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Bad Wurzach - Zu der nichtöffentlichen Veranstaltung waren Bürgermeister, Gemeinderäte und Ortsvorsteher der Raumschaft Bad Wurzach, Leutkirch, Aichstetten und Aitrach, sowie einzelne Vertreter aus Landwirtschaft, Naturschutz und Gewerbe eingeladen worden, um Fragen rund um das geplante Biosphärengebiet zu diskutieren. In drei Fachvorträgen wurden die Möglichkeiten eines Biosphärengebietes vorgestellt und Fragen beantwortet.

Bad Wurzachs Bürgermeisterin Alexandra Scherer begrüßte als Hausherrin die rund 60 Teilnehmer, darunter auch die Landtagsabgeordneten Petra Krebs und Raimund Haser. Sie begründete auch, warum diese erste Infoveranstaltung in der Region nur mit namentlich geladenen Teilnehmern durchgeführt wurde: Man wollte vermeiden, dass Interessensgruppen die Diskussionsführung übernehmen würden.

Timo Egger, Bürgermeister von Fleischwangen und Vorsitzender der kommunalen Arbeitsgemeinschaft Biosphärengebiet, erklärte, warum man für die Informationsveranstaltungen Regionen zusammenfasse: Weil an dem Prozess mit Biberach, Sigmaringen und Ravensburg drei Landkreise und damit sehr viele Gemeinden beteiligt sind, würde es zu lange dauern, in jeder Kommune eine solche Veranstaltung zu machen.

Das Prozessteam mit Franz Bühler und Lisa Polak, bei dem alle organisatorischen Fäden zusammenlaufen, hat seinen Sitz in Bad Waldsee. Das Land Baden-Württemberg finanziert zwar die Entwicklung, hält sich aber ansonsten heraus: Der Prozess soll aus der Region heraus sich entwickeln, ohne Einflussnahme von oben. Egger appellierte an alle Anwesenden: „Bringen sie sich ein. Die Informationen sollen von unten nach oben gelangen.“

Im Dialogkreis sollen IHK, Landwirtschafts-, Naturschutz- und Sozialverbände ihre Meinungen und Ideen einbringen. Es werde keinen Zeitdruck geben, als Zeitrahmen für eine Entscheidung sind fünf Jahre angesetzt. „Aber wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen.“

Petra Bernert vom Umweltministerium definierte in ihrem Fachvortrag ein Biosphärengebiet und zeigte mögliche Chancen und Herausforderungen eines solchen Gebietes auf.  „Biosphärengebiete haben drei Funktionen zu erfüllen: Nachhaltige Wirtschaft, Erhalt der biologischen Artenvielfalt und Unterstützung für Forschung, Monitoring und Bildung. Sie sind „Lernlabore für eine nachhaltige Entwicklung.“

Biosphärengebiete sind räumlich in drei Zonen aufgeteilt: Die Kernzone, die mit wertvollen Naturlandschaften (wie etwa das Wurzacher Ried) ohne menschlichen Einfluss und maximal 3% der Gesamtfläche umfassen soll. Die Pflegezone mit maximal 20% der Fläche beeinhaltet historische gewachsene Kulturlandschaften, die weiterhin nachhaltig extensiv genutzt werden sollen. Die Entwicklungszone, mit mehr als 70% Flächenanteil der größte Teil des Gebietes, ist Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum der Bevölkerung. Die Größe des Gebietes kann zwischen 30.000 ha und 150.000 ha variieren.

Als Chancen sieht Bernert die internationale Anerkennung, das Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Regionen, positive Effekte für Tourismus und regionale Wirtschaft, Erschließung von Fördermitteln und Identitätsstiftung.

Die Herausforderungen: Es werde kein Selbstläufer sein, sondern erfordere ein dauerhaftes Engagement von Kommunen und Bürgern. Voraussetzung sei deren Innovationsbereitschaft und die Bereitschaft der Finanzierung durch Land und Kommunen. Die UNESCO werde die Einhaltung der Vorgaben regelmäßig überprüfen.

Iris Steger vom Landratsamt Ravensburg zeigte zu Beginn ihres Vortrages „Vom Suchraum zur Kulisse“ das Alleinstellungsmerkmal der Region auf: 81% der Moorflächen Baden-Württembergs liegen in Oberschwaben und damit dem für das Biosphärengebiet Oberschwaben-Allgäu vorgesehenen Gebiet. Die meisten dieser Moore unterliegen bereits verschiedenen Natur- und Landschaftsschutzkartierungen und -Programmen. Der Suchraum, anhand dessen die Grenzen eines möglichen Biosphärengebietes festgelegt werden soll reicht im Norden bis Dürmentingen, im Westen bis Pfullendorf, im Süden bis zum Argental und im Osten bis Leutkirch und der Adelegg, was einer Fläche von 185.000 ha entspricht. Nach der Reduzierung auf die sogenannte Potentialkulisse, bei dem der Wirtschaftsraum südlich von Ravensburg ausgeklammert wurde, ergab sich noch eine Fläche von 143.000 ha, als deren Kernzone das intakte Hochmoor des Naturschutzgebietes Wurzacher Ried exemplarisch definiert wurde.

