DBSZ DBSZ BadWurzach 1200v01

Arnach / Brugg (dbsz) - Im Jahre 1722 stiftete Arnachs Pfarrer Dr. Johann Wilhelm Rom einen neuen Altar für die um 1700 erbaute Brugger Kapelle, in der bis dahin vermutlich der Altar aus der Vorgänger-Kapelle gestanden hatte. Das 300-Jahr-Jubiläum ihres Altares wurde von den Brugger Kapellenfreunden am 16. August, dem Tag ihres Kapellen-Patrons Rochus, und am Folgetag gefeiert.

Die Rochus-Messe wie auch die übrigen Jubiläumsveranstaltungen fanden aus Platzgründen in der Arnacher Kirche statt. Für das Gastrecht in der Pfarrkirche und die Unterstützung durch die Mesner Anton Baumann und Emmi Braun dankte Kapellenvereinsvorstand Gerhard Reischmann der Pfarrgemeinde Arnach.

Die Rochus-Messe
Vikar Manuel Hammer würdigte in der Eucharistiefeier die viele Generationen umfassende Treue der Brugger Gebetsgemeinschaft zu ihrer Kapelle. In seiner Predigt ging er auf die Nächstenliebe des Heiligen Rochus ein, der sich der Pflege von Pestkranken verschrieben hatte. Auch befasste er sich mit der Motivik des Brugger Altarblattes. Dabei nahm er die demütig-hingebungsvolle Trauer der Maria Magdalena besonders in den Blick.

Zuvor hatte Vikar Hammer einen Text des Religionsphilosophen Romano Guardini mit dem Titel „In den Heiligen strahlt die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ verlesen. Darin heißt es: „Wir finden von den frühesten christlichen Zeiten an eine lebendige Beziehung der Glaubenden zu jenen, die sich auf Erden in besonderer Weise als Freunde Gottes erwiesen haben, den Heiligen. Die Heiligen (…) öffnen den Reichtum Christi. Dieser ist ,das Licht‘ (…); die Heiligen aber sind wie Prismen, welche seine Unbegreiflichkeit aufbrechen und bald diese, bald jene Farbe daraus erstrahlen lassen.“

Musikalisch gestaltet wurde die Messfeier vom Rochus-Quintett (Hermann Schick / Leitung; Manfred Miller; Simon Ringer; Hansjörg Schick; am Akkordeon: Vitus Ehrmann). Zu hören waren Lieder wie „Herr, Deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ und das wunderschöne, aus Schweden stammende Lied „Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte“ mit dem eingängigen Refrain „Dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu“.

Zur Kommunion spielte Peter Fernholz Meditatives auf der Klarinette.

Die Fürbitten sprach Neumitglied Elmar Würzer. In einer der Fürbitten hieß es: „Guter Gott, wir bitten Dich um die Fähigkeit zu beten. Damit Dein kleines Haus an der großen Straße stets ein Ort der Zwiesprache mit Dir ist.“

Wie es bei der Rochus-Messe des Fördervereins „Freunde der Brugger Kapelle“ e. V. guter Brauch ist, wurde das Große Glaubensbekenntnis gebetet, wozu sich alle erhoben.

Am Schluss der Heiligen Messe dankte Vereinsvorstand Gerhard Reischmann allen Mitwirkenden, auch jenen, die bei der anschließenden Hockete auf dem Dorfplatz und beim Konzert am Folgetag Hand anlegten.

Der Lichtbildvortrag
Anschließend ging Gerhard Reischmann in einem Lichtbildvortrag (technische Unterstützung: Alfred Rudhart) auf die Geschichte der Kapelle und des Weilers Brugg ein. Eines der gut 100 Lichtbilder zeigte die Ersterwähnung Bruggs in einem Kopialbuch des Klosters Baindt aus dem 17. Jahrhundert. Darin wird die Schenkung eines Hofes in Brugg im Jahre 1274 an das Zisterzienserinnenkloster Baindt dokumentiert. Zu verdanken ist die Aufnahme dem Zeiler Archivar Rudolf Beck. Weiter zeigte Reischmann Ausschnitte aus der Wolfegger Landschaftskarte von 1669 und aus der Brugger Vereinödungskarte von 1789. Im Vergleich der beiden Karten wird deutlich, dass die heutige Kapelle in den 120 Jahren zwischen 1669 und 1789 erbaut worden sein muss. Eine dendrochronologische Untersuchung aus dem Jahre 2021 hat diese Evidenz bestätigt: Das Dachstuhl-Holz für die heutige Kapelle wurde im Winter 1693 / 1694 geschlagen.

