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bi landschaftsschuetzer 200Bad Wurzach - Eine faszinierende Vorstellung: Eine Anlage zur Verwertung von Kunststoffabfällen kann täglich eine Tonne dieser Abfälle entsorgen. Man gewinnt daraus pro Tag und Modul ca. 850 l Pyrolyseöl und als Pyrolyserest ca. 140 kg „Rückstände“, die sich angeblich unproblematisch in andere Produktionsabläufe integrieren lassen.

 

Außerdem fällt noch ein brennbares Pyrolysegas an, das über einen Gasmotor zur Energieerzeugung eingesetzt werden kann. Auf der Internetseite der Fa. „Biofabrik“ kann man eine solche Anlage im Prototypstadium sehen. Allerdings fehlt der Gasmotor. Die brennbaren Gase werden hier ohne jede Filtertechnik abgefackelt, wobei die für den Immissionsschutz zuständigen Behörden weggeschaut haben dürften.

 

Wie ist das mit der Abgasreinigung des Gasmotors, der in Bad Wurzach zum Einsatz kommen soll?
Können Industriebetriebe, die Pyrolyseöl oder Pyrolysekoks mit verfeuern für die vollständige Verbrennung gefährlicher Inhaltsstoffe garantieren?

Hier einige, keineswegs umfassend benannte Probleme. Was bei der Pyrolyse anfällt, ist nicht nur von der Prozesstechnik, sondern auch vom eingebrachten Material abhängig. Würde eine Anlage entsprechend dem Imagefilm mit einem Sammelsurium von Plastikabfällen betrieben werden, könnte ein gefährliches, giftiges und krebserregendes Gebräu als Pyrolyseöl und könnten ebenso problematische feste Abfälle und Gase entstehen. Vor allem, wenn diese Kunststoffe Halogene wie Fluor (in PTFE – Teflon), Chlor (in PVC), Brom oder Jod enthalten oder mit diesen verunreinigt sind, können Dioxine, wie das den älteren Lesern vielleicht noch bekannte „Sevesogift“, entstehen. Ein absolutes Tabu wäre demnach die Verwendung von PVC-Abfällen oder Abfällen aus der Gebäudeisolation, wie das zum Brandschutz durch eine Bromverbindung angeblich weniger feuergefährliche aufgeschäumte Polystyrol (Styropor). Erstaunlich ist, wie hoch der Anteil bromierter Flammschutzmittel in vielen Kunststoffen, die zu Artikeln des täglichen Gebrauchs verarbeitet werden, sein kann.

Polymer

Gehalt [%]

Flammschutzmittel

Polystyrolschaum

0,8–4

HBCD - Hexabromcyclodecan

HIPS

11–15

DecaBDE, bromiertes Polystyrol

Epoxidharz

19–33

TBBPA – Tetrabromdiphenyl A

Polyamide

13–16

DecaBDE, bromiertes Polystyrol

Polyolefine

5–8

DecaBDE, Propylendibromstyrol

Polyurethan

10–18

PentaBDE - TBBPA-Ester

Polyethylenterephthalat

8–11

Bromiertes Polystyrol - TBBPA-Derivat

Ungesättigte Polyester

13–28

TBBPA - Tetrabromdiphenyl A

Polycarbonate

4–6

Bromiertes Polystyrol, TBBPA-Derivat

Styrol-Copolymere

12–15

OctaBDE,-Auch bromiertes Polystyrol


Auch dem Laien wird beim Lesen dieser Inhaltsstoffe klar sein, dass es sich hier nicht um harmlose Geschmacksverfeiner für den Küchengebrauch handelt.

Beim Einsammeln „sortenreinen“ Polystyrols können in den einzelnen Sammelgebinden sehr unterschiedliche Anteile an Bromverbindungen enthalten sein. Für eine ordentliche Abfallbehandlung müssen diese Bromverbindungen chemisch gebunden und aus dem Pyrolysesubstrat entfernt werden. Eine Möglichkeit ist das neue Verfahren der TU Freiberg

 

Zur Durchführung derartiger Verfahren dürften weder die Entwickler des Container-Pyrolyse-Moduls noch die Bad Wurzacher Verwender in der Lage sein.

Ein weiteres Problem besteht in den in vielen Kunststoffen enthaltenen Weichmachern. Nach einer Untersuchung der UNI Hamburg lassen sich in Pyrolyseanlagen große Mengen cyclischer Kohlenwasserstoffverbindungen nachweisen, die erst im Laufe des Pyrolyseprozesses entstanden sind. Darunter auch Benzol.

