Bad Wurzach - Vor 80 Jahren wurden zahlreiche Bewohner von den Nazis aus Jersey deportiert , sehr viele wurden damals im Bad Wurzacher Schloss interniert. Aus diesem Anlass – und auch weil die Partnerschaft mit St. Helier, der Hauptstadt der KanaIinsel, 20 Jahre alt wird – weilt derzeit ein 25-köpfige Delegation mit dem Bürgermeister St. Heliers, Simon Crowcroft, an der Spitze sowie noch mit vier ehemaligen Internierten zu den Feierlichkeiten in Bad Wurzach.
Seit Mittwoch weilt die Delegation aus Jersey in Bad Wurzach, am Donnerstag trug sich Simon Crowcroft nach einer Führung durch das Schloss, das für drei lange Jahre Heimat für rund 600 Jerseyianer, darunter annähernd 200 Kinder, gewesen war, im Barocktreppenhaus des Schlosses in das Goldene Buch der Stadt Bad Wurzach ein.
Die Bad Wurzacher Bürgermeisterin Alexandra Scherer verwies an diesem „besonderen Tag“ auf den geschichtlichen Hintergrund der Partnerschaft: „Es gibt viele Städtepartnerschaften, aber durch die Geschichte ist diejenige zwischen Bad Wurzach und St. Heliers etwas ganz besonderes.“
Bei einem Gedenkgottesdienst in der Schlosskapelle, zelebriert von Stadtpfarrer Stefan Maier, Superior Konrad Werder gemeinsam mit Referend Sarah McClelland, verwies Stefan Maier in seiner Predigt auf die heilende Kraft des Kreuzes, dessen Ursprung der Evangelist Johannes im alttestamentarischen Ereignis, als Moses die Israeliten aus der Gefangenschaft zurück in ihre Heimat führte, verortete.
Da das Wetter an diesem Nachmittag mit einigen Regenschauern aufwartete, wurden die für die Gedenkfeier bei der Aussegnungshalle vorgesehenen Reden bereits im Anschluss an den Gottesdienst in der Schlosskapelle gehalten.
Bürgermeisterin Scherer kondolierte zunächst der Delegation zum Tod von Queen Elizabeth II, die auch das gekrönte Haupt der Kanalinseln war und bei ihrem dortigen Besuch 2005 auch regen Anteil an der Partnerschaft zwischen Jersey und Bad Wurzach genommen hatte.
80 Jahre seien seit jenem traurigen Tag im September 1942 vergangen, als zahlreiche Bürger der Kanalinsel Jersey aus ihrem normalen Leben Gerissen wurden und seit Oktober 1942 für rund drei Jahre im Wurzacher Schloss interniert wurden.
„Drei lange Jahre, die mit Sicherheit zu den dunkelsten im Leben der Betroffenen zählten. Internierung bedeutet immer Leiden, Schmerz, Unsicherheit und Verzweiflung. Auch für die zurückgelassenen Angehörigen. Das sind schwer vorstellbare Realitäten in Zeiten von Wohlstand und einem langanhaltenden Frieden.“
Scherer freute sich besonders mit Lola Garvin eine Person begrüßen zu können, die als Kind die Internierung erlebte und bei der Organisation des Besuches jetzt eine führende Rolle gespielt hatte.
Viele der damals direkt Betroffenen lebten nicht mehr. Als Zeichen der Aussöhnung werden die Gräber derjenigen, die während der Internierungszeit auf dem Wurzacher Friedhof ihre letzte Ruhestätte fanden, besucht und ihrer besonders gedacht. Denn Gedenktage seien generell für ein friedliches Zusammenleben der Menschen von besonderer Bedeutung, besondere Ereignisse für den Austausch zwischen den Partnerstädten. „Die Erinnerung hält uns wach! Offenes und vertrauensvolles gemeinsames Erinnern ist ein wichtiger Bestandteil von Aussöhnung und Frieden.“
Dass Frieden keine Selbstverständlichkeit sei, zeige der Ukraine-Krieg mitten in Europa, dessen Auswirkungen immer mehr spürbar würden. Für den Frieden und die Demokratie müsse täglich gearbeitet werden, im eigenen Umfeld, in der eigenen Stadt und der Staatengemeinschaft.
Simon Crowcroft, der Bürgermeister von St. Helier, blickte in seiner Ansprache auf die 20 Jahre der Partnerschaft zurück. Er erinnerte an die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden im Juli 2002 auf Jersey und im November dann in Bad Wurzach.
„Dieses erste Jahr war wirklich denkwürdig, nicht nur wegen des förmlichen Abschlusses der Partnerschaft, sondern auch wegen der Begeisterung der jungen Leute, die diese ersten beiden Besuche begleiteten, und wegen der Aussicht auf gewinnbringende kulturelle Austausche zwischen unseren beiden Gemeinden.“
Von der Musikkapelle, welche die Delegation damals nach Jersey begleitete und begeistert bereits am Fährhafen ein spontanes Konzert gab, schlug er den Bogen zum Jersey Youth-Theatre dessen Aufführung der Shakespeare-Tragödie von „Romeo und Julia“ im Kursaal die Zuschauer zu Tränen rührte. Diese zeigte, was passieren kann, wenn eine Fehde nicht zur Versöhnung führt.
„Es sind gerade die jungen Leute unserer beiden Gemeinden, die so viel zum Gelingen der Partnerschaft beigetragen haben.“ Besonders durch die regelmäßigen Austausche mit dem Jugendtheater, ebenso wie die Reisestipendien des jerseyanischen Partnerschafts-Komitees, die Einzelaustausche mit dem Salvatorkolleg ermöglicht hatten. „Man hat mir sogar die Möglichkeit gegeben, an der Realschule eine Englischstunde zu geben. Leider hat man mich nie mehr dazu eingeladen, und das gibt mir doch zu denken,“ bemerkte Crowcroft mit einer Brise englischen Humors. „Wir im Rathaus waren begeistert über eine ganze Reihe von Praktikanten, einschließlich einer Praktikantin, die einen unserer Mitarbeiter geheiratet hat, was sicher der Höhepunkt einer Partnerschaft ist.“
Durch die gegenseitigen Besuche zu den Nationalfeiertagen und Festen, wie etwa dem „Battle of flowers“ oder dem Heiligblutfest, hätten Menschen jeden Alters profitieren können. Am bemerkenswertesten seien jedoch die gemeinsamen historischen Wurzeln und die Besuche von ehemaligen Internierten und ihren Familien an der Stätte ihrer Inhaftierung. „Diese Besuche ermöglichen es uns immer, der Bürger von Jersey zu gedenken, die am Ende des Kriegs nicht zurückkehren konnten.“
Für die Schaffung der Gedenkstätte und der Pflege der Gräber zeigten sich die Gäste sehr dankbar. „Unsere ehemaligen Internierten, die immer mit dem Partnerschaftskomitee zusammengearbeitet haben, haben auch dafür gesorgt, dass dieser Teil der Geschichte Jerseys durch verschiedene Gedenkveranstaltungen im Gedächtnis ihrer Mitbürger präsent bleibt, und dafür verdienen sie unseren Dank.“
Unglücklicherweise lernten viele nicht aus der Geschichte. Es sei traurig zu sehen, dass neue Schranken zwischen den Ländern Europas entstanden seien, wodurch Reisen, die gegenseitiges Verständnis und Bereicherung bringen sollten, erschwert würden.
Bericht und Bilder Uli Gresser