1722
Auch auf die Zahl „1722“ ging Gerhard Reischmann ein. Schon Hermann Haiss hatte in seiner Arnach-Chronik von 1931 erwähnt, dass der Brugger Altar von Pfarrer Dr. Rom (gestorben 1752) gestiftet worden sei, ohne jedoch die Jahreszahl zu nennen (Seite 171 der Haiss’schen Chronik). Kapellenpfleger Franz Reischmann hat die Jahreszahl 1722 bei der Renovation im Jahre 1984 gesehen, als der Altar weggerückt worden war, und von dieser wichtigen Beobachtung in seinem 1985 niedergelegten zwei Seiten umfassenden Renovationsbericht berichtet.

Jenseits solcher historischer Darlegungen war es Reischmann ein Anliegen, das Leben in alter Zeit zu dokumentieren. So wurden Bilder von der Heu- und Getreideernte in den 1930er- und 1940er-Jahren gezeigt.

Es ist eine Broschüre in Vorbereitung, in der die meisten der gezeigten 103 Bilder enthalten sein werden.

Am 17. August, dem zweiten Tag des Brugg-Festes, wurde das Altar-Jubiläum mit einem Konzert der Soulsisters Judith und Ruth Angele beschlossen. Zum Auftakt ging Gerhard Reischmann auf das Brugger Altarbild ein und zog dabei einen Vergleich zum Arnacher Altarbild. Hier seine kurze Ansprache, gehalten in der Arnacher Kirche, im Wortlaut:

Kleiner Festvortrag
„Unsere Pfarrkirche und die Brugger Kapelle sind miteinander verbunden über den Arnacher Pfarrer Dr. Johann Wilhelm Rom. Er ist nicht nur der Stifter dieser schönen Barockkirche, die 1749 – drei Jahre vor seinem Tod – fertiggestellt wurde. Er ist auch der Stifter des Brugger Altares. Nachweislich hat er den Brugger Altar im Jahre 1722 bauen lassen – vielleicht von der Werkstatt des Johann Ruez in Wurzach, mit dem Pfarrer Dr. Rom beim Bau dieser Kirche zusammengearbeitet hat. Der Hochaltar hier (in Arnach) stammt von der Werkstatt Ruez und wird auf das Jahr 1749 datiert. Das beeindruckende Altarbild zeigt – wie auch das Altarblatt in Brugg – die Kreuzigung. Das Motiv hier ist aber viel dynamischer als das in Brugg.

Hier (in Arnach) sieht man den Moment nach dem Hinscheiden des Herrn. Die berühmten Worte ,Es ist vollbracht‘ und ,Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist‘ sind soeben verklungen. Maria Magdalena und der Jünger Johannes wenden sich voller Anteilnahme der Gottesmutter zu. Im Hintergrund sind zwei weitere Personen zu sehen, Nikodemus und Josef von Arimathäa, der heimliche Jünger Jesu. Die Person links zeigt auf das Kreuz und wendet sich dem Mann rechts zu. Er könnte das Wort, das dem römischen Hauptmann zugeschrieben wird, sagen: ,Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.‘

Das Bild hier ist eine bemerkenswerte Leistung des Memminger Malers Johann Friedrich Sichelbein. Er hat es laut Signatur im Jahre 1700 geschaffen – noch für die alte Arnacher Kirche.

Unser Brugger Bild kann sich damit nicht messen. Es ist aber für eine Weiler-Kapelle recht qualitätvoll. Ebenfalls zeigt es die Dreiergruppe Maria, Maria Magdalena und Johannes unter dem Kreuz. Vielleicht stammt das Brugger Altarblatt von Johann Gabriel Roth, einem Barockmaler, der anno 1722 im Auftrag von Pfarrer Rom die großen Apostelbilder geschaffen hat, die man hier (in Arnach) im Schiff und im Chor sieht. Es ist naheliegend, dass Dr. Rom für Arnach und Brugg in jenem Jahr 1722 ein und denselben Maler beauftragt hat.