Franz Bühler vom Prozessteam Biosphärengebiet „Moor- und Hügelland Oberschwaben-Allgäu“ referierte in seinem Vortrag über Besonderheiten und Handlungsfelder in der Region. „Prägend für die Region sind das Nebeneinander von Nutzungen unterschiedlich hoher Intensität: Neben intensiver Landwirtschaft gibt es im Wechsel extensiv genutzte Flächen und Natur- und Landschaftsschutzflächen.“ Daneben gebe es eine starke regionale Wirtschaft mit hoher Innovationskraft und eine attraktive Landschaft mit großem Freizeit- und Erholungswert. „Prägend sind die Menschen, diese wollen wir mitnehmen!“

Er rief die Anwesenden, die von Bürgermeisterin Scherer bei ihrer Begrüßung als „Multiplikatoren“ bezeichnet hatte, dazu auf sich zu beteiligen. Das Prozessteam stehe als Ansprechpartner ebenso wie Mitarbeiter von Umweltministerium und Regierungspräsidium als fachliche Unterstützung zur Verfügung.

Timo Egger erläuterte die Zielsetzung und den weg dorthin: „Am Ende werden die Gemeinderäte entscheiden, daher ist es sehr wichtig, sich zu informieren.“ Petra Bernert berichtete aus den Erfahrungen mit dem Gebiet „Schwäbische Alb“: Manche Kommunen waren sehr aktiv, andere dagegen sind nur mitgelaufen.“

Ilona Diesner moderierte die anschließende Diskussion. Als erster meldete sich Rolf Weidner. Er als Vertreter der Milchviehbauern sehe keine Perspektive für seinen Berufsstand. Er selbst sei ein gebranntes Kind seit der Erweiterung des Naturschutzgebietes Wurzacher Ried. „Es wurden bisher keine Ziele genannt und auch die Informationswege sind katastrophal.“ Daher verstehe er die Ängste und Befürchtungen seiner Kollegen vor weiteren Regulierungen.

Hermann Gütler, Inhaber der Stelzenmühle, bestätigte die Meinung Weidners: „Da wurde viel von oben drübergestülpt.“ Iris Steger sagte dazu, es müsse zu allererst eine Bestandsaufnahme hinsichtlich der Restriktionen erfolgen. Nach einer weiteren Wortmeldung eines Landwirtes, der massive Fremdbestimmung auf dem eigenen Grund und Boden befürchtete, sagte Timo Egger: „Den Kommunen geht es ja ähnlich, deswegen ist es wichtig, dass diese Probleme erkannt und benannt werden.“ Franz Bühler gab ehrlich zu, dass nicht alle Landwirte profiteren würden.

Aber man werde diese unterstützen. „Regionalität ist uns jedoch wichtig.“ Ein Biolandwirt meldete sich zum Thema Flächennutzung: Das Landratsamt bestimme, welche Bäume er in seinem Wald schlagen dürfe. Er fragte sich auch, wo die Landwirte vertreten seien. Petra Müller, Landwirtin aus Arnach bestätigte zwar die Ansicht ihrer Kollegen, dass die Landwirte „schon öfter über den Tisch gezogen wurden“ redete ihnen aber auch ins Gewissen: „Wir haben Probleme und müssen etwas ändern. Ich sehe hier eine große Chance für uns, denn jeder Hof hat großes Entwicklungspotential.“

Brauereiinhaber und Gemeinderat Gottfried Härle sagte: „In der Entwicklungszone spielt die Musik, dort bieten sich viele Entwicklungsmöglichkeiten.“ Er fragte etwas provozierend, ob denn China oder Russland die Zielgruppen von den hiesigen Bauern seien. So suche Feneberg aus Kempten zum Beispiel händeringend nach Rindermastbetrieben. Potential sieht Härle auch in den Mooren als CO2 Speicher, die durch die immer mehr erforderliche CO2 Kompensation auch wirtschaftlich an Attraktivität gewännen. Siegfried Roth, Leiter des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried, sieht ein großes Potential eines Biosphärengebietes auch darin, neue Verfahren zu entwickeln und z.B. etwa den Büffelzüchter am Ried mit dem Käser in Gospoldshofen zusammenzubringen, damit am Ende der innovative Moorzarella entstehen kann.

Der Leutkircher OB Hans Jörg Henle fragte, wer die Entscheidung über die Grenzen der Pflegezone und für einen Biotopverbund treffe. Franz Bühler erklärte dazu, die Pflegezone solle in einem Schutzgebiet liegen und deren bisherige Nutzung solle weiterbeibehalten werden. Bei einem Biotopverbund solle auf bestehende Strukturen zurückgegriffen werden.

Timo Egger sagte in seinem Schlusswort : „Wir entwickeln das Gebiet von unten. Deshalb bringen sie sich ein.“ In dem 62köpfigen Dialogkreis seien bisher neben den Vertretern der Kommune auch 12 Landwirte vertreten.

Dass die Anwesenden dialogbereit sind, bewiesen sie nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung: kaum einer verließ den Saal, in kleinen Gruppen wurde munter weiterdiskutiert.

 

Bericht und Bilder Ulrich Gresser

 

 

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halloRV

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