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Bad Wurzach - Fast im gesamten Gebäude des ehemaligen Klosters Maria Rosengarten findet aus Anlass des 80. Jahrestag der Deportation von Bürgern der Kanalinsel Jersey ins Wurzacher Schloss und dem 20jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Bad Wurzach und St. Helier eine von Gisela Rothenhäusler organisierte ganz besondere Kunstausstellung mit Werken, die von den Deportierten während ihrer Gefangenschaft geschaffen wurden, statt.

Der Sitzungssaal gut gefüllt, als Bürgermeisterin Alexandra Scherer als Hausherrin die Besucher, darunter eine 25köpfige Delegation mit ehemaligen Deportierten, deren Angehörigen sowie mit Mary le Hegarat eine Parlamentsabgeordnete und mit Sir Philipp und Sir William zwei ehemalige Bailiffs begrüßte.

„Die besondere gemeinsame Geschichte von Jersey und Bad Wurzach hat fast auf den Tag genau vor achtzig Jahren begonnen. Damals wurden viele Bewohnerinnen und Bewohner von Jersey nach Deutschland in eine völlig ungewisse Zukunft deportiert. In der Gefangenschaft und letztlich aus der „Not des Gezwungenseins“ in jahrelange Untätigkeit heraus sind im Wurzacher Schloss zwischen 1942 und 1945 zahlreiche Bilder entstanden, die Gisela Rothenhäusler vom örtlichen Partnerschaftsverein in einer gut erläuterten und illustrierten Ausstellung zusammengestellt hat,“ sagte das Stadtoberhaupt in seiner kurzen Ansprache. Sie dankte Gisela Rothenhäusler für ihren großen ehrenamtlichen Einsatz bei der Organisation der Ausstellung. Ein Dank ging ebenfalls an den Landrat und die OEW, die das Projekt mit einer großzügigen Spende unterstützt hatte.

Simon Crowcroft, der Bürgermeister von St. Helier ging in seiner Ansprache auf den geschichtlichen Hintergrund der Ausstellung und der Städtepartnerschaft ein.

„Es ist fast unglaublich, sich vorzustellen, dass es „gestern“ vor 80 Jahren noch keinerlei Verbindung zwischen Bad Wurzach und Jersey gab.“ Dies habe sich schlagartig am 16. September 1942 geändert, als die ersten 280 Inselbewohner deportiert wurden. Insgesamt 618 Insulaner seien in den mehr als zweieinhalb Jahren im Wurzacher Schloss interniert gewesen, bevor sie am 28. April 1945 befreit wurden. Allen sei bewusst, dass die Wurzacher ihnen in dieser Zeit nichts Böses wollten, ihnen halfen wo sie konnten und nach Kriegsende auf beiden Seiten der Wunsch nach Versöhnung und Freundschaft da gewesen sei.
„Meine Vorgänger haben trotz der größten Bemühungen von Menschen wie Hermann Bilgeri, John Sherry, Michael Gabb, Michael Ginns und anderen die Hand der Freundschaft abgelehnt, als sie angeboten wurde.“ Doch glücklicherweise sei dies nun völlig anders geworden.

„Deshalb danken wir Ihnen, den Bad Wurzachern, für alles, was Sie für unsere Internierten getan haben, wir danken Ihnen für die Pflege der Gräber derer, die nicht auf ihre Inselheimat zurückgekehrt sind, wir danken Ihnen für diese Ausstellung, die Sie über deren Leben damals im Schloss organisiert haben und wir danken Ihnen für alles, was Sie seitdem getan haben, um uns willkommen zu heißen.“