Ob allerdings das Brugger Bild, wie es sich heute darstellt, noch das Original von 1722 ist, kann man nicht zweifelsfrei sagen. Es trägt die Signatur ,Maler Schley, Wurzach‘. Joseph Anton Schley war ein Kulissen- und Kunstmaler das 19. Jahrhunderts. Hermann Haiss, ein Lehrer, der in Arnach in den 1920er und frühen 1930er-Jahren gewirkt hat, schreibt, dass Schley das Brugger Altarblatt in den 1860er-Jahren ,renoviert‘ hat. Es könnte aber auch sein, dass Schley das alte Bild komplett übermalt oder das Altarblatt gänzlich neu geschaffen hat.“

Gerhard Reischmann stützte sich bei seinen Ausführungen auf Schahls „Kunstdenkmäler“ von 1943, auf Kaspers „Kunstwanderungen“ von 1966, auf Günther Bayers Buch „Die Malerfamilie Sichelbein“ (Lindenberg 2003) und auf das auf 1931 datierte, unveröffentlichte Typoskript von Hermann Haiss zur Geschichte Arnachs.

Seine Anmerkungen schloss er mit einer Einladung zum Besuch der Brugger Kapelle. „Wer den Altar anschauen oder in der Kapelle beten möchte, dem schließen die Eigentümer-Familien gerne auf. Der Kapelle am nächsten wohnen die Familien Ringer und Reischmann."

Das Konzert
Judith und Ruth Angele, die „Soulsisters“, brachten ein gutes Dutzend melodiöser Lieder zu Gehör, zweistimmig und zumeist begleitet von dem gefühlvollen Pianospiel Ruths. Die glockenklaren Stimmen der zwei Schwestern korrespondierten zum barocken Kirchenraum in idealer Weise. Vorgetragen wurden spirituelle Stücke wie „Zwischen Himmel und Erde“, „Lege deine Sorgen nieder“, „Es werden Wunder wahr“ und „Ich sing dir mein Lied“ sowie Interpretationen großer Pop-Balladen wie Lennons „Imagine“, „I will follow him“ aus „Sister act“ und „Somewhere over the rainbow“.

Dargeboten wurde auch die Hymne „Herr, erbarm dich über unser Land“ von „Adonia“. Darin heißt es: „Unser Land braucht neuen Glauben, die Vision der neuen Welt. Ohne Gott fehlt uns die Hoffnung, die im Leben wirklich zählt. Unser Land braucht das Vertrauen, dass es Gott tatsächlich gibt.“

Besonders zu Herzen gehend waren die Versionen der „Soulsisters“ von „Näher, mein Gott, zu dir“ und „Ich bete an die Macht der Liebe“. Berührender Schlusspunkt war das gemeinsam mit dem Publikum gesungene „Segne du, Maria“.

Optisch umrahmt wurde der Gesang von einem Lichtspiel, das in der halbdunklen Kirche besondere Effekte ergab und das Altarblatt der Kirche immer wieder neu in Szene setzte.

Gerhard Reischmann dankte mit Blumen, das Publikum mit anhaltendem Applaus. Die Würde des Ortes achtend, wurde auf Zugaberufe verzichtet.

Die Jahreshauptversammlung
Eingebunden in das zweitägige Jubiläum war die Jahreshauptversammlung des Fördervereins „Freunde der Brugger Kapelle“ e. V. Turnusgemäß hatte die Wahl des Beisitzers auf der Tagesordnung gestanden. Amtsinhaberin Hannah Sauterleute stellte sich wieder zur Verfügung und wurde einstimmig gewählt (bei eigener Enthaltung). Beschlossen wurde auch der alljährliche Förderbetrag zugunsten der Kapelle: 658,80 € wurden für das Baukonto zur Verfügung gestellt. Im Rahmen der Jahreshauptversammlung wurde Agnes Ringer, die die Kapelle putzt und schmückt, und Vorbeterin Margit Reischmann gedankt.

