufen lernen oder beim Radfahren lernen.“ Bertram verweist darauf, dass dabei auch die Eltern gefordert sind, als Vorbilder und mit der Bereitschaft lebenslang dazu zu lernen.
Bei mehreren Kindern sei es so, dass jedes Kind in der Familie einen anderen Rahmen braucht, um zu Lernen. Das Potential für gute Leistungen stecke in jedem Kind. Dabei sei nicht der Zeitaufwand oder die Menge für gute Noten entscheidend. Er bringt das Wie für Leistung auf die Formel: „Leistung= Potential minus Störfaktoren“.
Die Struktur des Vortrages von Bertram basiert auf vier Säulen: 1. Lerntechniken 2. Konzentration 3. Motivation und 4. Selbstorganisation. Der Mensch wird von zwei Gehirnsystemen „betrieben“ . Einmal dem strukturierten, rationalen und einmal dem emotionalen System, das in Stresssituationen wie beim Lösen einer Matheaufgabe gerne auf bekanntes zurückgreift. Wie das funktioniert, zeigte er zwei Freiwilligen anhand mit einer einfachen Matheaufgabe, deren Lösung aufgrund der fehlgeleiteten Denkstruktur annähernd 100% falsch lösten.
Welche Eltern kennen den verzweifelten Ausruf nicht: „Ich kann das nicht?“ Bertram bat die Eltern, den Satz um das eine Wort „noch“ zu ergänzen. Bei seinem zweiten vorgebrachten Beispiel, die Zahlen 1-20 aus einem Gewirr von anderen Zahlen herauszufiltern, wurde durch die strukturierte Herangehensweise schnell klar, wie es funktioniert. Wenn diese Lerntechnik verstanden werde, ergebe sich der Rest von alleine.
Am Beispiel des Autofahrens zeigte er die verschiedenen Lern-Stufen auf, bis sich die entsprechenden Automatismen gebildet haben. Für die Schüler sei es daher elementar wichtig, die Lerntechniken zu erlernen. Für sie fühlt sich es sich z.B. bei einer Mathearbeit so an, als führen sie, die bisher nur auf Autobahnen unterwegs waren, auf einer sechsspurigen Straße in Berlin mit Kreuzungen, Ampeln und Gegenverkehr an. „Sie würden das Auto am liebsten stehen lassen.“
Bertram räumte auch mit dem Vorurteil auf, Kinder würden schneller lernen als Erwachsene: Bis auf Fremdsprachen würden Erwachsene alle Lernstoffe schneller erfassen als Kinder. Beim Lernen seien auch Wiederholungen von großer Bedeutung: Denn ohne Wiederholung würde der Stoff vom Gehirn als nicht so wichtig eingestuft und wieder „entsorgt“.
Für die Konzentration ebenfalls sehr wichtig sind Lernpausen. Die Formel wie lange ein Kind konzentriert bleiben kann lautet: Das doppelte Alter. Ein Achtjähriger kann also etwa 16 Minuten die Konzentration halten, ehe er eine Pause von zwei, drei Minuten einlegen sollte, um die so ärgerlichen und für Frust sorgenden Flüchtigkeitsfehler zu vermeiden.
Bis zu 25% verbesserten sich die Leistungen, wenn das Gespür für Konzentration und Pausen entwickelt wird. Ganz wichtig: Das Handy ist tabu in dieser Zeit und der nächsten halben Stunde, in der das Gelernte vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis transferiert werden soll.
Lernmotivation soll auch über Belohnungen erfolgen, etwa um besondere Anstrengungen anzuerkennen. Sie sollen überraschend erfolgen, um nicht in den Belohn-Modus zu verfallen. Das Wertvollste aber ihnen sei, Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, etwa bei einem gemeinsamen Ausflug und den damit verbundenen Erinnerungen.
Ein weiterer wichtiger Faktor: Die positive Sprache. „Glauben Sie an ihr Kind und sagen Sie es ihm auch!“ Seine Fähigkeiten anzuerkennen schafft bei ihm den Glauben an sich selbst. Dies liege in der Eigenverantwortung der Eltern, hier den richtigen Rahmen zu schaffen. Er wisse, dass diese selbst in diesem negativen System großgeworden sind. Er fordert einen anderen Umgang mit Fehlern: „Fehler sind Helfer.“ Es gelte das Muster zu brechen, Fehler seien peinlich und die Ängste vor Fehlern zu verlieren.
Und schließlich gelte es für die Kinder auch die richtige Selbstorganisation zu lernen, die dann Erfolgserlebnisse bringen. „Dazu gehört ein aufgeräumter Schreibtisch und eine störungsfreie Lernumgebung.“ Die Eltern sollten dafür einen Lernplan, ähnlich dem Stundenplan in der Schule, aufstellen. In den etwa 20 minütigen Pausen zwischen den einzelnen Stoffeinheiten empfiehlt der Lerncoach, die Kinder ein Buch lesen zu lassen oder auch Sport an der frischen Luft zu machen.
Zum Abschluss seines Vortrages appellierte er an die Eltern: „Es ist in Zeiten vieler Krisen sehr wichtig, dass Sie der Fels in der Brandung für sie sind. Sie wollen ihnen Türen öffnen, durch die Ihre Kinder gehen wollen. „Schöpfen Sie ihr Potential aus. Sie haben mit dem Besuch dieses Vortrages einen wichtigen Schritt getan.“
Bericht und Bild Ulrich Gresser
Referent Raphael Bertram am Beginn seines Vortrages
Bertram und die beiden Freiwilligen, die sich zur Lösung der Rechenaufgabe zur Verfügung stellten
Bertram erläutert anhand der Rechenaufgabe wie die beiden Gehirnsysteme funktionieren
Bertram brachte die Eltern mit Auflockerungsübungen in Bewegung