Gefahren von Benzol – lt. Wikipedia:

 

Selbst, wenn Substanzen, aus denen gefährliche Stoffe entstehen können, zunächst nicht in die Pyrolyse gelangen sollten, besteht das Problem der Anlieferung dauerhaft sortenreiner, vermeintlich unproblematischer Kunststoffabfälle. Diese Anlieferung soll beim Bad Wurzacher Projekt über die Fa. Stark Recycling aus Lindau gewährleistet sein. Die Internetseite dieser Firma zeigt einen Behälter mit vorgeschredderten Kunststoffabfällen mit unterschiedlichen Farben. Welche Inhaltsstoffe haben diese Farbstoffe? Können diese Farbstoffe katalytische Reaktionen bewirken? Kann eine einmalige Analyse dieser Kunststoffabfälle deren dauerhafte Eignung für diesen Prozess gewährleisten?

Eine Sorge der zukünftigen Betreiber der Bad Wurzacher Anlage ist, die Anlage könnte im Betrieb stinken. Die wesentlich größere Sorge sollte sein, dass beim Betrieb unkontrolliert gefährliche Stoffe austreten. Betriebsstörungen sind bei Prototypanlagen, von denen kaum eine im jahrelangen Dauerbetrieb bewährte Referenzanlage existiert, nicht ungewöhnlich. Ist in diesen Anlagen eine so präzise Sensortechnik verbaut, die nicht nur Veränderungen im Betriebszustand registriert, sondern auch in der Lage ist, die Menge und die Zusammensetzung der ausgetretenen Stoffe zu erkennen? Die Anlage soll nach Angaben des Anbieters vollständig ferngesteuert und fernüberacht werden. Lediglich zur Beschickung der Anlage ist vermutlich örtliches Personal vorgesehen.

Der Imagefilm der Fa. Biofabrik suggeriert allerdings nicht nur die problemlose Entsorgung sortenreiner Kunststoffe sondern die problemlose Entsorgung von Kunststoffmüll, der in Millionen von Tonnen an den Stränden herumliegt oder sich in den Meeren und Ozeanen befindet.
Dieser Film vermittelt entweder einen Wunschtraum, oder er ist als bewusste Täuschung konzipiert. Niemand ist in der Lage, auszuschließen, dass diese Kunststoffberge bei der Pyrolyse zu einem „höllischen“ Mix führen!

 

Aus Kunststoff wird Diesel(kraftstoff)? Damit der Betrachter das auch glaubt, wird in diesem Film gezeigt, wie ein moderner Diesel-PKW mit Pyrolyseöl betankt wird.
Kein vernünftiger Mensch wird seinen modernen Diesel-PKW mit Euro-6 d Abgasreinigung mit einer für Motor, Abgasreinigung und Umwelt gefährlichen Flüssigkeit betanken.

Die Abgabe von Kleinmengen von Pyrolyseöl an Raffinerien dürfte ebenfalls Träumerei sein, da hierfür der technische und personelle Aufwand für die Raffinerie zu hoch ist. Bei der umwelttechnischen Betrachtung derartiger Vorhaben sollte man neben der Kosten-Nutzenrechnung die CO2-Gesamtbilanz, zu der auch der Transport gehört, nicht außer Acht lassen.  

 

Sicherlich gehört die Müllentsorgung nicht zu den Herzensanliegen vieler Bürger, doch ist sie von uns allen zu bezahlen. Die sachgerechte Entsorgung, die sich alleine nach den technisch-naturwissenschaftlichen und den wirtschaftlichen Erfordernissen richtet, ist zweifellos eine wichtige und dringende Aufgabe. Leider besteht auch hier seit mindestens 40 Jahren ein ideologischer Kampf zwischen den Befürwortern der energetisch genutzten Müllverbrennung auf der einen Seite und der stofflichen Verwertung und der verschiedenen Pyrolyseverfahren auf der anderen Seite.

Aus politischen und nicht naturwissenschaftlich-technischen Gründen wird heute der stofflichen Direktverwertung (z.B.: Rückgabe sortenreiner Abfälle an den Produzenten) und Pyrolyseverfahren der Vorzug gegeben. Oft unabhängig von der technischen und wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit. Es ist bei den bestehenden Problemen der stofflichen Rückführung aus rein technischen und wirtschaftlichen Gründen völlig unverständlich, dass in Deutschland ein Verbot für die Errichtung neuer Müllverbrennungsanlagen besteht.