Der 2018 gegründete Verein zählt derzeit 67 Mitglieder. Vorstand ist Gerhard Reischmann (Brugg), 2. Vorstand ist Wolfgang Ringer (Arnach). Wer sich mit Brugg und seiner Kapelle verbunden fühlt, ist zur Mitgliedschaft eingeladen.

Hier eine Auswahl der im Rahmen des Brugg-Jubiläums gezeigten Lichtbilder:

23 01 1274

Die früheste Nennung von Brugg erfolgt in einer Schenkungsurkunde vom 11. März 1274. Die Originalurkunde ist nicht mehr vorhanden; der damals beurkundete Vorgang wird über ein Kopialbuch des Klosters Baindt aus dem 17. Jahrhundert dokumentiert. Der Zeiler Archivar Rudolf Beck hat für uns die entsprechende Seite in dem Kopialbuch, das sich im Wolfegger Archiv befindet, fotografiert (p. 76, Archivsignatur: WoWo 16404). Auf Seite 76 des Kopialbuches wird Brugg dreimal genannt: Im deutschen Urkundentext in der 5. Zeile von oben „zu Prugen“, im lateinischen Text 7. Zeile von oben ebenfalls „in Prugen“ und – von anderer Hand – im deutschen Randvermerk links außen „zu Pruckhen“. Die Bemerkung am linken Rand lautet: „Dem Kloster Baindt werden 2 Höff, der ain zu Arnach, der ander zu Pruckhen gelegen, geschenckt.“
Unterstreichungen durch den Autor dieser Bildunterschrift.
               Text: Gerhard Reischmann (rei) / Foto (Ausschnitt): Rudolf Beck

23 02 1669

1669: Ausschnitt aus der Wolfegger Landschaftskarte: Die Brugger Kapelle liegt östlich (rechts) der Landstraße Wurzach – Leutkirch. Es handelt sich hierbei um den Vorgängerbau der heutigen Kapelle. Das Türmchen sitzt auf der Ostseite, der Eingang liegt auf der Westseite.
                                 rei / RR-Archivbild (Michael Barczyk, ca. 2010)

23 03 Vereinödung

1789: Brugger Vereinödungskarte (Ausschnitt): Man sieht vier der sechs Brugger Höfe. Die zwei im Zuge der Vereinödung hinausgebauten Höfe St. Meinrad (Trollis) und St. Anton (Schneider) sind auf diesem Kartenausschnitt nicht mehr dargestellt. Erkennbar ist der Zachäus-Hof, der Josephs-Hof, rechts daneben der Andreas-Hof und darüber der Matthäus-Hof (dieseits des Baches / die Bachbrücke ist links neben der – eingefriedeten – Unteren Baind = Grasgarten mit vier Querstrichen bezeichnet). Auf der Unteren Baind(t) ist eine Hütte, nicht die spätere Schmiede, eingezeichnet. Gut zu sehen sind die Bauerngärten mit ihrem Wegkreuz. Die Kapelle befindet sich im Zwickel der Wegegabelung Leutkirch / Arnach, also links (westlich) der alten Landstraße. Das Original der Vereinödungskarte befindet sich im Besitz der Familie Ringer.
             rei / Foto: Gerhard Reischmann

23 04 Altarblatt Brugg

Das Brugger Altarblatt zeigt die Kreuzigung. Signiert ist das Gemälde mit „Maler Schley Wurzach“. Während das Gemälde im 19. Jahrhundert entweder grundlegend restauriert oder sogar neu geschaffen wurde, stammt der Altar baulich von 1722.                       rei / Foto: rei

23 05 Hochalter beschnitten

Das Altarblatt des Arnacher Hochaltars stammt von 1700 (der Altar selbst von 1749).              rei / Foto: rei

