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Bad Wurzach / Bad Waldsee (dbsz) - Der Verein Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu e. V. hat ein zweites Mal an den Europarat geschrieben. Auf das erste Schreiben vom 13. Februar hatte der Verein am 21. Februar von Marc Hory, dem für das Europa-Diplom zuständigen Projektleiter, eine kurze Antwort bekommen, in der auf die Verantwortung der örtlichen Behörden verwiesen wird.

Wörtlich hatte Marc Hory damals geschrieben: „Wir vertrauen auch darauf, dass die Verantwortlichen der Stadt Bad Wurzach jede infrastrukturelle Entwicklung in ihrem Gebiet sehr sorgfältig überprüfen, damit die ökologische Integrität des Wurzacher Rieds gewahrt bleibt.“

„Bitte entschuldigen Sie, dass wir drängen“
Das war den Landschaftsschützern um Reinhold Mall zu wenig. Der Vorsitzende des Vereins und seine Stellvertreterin Dr. Carmen Pöhl haben am 3. März per Mail und Brief erneut ihre Bedenken wegen der Windkraftplanungen rund ums Wurzacher Ried deutlich gemacht und appellieren an den Europarat, rasch zu handeln. In dem dreiseitigen Brief, der der Redaktion der Bildschirmzeitung vorliegt, schreiben Mall und Pöhl: „Wir entschuldigen uns dafür, Sie in dieser Angelegenheit zu drängen, aber aufgrund der Notstandserklärung zu Erneuerbaren Energien besteht die erhebliche Gefahr, dass Pläne ohne gründliche Prüfung vorangetrieben werden und die empfindliche einzigartige Umwelt auf irreversible Weise beschädigt wird. Wir können nicht abwarten, bis Ihnen die Behörden den nächsten Jahresbericht zusenden, da all diese Pläne schnell voranschreiten.“

Die Vorgabe laut Verlängerungsurkunde
Mehrfach beziehen sich Mall und Pöhl auf eine Passage aus der Verlängerungsurkunde für das Europadiplom von 2004. Dort heißt es unter der Nr. 6: „Die Integrität des Gebietes ist durch die Behandlung des Rieds und des Moränenrückens – einschließlich der Hügel der Riss-Eiszeit – als Gesamteinheit zu bewahren. Jedwede Nutzung der Hügel, die die Landschaft verunstalten würde (einschließlich Steinbrüche, große Windräder und Windkraftanlagen, kommerzielle Solaranlagen), sollte verboten werden.“

Im Widerspruch zum Europadiplom
Mit Blick auf die aktuellen Windkraftplanungen rund ums Ried – dem Verein Landschaftsschützer sind derzeit 18 Vorhaben in Sichtweite des Riedes bekannt – schreiben Mall und Pöhl: „Ihre Einschätzung zu diesen Bauplänen, die weitgehend im Widerspruch zu den Kriterien des Europadiploms für das Wurzacher Ried stehen, sollten die deutschen Behörden dringend erhalten.“

Die Grenzen des Wurzacher Beckens
Ein weiteres Anliegen von Mall und Pöhl ist die Definition der Grenzen des Schutzgebietes. Sie warnen davor, dass die Grenzen des Wurzacher Beckens im Interesse der Windkraftförderung enger gezogen werden als in der Vergangenheit. Im Gespräch mit der Bildschirmzeitung sagt Reinhold Mall: „Wo sonst außer an der ausgeprägten Endmoräne im Süden soll denn das Becken im Süden enden? Sie ist sehr deutlich sichtbar – besonders wenn man den Beckenrand von außen betrachtet, von Gaishaus bis Wolfegg. Beim letzten Regionalplan wurde der damals erwogene Standort Gaishaus, der in der Nähe des aktuell geplanten Windparks Alttann liegt, wegen der Hochwertigkeit dieses Gebiets gestrichen. Außerdem liegt das Gebiet in der Nähe des seinerzeit geplanten OGI, das im Gerichtsurteil dem Wurzacher Becken zugeordnet wurde.“

Das Wurzacher Becken gilt laut Europadiplom für Windkraftanlagen als tabu. Schon im Jahr 2011 hatten sich die Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu für den Schutz des Wurzacher Beckens eingesetzt. Damals war eine große Zahl von Windrädern auf den Beckenrändern geplant.

Seit die Windkraft so massiv propagiert wird, gebe es bei öffentlichen und erst recht bei den privatwirtschaftlichen Planern ein Umdenken zu Lasten des Schutzgebietes dahingehend, dass die Grenzen enger gezogen würden, befürchten die Landschaftsschützer. Auch auf diese Tendenzen weisen Mall und Pöhl in ihrem Schreiben hin.

„Photovoltaik in Moornähe bedarf der Klärung“
Ein weiterer zu klärender Punkt sei die Errichtung von PV-Anlagen in der Nähe des Moores. Auch hierzu erbitten die Landschaftsschützer ein klärendes Wort des Europarates.

„Windkraft kann austrocknend wirken“
Zum Vierten warnen Mall und Pöhl vor wärmenden und austrocknenden Wirkungen der Windkraft auf das lokale Mikroklima. Sie sehen da Gefahren für Fauna und Flora des Riedes.

Rasche Vorgaben erbeten
Mit einem Appell auf eine rasche Stellungnahme des Europarates beschließen Reinhold Mall und Dr. Carmen Pöhl ihr Schreiben.