„Alltag hinter Stacheldraht – wie ist das möglich? Von einer fremden Macht aus der Heimat vertrieben zu werden, ohne den Grund zu kennen. Abtransportiert in ein fremdes Land, eingesperrt zusammen mit mehreren hundert Menschen auf engstem Raum, “ diese Fragen stellte Gisela Rothenhäusler an den Beginn ihrer Ausführungen über Inhalt und Organisation der Ausstellung. „Seit ich mit der Recherche über das Internierungslager im Schloss Wurzach begonnen habe, habe ich versucht, mir vorzustellen, wie das Leben der Menschen gewesen sein muss.“ Im Gegensatz zu den meisten Lagern von Nazi Deutschland wurden die Deportierten gemäß der Genfer Konvention behandelt, d. h. sie wurden wie Kriegsgefangene aus westlichen Alliierten-Staaten behandelt. „ Und das bedeutete, dass die Lager unter Beobachtung der Schweiz als Schutzmacht und des Internationalen Roten Kreuzes standen, das auch zusätzliche Lebensmittel für das Lager im Allgemeinen und vor allem für die einzelnen Internierten lieferte. Dies stellte sicher, dass die Internierten nicht verhungerten und nicht die Gräueltaten wie die Insassen der Konzentrationslager erleiden mussten.“
Die riesige Anzahl von den Internierten gezeichneten und gemalten Bilder, darunter viele Bilder des Schlosses, aber auch Geburtstags- und Weihnachtskarten, welche die Sehnsucht nach Heimat und Kriegsende widerspiegeln. „Und das war möglich, denn dank der Kriegsgefangenenhilfe des YMCA hatten sie Papier und Farbe. Und da sie nicht gezwungen waren zu arbeiten, hatten sie Zeit im Überfluss, viel Zeit.“ Doch all diese Karten, Plakate für Theater- und Sportveranstaltungen könnten leicht einen falschen Eindruck erwecken. „Was sie sehr selten zeigen, sind all die Probleme des Lagerlebens, die Knappheit und geringe Qualität der Nahrung, die Probleme beengter Wohnverhältnisse, die Ängste der Eltern um ihre Kinder, die Probleme des Alltags. Wie man angemessene Kleidung für die Kinder findet, wie man die Kleider wäscht, wie man die Kinder beschäftigt... Um diesen Eindruck zu korrigieren müsse man die Tagebücher lesen und die Geschichten kennen, die Deportierte ihren Angehörigen erzählten.

Zwei Gemälde von John Selby, die Gisela Rothenhäusler von einer alten Wurzacherin erhalten hatte, die mit dem Künstler befreundet war, gaben den Anstoß für diese Ausstellung. Zwar ließ sich aus verschiedenen Gründen die Idee, die Originale im Schloss auszustellen, nicht verwirklichen. Aber das Jersey Archive und insbesondere Stuart Nicolle, war mit der Idee sehr hilfreich, die Originale zu fotografieren und damit die Ausstellung erst möglich zu machen. Dafür sprach Rothenhäusler dem Fotografen Tony Pike und Simone Menig, die viele Stunden für die Auswahl der Bilder im Archiv in Jersey verbracht hatte, ihren besonderen Dank aus.

„Ich habe Bilder mit ähnlichen Themen gruppiert und in den Bildunterschriften einige Informationen gegeben. Manche Bilder müssen auch erklärt werden. Zum Beispiel haben wir Bilder mit einer Hakenkreuzfahne und deutschen Helmen. Auf den ersten Blick wirken sie wie rechte Nazi-Propaganda. Aber das sind sie natürlich nicht. Es war ein Lieblingsthema von Harold Hepburn, dem wir unzählige Bilder verdanken. Sie stellen das Joch dar, unter dem sie leben mussten,“ gab Rothenhäusler einige Erläuterungen zur Systematik der fast über das ganze Gebäude verteilten Ausstellung.

Und für die Bad Wurzacher hatte sie einige Bilder eingefügt, wie sie von den Internierten aus dem Lager und bei ihren Spaziergängen gesehen oder von Postkarten gezeichnet wurden, „die selbst alteingesessene Bewohner zum Staunen bringen werden.“

Nach einem letzten Musikstück des Arnacher Posaunenquartetts, das für die musikalische Umrahmung der Vernissage gesorgt hatte, machten sich die Besucher auf den Weg. Es wurde richtig eng in den einzelnen Fluren des Gebäudes, aber am Ende des Rundganges traf man sich im Kapitelsaal dem Herzstück der Stadtbücherei wieder, denn dort durfte sich jeder Besucher – auf ausdrücklichen Wunsch von Bürgermeisterin Scherer – ins Goldene Buch der Stadt eintragen, um damit die Bedeutung dieser Ausstellung zu unterstreichen.
Viele der ausgestellten Bildern sorgten für reichlich Gesprächsstoff, sowohl unter den Insulanern als auch bei den Einheimischen. Gut, dass der Partnerschaftsverein gemeinsam mit Rosemarie Stäbler und ihrem Team, die ansonsten für die Organisation der Kunstausstellungen verantwortlich zeichnet, mit Getränken und kleine Häppchen für die nötige Stärkung sorgten.

Die Ausstellung ist bis zum 16. Oktober in den Fluren und der Bücherei in Maria Rosengarten zu sehen.

 

 

Bericht und Bilder: Uli Gresser

 

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halloRV

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