23 06 Rosengarten 1903 oder 04

Die Brugger Wirtschaft 1903 oder 1904: Sicher anzunehmen ist, dass die Frau rechts mit den zwei Kindern die Wirtin ist. Wirt Thomas Brack steht bei den Männern (vermutlich der Mann rechts). Das stattliche Hauptgebäude war 1901 errichtet oder tiefgreifend umgebaut worden; der links angehängte Gaststall war offensichtlich von Anfang an dabei. Man beachte das imposante Gartenhaus. Das Pferd im Hintergrund frisst aus einem beweglichen, aufstellbaren Trog, den es damals so wohl bei allen Landgaststätten gab; beim Pferdepaar links ist der hölzerne Trog aufgehängt; einen solchen Futtertrog nebst Futtersack führte man mit, wenn man länger auswärts war (der Trog wurde in der Regel an der Deichsel aufgehängt). Links Räths Walmdachhaus (die Verlängerung nach rechts erfolgte einige Jahre später, 1911). Offenbar hat man für dieses Foto die Nachbarn zusammengeholt. Der Mann mit dem Getreidewagen könnte Zachäus-Bauer Josef Kling (1854 – 1920) sein, der einen stattlichen Kornspeicher sein eigen nannte. Rechts neben ihm wohl Andreas-Bauer Anton Kling (1842 – 1920). Der jüngere Mann links mit der „Mähne“ (Pferdepaar) dürfte Josef Anton Grösser sein (1867 – 1909). Damit wären – zusammen mit dem Wirt – die vier Brugger Kapellenbesitzer beieinander (der Brugger Schmied gehörte nicht dazu, weil die Kapelle älter ist als seine Hofstelle).
     rei / Foto: bei Ringer

23 07 1945 Rosina mit Molle Kopie

Rosina Brack mit „Wirts Molle“ (um 1945). Auf dem Ochsen die Wirtskinder Josef und Luise. Josef starb 1947 im Alter von neun Jahren an Leukämie. Luise heiratete anfangs der 1960er den Arnacher Schmiedemeister Richard Gregg; ihre Tante Rosina („Wirts Rose“) heiratete nach dem Krieg auf die Gensen-Mühle, die damals noch in Betrieb war.
     rei / Foto: bei Ringer

23 08 1960 Kiesgrube Kopie

„Wirts Luis“ versorgt Arbeiter in der Brugger Kiesgrube mit Essen und Getränken. Um 1960.           rei / Foto: bei Ringer

23 09 Olga Paula

Sommer 1942. Am Türflügel ist Alt-Wirtin Aloysia Brack zu sehen, neben ihr Paula Räth (Frau von Xaver Räth, dem alten Schmied von Brugg; von Paula wird erzählt, dass sie vor ihrer Heirat nach Brugg Köchin bei Göring gewesen sei; Xaver Räth starb Ende 1942, Paula war seine zweite Frau). Rechts Rosina Brack („Wirts Rose“). Im Vordergrund des Fotos steht Maria Ringer, allgemein „Wirts Marie“ geheißen (im Kinderwagen Simon Ringer, der spätere Wirt). Der Bub an der Tür-Leibung ist „d’r erst’ Josef“, der Bruder von Simon und Josef Ringer (geb. 1948) und Luise Gregg, der 1947 gestorben ist. Aus dem Fenster schaut Olga, die ukrainische Fremdarbeiterin.
     rei / Foto bei Ringer

23 10 Andre 1

Es hat zwölfe geläutet. Zachäus-Bauer Josef Kling und seine Helfer kommen vom Feld (1941 oder 1942). Neben André (vorne links), dem französischen Kriegsgefangenen, geht Bernd Wildmoser, ein zum Erntedienst abgeordneter deutscher Soldat. Rechts hinten Hedwig, eine der vier Kling-Töchter. Im Hintergrund Räths Schmiede. Bernd Wildmoser musste nach jenem Sommer wieder in den Krieg, aus dem er nicht mehr zurückkam.
    rei / Foto: bei Reischmann

23 11 1945 Garbenladen vor 1945 Kopie

Garbenladen („Augschta“) in Brugg in den frühen 1940ern. Oben auf dem Wagen Zachäus-Bäuerin Kreszentia Kling (1899 – 1984). Das Pferd hält ihre Schwester Theresia Hagenbuch, eine Lehrerin, die in ihren Ferien auf dem Hof mithalf. Der Mann, der eine Garbe beibringt, ist André, der französische Kriegsgefangene auf dem Zachäus-Hof. Im Hintergrund ist Brugg zu sehen; das helle Haus rechts ist das Stüble des Andreas-Hofes.
   rei / Foto: bei Reischmann

