Bad Wurzach - Clara Schemmel und Jakob Maria Lott haben mit „Der Knecht“ den Sebastian-Blau-Preis gewonnen. Nachfolgend ein Interview mit den Preisträgern, in dem sie einige Details zum „Making of“ des Filmes und zur Preisverleihung verraten.
Fragen zum Siegerfilm und den Filmemachern:
Kennt Ihr Beide Euch aus der Schulzeit oder wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Clara: Wir haben beide die Realschule Bad Wurzach und später das Technische Gymnasium Leutkirch besucht. Wir kennen uns also seit der 5. Klasse. Das Interesse für Film hat uns eigentlich in sehr unterschiedlichen Lebensphasen erreicht. Jakob schon in seiner Jugend, wo er bereits an mehreren Kurzfilmen mitgewirkt hat, unter anderem zusammen mit seinem Bruder Florian, der jetzt auch beim "Knecht" als Tonmeister beteiligt war. Mein Interesse hingegen kam erst während des Studiums an der FH Dornbirn.
Dort habe ich mich im Fachbereich Video spezialisiert und durch ein Praktikum bei den „Toten vom Bodensee“ meine erste Arbeitserfahrung am Set gesammelt. Eine Zusammenarbeit zwischen uns hat, würde ich behaupten, nur auf die richtige Gelegenheit gewartet. Als Jakob mir im Dezember 2021 von dem Sebastian Blau Preis erzählt hat, war unser Vorhaben schnell besiegelt und wir haben uns sofort ans Drehbuch gemacht und bereits im Februar gedreht.
An Jakob: Wie schafft man es, diese Rolle – als im Wortsinne „Geknechteter“ – so authentisch zu verkörpern? Wie motiviert man sich für so eine Rolle?
Jakob: Mein Interesse an solchen Rollen, solchen Charakteren war schon immer groß. Alles was die Abgründe und Undurchsichtigkeit der Psyche anbelangt, fasziniert mich. Dadurch, dass ich die Rolle nicht nur verkörpern, sondern auch schreiben konnte, hatte ich die Freiheit die Figur nach meiner Vorstellung zu konstruieren. Naturgemäß integriert man dabei auch immer eigene Anteile. Vor allem über das Schreiben des Liedes, welches immer wieder vom Knecht gesungen wird und das dem Zuschauer einen Einblick in sein verstört infantiles Innenleben offenbart, konnte ich mich schon früh in die Rolle einleben. Alles Weitere kam sehr intuitiv. Wir haben die Szenen vorher nie geprobt.
Wie lange habt ihr gedreht?
Wir haben fast eine Woche lang nur das Motiv umgeräumt, Requisiten und Lichttechnik besorgt die Szenen aufgelöst und alles nach unseren Vorstellungen eingerichtet. Reine Drehtage waren es dann fünf. Davon zwei mit allen Schauspielern, die auch organisatorisch am besten geplant und auch recht durchgetaktet waren. Die anderen drei Tage waren im kleineren Team, teilweise sogar nur zu zweit. Dort sind vor allem die surrealen Rausch- Szenen des Film entstanden, bei denen wir auch viel improvisiert haben.
Wie seid ihr an doch ziemlich harten „Stoff“ für den Film gekommen?
Wir waren uns schnell einig, eine düstere Geschichte erzählen zu wollen, allerdings mit realem Bezug. Durch den schwäbischen Kontext des Festivals war es natürlich naheliegend in der Heimat zu drehen und die Geschichte auch Inhaltlich dort anzusiedeln. Die Thematik des Transgenerativen Traumas, welches dem Film zugrunde liegt und auf verschiedenen Ebenen verarbeitet wird, hat uns beide schon seit einiger Zeit beschäftigt. Auf welche Art können Traumata entstehen und wie werden sie gesellschaftlich oder gar genetisch weitergegeben? Tragen wir als 2. Generation nach dem Krieg immer noch Traumata unserer Großeltern und Urgroßeltern mit uns herum? Welche archaischen, patriarchalen Konventionen werden durch Gesellschaft und Kirche weitergegeben? Die Auseinandersetzung mit all diesen Fragen hat uns während des Filmprojekts beschäftigt. Durch weitere Recherche und Erzählungen aus den eigenen Familienkreisen haben wir dann versucht, ein authentisches Abbild eines Allgäuer Bauernhofs der 60er Jahre zu schaffen. Grundlage war jedoch eine wahre Geschichte die sich in den 70er Jahren in der Steiermark abgespielt hat.
Auch wenn wir in unserem Film nur die Oberfläche dieser tiefgreifenden Thematik abbilden konnten, ist es doch ein Anstoß für mehr Bewusstsein in diesem Bereich.
Wie bist du an den Schauspieler Bernd Wengert vom Theater Ravensburg gekommen?
Clara: Sehr pragmatisch. Ich bin auf die Homepage des Ravensburger Theaters gegangen und hab durch das Ensemble gescrollt bis ich an dem Foto von Bernd hängen geblieben bin. In meinen Augen war er perfekt für die Rolle. Dann habe ich ihn per Mail kontaktiert und ihm die erste Drehbuchfassung geschickt. Er war direkt interessiert und nach einem weiteren Telefonat, bereit mit uns zu arbeiten.
Zur Preisverleihung des „Schwäbischen Oskar“:
Wie war eure Gefühlslage, als ihr – ich vermute mal als Letzte – auf die Bühne gerufen wurdet und der „große“ Adrian Kutter hielt die Laudatio auf Euch?
Die Preisübergabe machte dann ja Regierungspräsident Tappeser.
Clara: Es war natürlich aufregend. Wir wussten ja bereits, dass wir unter den Finalisten waren. Aber als ein Sonderpreis nach dem anderen vergeben wurde und wir immer noch nicht aufgerufen wurden, war es dann doch eine Mischung aus: "Oh Gott, entweder bekommen wir gar nichts, oder den ersten Preis." Als dann der Vorhang aufging und ich schon am ersten Geräusch unseren Film erkannte, war es ein überwältigendes Gefühl. Die anschließende Laudatio von Adrian Kutter und seine fachliche wie persönliche Anerkennung haben mich unwahrscheinlich stolz gemacht. Fast bewegender waren dennoch die persönlichen Worte von Klaus Tappeser und auch Gespräche mit einigen Zuschauern, die wohl einen sehr persönlichen Bezug oder gar eigene Erfahrungen mit dem Film in Verbindung brachten.
Waren Eure Familien auch mit dabei und haben Euch angefeuert?
Natürlich hatten wir unsere eigene Fankurve mit dabei. Familie und Freunde, die uns auch schon während der Dreharbeiten kräftig unterstützt haben, waren in Rottenburg mit dabei und haben uns bei der Preisverleihung bejubelt und mit uns gefeiert.
Wie war es statt hinter der Kamera plötzlich selbst im Rampenlicht zu stehen?
Clara: Diese öffentliche Aufmerksamkeit ist immer noch sehr ungewohnt. Aber natürlich macht es auch Spaß, motiviert und bestärkt mich in meiner Arbeit.
Viel Zeit zum Feiern hatten die Beiden nicht, denn bereits zwei Tage nach der Preisverleihung rief sie die Arbeit nach Berlin. Daher fand das Interview per e-mail statt.
Interview und Bilder Uli Gresser