Hier der Brief im Wortlaut:
Europäisches Diplom Bad Wurzach – Bad Wurzach, 3.3.2023

Sehr geehrter Herr Hory,
Wir danken Ihnen sehr für Ihre schnelle E-Mail-Antwort. Dürfen wir jedoch vorschlagen, sich die Dokumente in Bezug auf die folgenden vier Punkte genauer anzusehen:

1. Im letzten Bericht für das Jahr Oktober 2021 bis September 2022 gab es eine Warnung von deutschen Behörden an das Sekretariat der Berner Konvention (Seite 4) in Bezug auf Windenergie-Baupläne: „Dennoch stellt der Ausbau erneuerbarer Energien eine Herausforderung dar, da ein Waldbesitzer Interesse bekundet hat, auf den Südmoränenhügeln des Wurzacher Beckens (Hummelluckenwald) mehrere rund 200 m hohe Windkraftanlagen zu errichten Ablehnungsgründen ist zu klären, ob die Errichtung dieser Infrastruktur mit Auflage 6 des Beschlusses vereinbar ist.“

Aktuell gibt es in der Gegend noch einige weitere Windkraftpläne, wie wir in unserer Mitteilung an Sie per E-Mail vom 13. Februar 2023 und an Ursula Sticker per Post beschrieben haben. Einige geplante Baustellen würden innerhalb des geologisch definierten Wurzacher Beckens liegen, andere auf den Hügeln, die das Wurzacher Becken bilden, und andere in seiner Nähe. Wir glauben, dass all diese technische Infrastruktur die Integrität der Landschaft erheblich beeinträchtigen wird.

Ihre Einschätzung zu diesen Bauplänen, die weitgehend im Widerspruch zu den Kriterien des Europadiploms für das Wurzacher Ried stehen, sollten die deutschen Behörden dringend erhalten. Wenn Sie den Bau in „Hummelluckenwald“ als mit der Auflage Nr. 6 des Beschlusses kollidierend einschätzen würden, kommen wir zu dem Schluss, dass das derzeit geplante Windenergieprojekt im „Alttanner Wald“ und alle anderen zukünftig geplanten Windkraftanlagen auf den Hügeln um das Wurzacher Becken in ähnlicher Weise im Konflikt stehen würden.

2. Des Weiteren möchten wir Sie um Ihre Einschätzung zu den Grenzen des Europäischen Diplomgebietes in Bad Wurzach bitten. Der letzte Bericht sagte (Seite 5): „Im Berichtsjahr gab es keine Änderungen an den Grenzen des Schutzgebietes.“

Das ist richtig. Es gibt jedoch Diskussionen und sogar eine neue Karte, in der die Größe des Gebiets des Wurzacher Beckens geändert ist. Wie wir in den beigefügten Dokumenten unserer jüngsten Mitteilung gezeigt haben, gibt es ein definiertes geschütztes Kerngebiet (FFH) und eine Definition des Wurzacher Beckens. Das ist das Becken, das das Hochmoor enthält.In der Vergangenheit konzentrierten sich die europäischen Diplomdefinitionen auf das Becken. Es wurde immer wieder betont, dass die Randgebiete für das Naturschutzgebiet wichtig sind, da sie eine einheitliche Landschaft bilden. Außerdem fließt das Wasser aus den sich bildenden Hügeln in das Becken und soll vor jeglicher Verschmutzung geschützt werden. Dementsprechend sind wir der Meinung, dass die ursprünglich definierte Größe des Wurzacher Beckens in keiner Weise verändert oder minimiert werden sollte, da jede Veränderung eine Bedrohung für das gesamte Ökosystem darstellen könnte.

3. Ein weiterer zu klärender Punkt ist die Problematik von PV-Anlagen in der Nähe des Moores. Im vorherigen Bericht von Oktober 2020 bis September 2021 hieß es:
„Die Größe und Leistung solcher Anlagen ist ebenfalls auf maximal 750 MW begrenzt …“
Wir glauben, dass die Größe der genannten PV-Anlage fälschlicherweise in MW angegeben wurde, wo sie kW hätte sein sollen. 750 kW wären ein Standort von etwa 4000 m2, während 750 MW eine Fläche von 650 Hektar (6,5 km2) füllen würden. Bitte helfen Sie uns, dieses Problem zu klären.

4. Zu guter Letzt könnten Sie den Behörden bitte raten, eine Langzeitstudie zur Analyse der Auswirkungen der Windkrafttürme auf das Moor durchzuführen, bevor sie errichtet werden. Studien zeigen die wärmenden und austrocknenden Auswirkungen von Windkraftanlagen auf das lokale Mikroklima (Quelle: Beeinflussen Windkraftanlagen die Wetterbedingungen? jpur.01.1.4 p22-29). Wir wissen, dass Moore mindestens siebenmal mehr Kohlendioxid enthalten als Wälder. Daher sind Behörden dabei, Moore durch Wiedervernässung zu renaturieren (www.bmuv.de). Der Bau von Windkraftindustrie in der Nähe führt zum Gegenteil.

Wir entschuldigen uns dafür, Sie in dieser Angelegenheit zu drängen, aber aufgrund der Notstandserklärung zu erneuerbaren Energien besteht die erhebliche Gefahr, dass Pläne ohne gründliche Prüfung vorangetrieben werden und die empfindliche einzigartige Umwelt auf irreversible Weise beschädigt wird. Wir können nicht abwarten, bis Ihnen die Behörden den nächsten Jahresbericht zusenden, da all diese Pläne schnell voranschreiten.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhold Mall, Vorsitzender Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu e.V.
Dr. Carmen Pöhl, Vize-Vorsitzende

Nachstehend der Brief an den Europarat im Original (deutsche Version; er wurde auch in Englisch eingereicht)

Marc Hory deutsch Seite 1

Marc Hory deutsch Seite 2

Marc Hory deutsch Seite 3

 

 

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halloRV

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