23 12 Medaillon

Jähes Ende einer Liebe – er fiel im Ersten Weltkrieg. Aufklappbares Medaillon mit zwei Porträts, das wohl an einer Halskette getragen wurde. Die Fotos zeigen Josef Kling (geb. 1884) oder Bernhard Kling (geb. 1888) und eine unbekannte junge Frau, sicherlich die Freundin eines der beiden Kling-Brüder. Anzunehmen ist, dass das Klappmedaillon angefertigt wurde, als Josef oder Bernhard in den Ersten Weltkrieg ziehen musste (der Abgebildete trägt Uniform). Vermutlich hat der Abgebildete es dem Mädchen geschenkt, denn das Medaillon hat auf dem Deckel einen kleinen Rubin eingearbeitet. Josef, der Erbe des Brugger Andreas-Hofes, fiel am 2. September 1916 bei Baisemont in Nordfrankreich; Bernhard starb den Soldatentod ebenfalls im Westen, am 3. Mai 1917 bei Arras. Man kann vermuten, dass die Abgebildete das Medaillon an die Familie Kling zurückgegeben hat, nachdem sie vom Sterben ihres Verlobten erfahren hat. Das wäre eine Erklärung dafür, dass das Medaillon in der Familie Kling in Brugg (Andreas-Hof) seit mehr als 100 Jahren aufbewahrt wird. Es könnte auch so gewesen sein, dass der abgebildete Soldat das Medaillon bei sich getragen hat und es nach seinem Tod von seiner Einheit an die Familie geschickt worden ist. – Silber, Deckel außen mit Ziergravur und kleinem Rubin; Durchmesser: 30 mm.
   Text / Foto: rei

23 13 Erntedank Kinder 1935

Kinderfreuden und eine Tragödie: Im Oktober 1935 feierten die Brugger Mädchen einen Kinder-Erntedank. Im Hintergrund sind der Kornspeicher des Zachäus-Hofes und dahinter der Brettergiebel der Wirtschaft zu sehen. Den Kranz hat „Wirts Rose“ gebunden. Im Bild von rechts (mit Puppe) Resle Kling (Reischmann), Klara Kling (Poller), Rita Hagenbuch (Sauter), Hedwig Kling (Hierlemann); ganz links Lydia Steinhauser.
Lydias Mutter – sie stammte von Brugg („Schmieds Rese“) – erkrankte in jener Zeit psychisch und wurde 1939 in die Heil- und Pflegeanstalt Liebenau eingeliefert. Am 13. August 1940 wurde sie zusammen mit 71 weiteren Frauen und drei Kindern mit einem der Grauen Bussen abgeholt und über die Zwischenstation Zwiefalten – der Zwischenhalt diente der Täuschung – in die Tötungsanstalt Grafeneck (Schwäbische Alb) gebracht. Am 30. August 1940 wurde sie in Grafeneck ermordet.
Vergast.
Theresia Steinhauser, geborene Räth, wurde 36 Jahre alt.
   rei / Foto: bei Reischmann / Grafeneck-Daten entnommen: Josef Friedel, Gegen das Vergessen, Meckenbeuren 2014

