Bad Wurzach - Mittels einer Hebebühne befestigte Hubert Reichle vom städtischen Bauhof – angeleitet von Uhrmachermeisterin Svenja Brauchle aus dem Inneren des Rathaustürmchens die Zeiger der Rathausuhr wieder dorthin, wo sie hingehören.
Es war schon eine schwierige Zeit für die Wurzacher Passanten, wenn Sie ihren Blick gewohnheitsgemäß zur Rathausuhr hochschweifen ließen, um zu sehen was die Stunde geschlagen hatte – und sie dort nur einen leeren Kreis vorfanden.
Seit Anfang Mai lief die Uhr unrund, blieb dann ganz stehen. Ein klarer Fall für die „Uhrenflüsterer“ Westermayer. Tochter Svenja Brauchle nahm sich der Sache an, auch wenn sie sich zunächst „wie ein Staubsauger oder Schonsteinfeger vorkam“ erzählt sie lachend. Im Laufe der letzten fünf Monate war sie rund zehnmal unter dem Rathausdach zu Besuch, beim letzten Mal, jetzt bei der Zeigermontage wurden nur noch ihre Hände schmutzig.
Zunächst baute Brauchle die beiden Laufwerke der Zifferblätter aus und entrostete sie. Diese sind hinter der Bretterwand am Türmchen quasi Wind und Wetter ausgesetzt. Die Getriebestange, die Uhr- und Schlagwerk mit dem Zifferblatt verbindet war als Nächstes dran. Im Juni schließlich wurden die Zifferblätter abgenommen und gereinigt und entrostet. Im August wurde das Zeigerwerk ausgebaut und ebenfalls entrostet, ohne dass damit die Ursache für den Stillstand gefunden wurde.
Im September fand Svenja Brauchle schließlich die tatsächliche Ursache: Einer der Balken hatte sich gesenkt und drückte auf die Antriebswelle und blockierte diese. Denn nachdem das Problem durch eine Unterlage unter den Balken gelöst werden konnte, liefen Uhrwerk und Zeigerwerk in den letzten vier Wochen – von außen wegen der fehlenden Zeiger unsichtbar – wieder einwandfrei. Wobei der Probelauf unfreiwillig noch verlängert werden musste, weil die Hebebühne beim ursprünglichen angesetzten Termin vor einer Woche noch nicht zur Verfügung stand.
Beginnend mit dem Minutenzeiger, der in Nullstellung auf 12 Uhr gestellt wurde, anschließend den Stundenzeiger auf sechs Uhr, montierte Reichle zunächst die Zeiger auf der Westseite des Rathaustürmchen. Anschließend wechselte er auf die Ostseite und wiederholte den Vorgang dort.
Einen 12 Stunden-Test im Schnelldurchlauf brachten beide Zeigerwerke ohne Beanstandung hinter sich. Damit begann für Svenja Brauchle die kitzeligste Zeit im Inneren des Türmchens: Auf einer Leiter stehend musste sie beide Zifferblätter „von Hand“ minuten-genau einstellen. Was durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn für jede Minute war die Sperre am Getriebe zu lösen, wobei sie immer per Handy mit ihrem Vater Martin Westermayer verbunden war, der ihr aus der Entfernung exakte Anweisungen durchgab.
Dass die Wurzacher die Rathausuhr „immer im Blick“ hatten und haben, bewiesen – kaum drehten sich die Zeiger der Uhr wieder – begeisterte e-mails auf dem Account der „Uhrenflüsterer“. Von Passanten, die sich über „die Rückkehr der Zeit“ auf dem Rathaus freuten.
Bericht und Bilder Uli Gresser