 

Eine gut geführte Müllverbrennungsanlage ist heute mit einer auf dem aktuellen Stand der Technik stehenden mehrstufigen Rauchgasreinigung versehen, Diese ist in der Lage, gefährliche Emissionen mit größerer Sicherheit als bei anderen Anlagen zu verhindern. Außerdem werden Müllverbrennungsanlagen bei sehr hohen Verbrennungstemperaturen gefahren, die zu einer vollständigen Zerlegung gefährlicher organischer Verbindungen führen, wie sie bei der Pyrolyse auftreten können.

Heute wird von den zukünftigen Betreibern der Bad Wurzacher Anlage argumentiert, die bei der Verbrennung eingesetzten Stoffe seien stofflich vollständig und energetisch weitgehend verloren. Der von den Gegnern der Müllverbrennung angegebene niedrige energetische Wirkungsgrad von ca. 17 % ist völlig unrealistisch, und dürfte dem Schönreden des eigenen Projekts dienen.

Selbst bei der energetisch schlechtesten Alternative, der Wärmenutzung über die Erzeugung von Dampf zum Betrieb einer Dampfturbine mit nachgeschaltetem Generator, aber ohne weitere Nutzung des Dampfs für die Fernwärme, ist der Wirkungsgrad deutlich höher.

Moderne Müllkraftwerke mit Fernwärmenutzung können Wirkungsgrade von 65 % und mehr erreichen. Wird der heiße Dampf einem nachgeschalteten Kraftwerk zugeführt, kann sich der thermische Wirkungsgrad der Müllverbrennung auf ca. 80 % erhöhen. Siehe hierzu ein Bericht des Bundesumweltamtes

 

Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die heute praktizierte, unter hohem finanziellem und personellem Aufwand betriebene Mülltrennung, mit Ausnahme von Glas und Metallen, überhaupt sinnvoll ist. Der heute zur Verbrennung angelieferte Müll kann so weit von brennbaren Stoffen befreit sein, dass zur Aufrechterhaltung einer ordnungsgemäßen Verbrennung mit Heizöl oder Erdgas zugefeuert werden muss. Warum also einen extremen Aufwand für die Trennung brennbarer stofflicher Abfälle vom übrigen Müll betreiben, wenn bei der stofflichen Verwertung minderwertige Kunststoffmischungen entstehen. Diese „Mischpolymere“ finden z.B. Verwendung bei Latten von Parkbänken oder anderen einfachen Gegenständen. Doch dieser Bedarf ist begrenzt.

 

Mit dem wegen des oft zu geringen Energiegehalts des Mülls verbrannten Heizöls hätten sich bei geringeren Kosten wesentlich hochwertige Rohstoffe und aus diesen hochwertigere Produkte erzeugen lassen.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass selbst sortenrein gewonnene Kunststoffabfälle aus länger in Gebrauch befindlichen Gegenständen nicht 1 zu 1 eingeschmolzen und wieder zu gleichen Gegenständen verarbeitet werden können. Dies gelingt nur, wenn dem gebrauchten Material eine nach Erfahrungswerten bemessene Menge an frischem Granulat für das Spritzgussverfahren beigemischt wird, da das Recyclinggranulat bei jedem Recycling-Vorgang an Qualität verliert.

Bei allem Enthusiasmus der zukünftigen Betreiber des Bad Wurzacher Projekts, die sich offensichtlich als Vorreiter einer Lösung des Weltproblems der Abfallentsorgung von Kunststoffen sehen, ist diesen zu wünschen, dass sie noch rechtzeitig die Reißleine ziehen und sich nicht an ihrem Vorhaben die Finger verbrennen.

 

Etwas verstörend im Bericht über die diesbezügliche Gemeinderatssitzung ist, dass der einstimmige Beschluss zur Änderung des Bebauungsplans ohne vorherige größere Diskussion erfolgte. Es handelt sich hier um ein wesentlich komplizierteres Problem als die Umwidmung dieses Areals zu einer weiteren gewerblichen Verwendung. Schließlich steht ein beachtliches Gefährdungspotential hinter diesem Vorhaben und nicht nur das Aufstellen eines Containers.

 


Hans-Joachim Schodlok

Bürgerinitiative Landschaftsschützer Oberschwaben/Allgäu e.V.

 

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