23 14 Anton Seemoos

Das Schicksal von Anton Kling: Anton Kling wurde 1903 auf dem Zachäus-Hof geboren. Mitte der 1930-Jahre heiratete er nach Friedrichshafen-Seemoos. Unser Bild zeigt Anton Kling mit Ehefrau Maria und Tochter zu Hause in Seemoos (1936). Maria Kling starb 1940. In zweiter Ehe war Anton mit Rosa verheiratet.
Als Angehöriger der Friedrichshafener Feuerwehr war er nach Bombenangriffen löschend und bergend im Einsatz. Lange blieb er so von einer Einberufung verschont. Zwei Monate vor Kriegsende – im März 1945 – wurde der dreifache Familienvater noch eingezogen.
Vermutlich an der Oder-Front geriet er in sowjetische Gefangenschaft und wurde nach Osten abtransportiert. Im Herbst 1945 starb Anton Kling 42-jährig in einem Lager bei Armawir in Südrussland. Seine Kinder waren damals sieben, neun und elf Jahre alt.
In der Familie seines Sohnes Hermann (geb. 1938; Friedrichshafen-Seemoos) werden drei handschriftliche Briefe von Kriegskameraden Antons aufbewahrt, in denen das Sterben das Familienvaters bezeugt wird. Ein Ernst Pluig aus Seedorf, wohl wegen Krankheit bereits 1946 nach Hause entlassen, schreibt unter dem Datum 18. 10. 1946: „Am 2. August 1945 kam ich in das Lazarett Guterrock (Schreibweise Pluig; korrekt: Chutor, Kyrillisch: Xytop, Anm. d. Verf.), 30 Kilometer von Armawir entfernt. Anton hatte eine Lähmung an Händen und Füßen, war aber sonst ganz munter. Nur essen konnte er nicht allein und gehen auch nicht. Deshalb habe ich ihm das Essen gegeben und ihn lange gepflegt. Er war sogar wieder so weit, daß er mit meiner Hilfe in den Hof laufen konnte, wo wir uns immer in die Sonne legten. Leider bekam er dann im Monat Oktober einen starken Durchfall und wurde dann jeden Tag schwächer, dazu noch appetitlos (...). Das Herz war auch nicht ganz in Takt und so ereilte ihn leider auch das Schicksal tausender Kameraden. Er sprach viel von seiner Heimat, die er leider nie mehr sehen darf.“
In einem zweiten Brief, datiert auf den 5. November 1946, schreibt Ernst Pluig an Antons Witwe Rosa Kling: „Ihr lieber Mann hatte (...) ein Gebetbüchlein, das jedenfalls ein Andenken von seiner Frau war. Oft und lange betete er darin und suchte Trost in seiner Krankheit. Anton ahnte nicht, daß er sterben müsse und redete auch selten davon, doch von seiner Frau und seinen Kindern und seiner Landwirtschaft redete er viel. Durch seine Schwäche hatte er einen leichten Tod, denn er ist selig eingeschlafen.“
Ein Georg Hahn aus Gollhofen (Franken), der einige Jahre später heimkam, bestätigte den Bericht von Ernst Pluig. Er schreibt unter dem Datum vom 7. 5. 1950 an Antons Witwe: „Da ich vor einigen Tagen aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt bin, fühlte ich mich verpflichtet, Euch Auskunft zu geben über Euren ehemaligen Gatten.“ Sie seien im Lazarett Kuterrock (Schreibweise Hahn, Anm. d. Verf.) nebeneinander gelegen. Anton habe ihm Fotos von Frau und Kindern gezeigt. Anton sei „ohne jeglichen Schmerz“ „in meinen Armen“ eingeschlafen. Aus der Erinnerung datierte er den Tod auf den 15. September 1945.
   rei / Foto: bei Kling, Seemoos

23 15 Esche 21.6.2007 Kopie 2

21. Juni 2007: In Brugg tobte für zehn Minuten ein Orkan. Die Esche neben der Kapelle stürzte auf das Kapellendach und riss den Glockenturm herunter.
  rei  /  RR-Archivbild (Feuerwehr Bad Wurzach)

23 16 Dachreiter Kopie

Zwei Dachreiter. Josef Kling vom Andreas-Hof beim Streichen des 2007 neu hinaufgemauerten Glockenturmes.     rei / Foto: rei

23 17 Hedl

Hedl hoch zu Ross: In Ergänzung des am 16. August gehaltenen Lichtbildvortrages sei noch an zwei Begebenheiten erinnert, die Hedwig Hierlemann (geb. Kling; 1928 – 1994; stammte vom Brugger Zachäus-Hof) in den letzten Kriegstagen erlebt hatte. Hedwig Hierlemann (Bild) hat ein 160 Seiten starkes Manuskript mit Erinnerungen an Brugg hinterlassen. Sie schreibt: „Es war etwa am Anfang der Woche des Einmarsches (am Samstag, 28. April, erreichten die französischen Panzer Brugg und fuhren auf der Landstraße – zwischen der Brugger Kapelle und dem Zachäus-Hof – nach Leutkirch; ein Teil der Panzergruppe fuhr auf der alten Straße – die Abzweigung war vor dem Kapellengiebel – Richtung Arnach / Anm. GR). Auf der Straße war nicht nur nachts, sondern auch tagsüber sehr viel (deutsches) Militär auf dem Rückzug nach Süden. Ganze Auto- und Lastwagenkolonnen und auch Pferdefuhrwerke zogen am Haus vorbei. Auf den Fahrzeugen saß immer ein Mann auf dem Kotflügel, um nach Tieffliegern Ausschau zu halten.
Von Nachbarn wurde erzählt, dass es am Wurzacher Bahnhof Konserven und Schokolade aus Heeresbeständen geben solle. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen und so fuhren ich (17 Jahre alt) und Wirts Rosa (Rosina Abele, Bauernhansers) mit dem Fahrrad Richtung Bahnhof. Es waren sehr viele Leute dort, die alle etwas holen wollten. Nun kamen überraschend Tiefflieger und schossen auf die Menge, und alles rannte und suchte Schutz. Ich drängte mich gegen die Wand eines Güterschuppens. Als der Spuk vorbei war, fuhren wir so schnell wir konnten Richtung Brugg, allerdings ohne Beute. Es war ganz schlimm, was da auf der Straße los war. Die Tiefflieger hatten die Straße Wurzach-Leutkirch angegriffen. Immer wieder musste man an brennenden Autos vorbei. Zwischen Niedermühle und Truschwende war ein Bus die Böschung hinuntergestürzt. Nach Truschwende und im Gensen waren brennende Fahrzeuge, die immer wieder explodierten, so dass wir den Weg über Geboldingen nehmen mussen. Ich war dann heilfroh, als ich daheim war und die Familie ebenso. Sie hatten diesen Angriff auch erlebt.
So sah es auf der Straße bis Leutkirch aus. Noch Wochen später lagen die ausgeglühten Autowracks am Straßenrand. Oder dass irgendwo im Wald ein liegengebliebener deutscher Panzer stand. Auch bei uns hinterm Haus stand ein Pkw des Militärs von diesem Ereignis. Er kam mit seinen durchschossenen Reifen und Scheiben gerade noch hinter den Hof. Dort stand er dann Monate später noch und wurde von uns ausgeschlachtet. Ebenso wurde an jenem Tag in Brugg ein Pferd eines durchfahrenden Wagens erschossen und musste dann weggeschafft werden.“
Hedwig Hierlemann berichtet über ein weiteres Ereignis ähnlicher Dramatik, wenige Tage vor dem Einrücken der Franzosen: „Ich wurde nach Arnach geschickt mit dem Rad, um Butter zu holen bei Konrad Schmid (Käserei). Ungefähr unterhalb der Schlossboschen kam ein Tiefflieger und schoss auf mich. Ich warf mein Rad weg und rannte über die Wiese zu Bauernhansers Hof. Es wäre wohl besser gewesen, mich in den Straßengraben zu legen. Das Flugzeug drehte dann ab und ich war erleichtert.“
Das Bild entstand 1949. Der Krieg liegt nun schon vier Jahre zurück, Hedwig schaut voller Optimismus in die Zukunft. Die Aufnahme stammt von den Filmleuten aus Rottenburg, die in jenem Jahr mit Arnacher Laiendarstellern den Film „Der Reiter vom Heiligen Blut“ gedreht hatten.
   rei / Foto: bei Reischmann

23 18 Wichtige Daten zu Brugg Kopie

23 19 Eintrittskarten

Die Seele wärmend: Das zweitägige Brugg-Fest wurde abgeschlossen mit einem Konzert in der Pfarrkirche Arnach, das die „Soulsisters“ (Judith und Ruth Angele) gaben. Die harmonischen, oft geistlichen Lieder fanden großen Anklang beim Publikum. Der Förderverein „Freunde der Brugger Kapelle“ e. V. hatte für dieses Konzert eigene Eintrittskarten gestaltet, von denen 47 Stück verkauft werden konnten. Auch wenn der Besuch beim Konzert enttäuschend war, sind die Brugger Kapellenfreunde mit diesem musikalischen Abschluss ihrer zweitägigen Feierlichkeiten zu Ehren ihres 300-jährigen Altares hochzufrieden. Es war so, wie in der Conférence gesagt: Die Lieder wärmten die Seele.
rei / Grafik: FöV

 

 

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halloRV

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