Bad Wurzach - Es war eine schwere Kost, die Grimme Preisträger Thomas Darchinger, den Schülern der Klassenstufen 9-11 des Salvatorkollegs und einigen hochrangigen Gästen u.a. MdL Raimund Haser und MdB Josef Rief, mit dem Live-Hörspiel „Das andere Leben“ über die autobiografischen Erfahrungen des KZ Überlebenden Solly Ganor da am Montagmorgen präsentierte. Wobei er deren Inhalte aber derart überzeugend präsentierte, so dass in der Turnhalle jedes Nebengeräusch überdeutlich hörbar wurde.
Ein Tisch ein Stuhl, ein Scheinwerfer und ein wenig Audio- Technik, mehr brauchte Thomas Darchinger nicht um die Zuhörer zu fesseln. Doch ehe er sich an seinen „Arbeitsplatz“ setzte, schlenderte er durch die Reihen und erläuterte den Schüler:innnen, wie unsere Demokratie täglich Angriffen ausgesetzt ist und mit welchen Tricks Populisten Probleme erfinden, für die sie schon die Antworten parat haben. Die sich als Heilsbringer aufführen, und wenn sie die Macht haben, dem demokratisch begangenen Fehler keine Chance zu Korrektur geben.
Genau so wie es in Deutschland vor 90 Jahren schon einmal geschehen ist: Als die Nationalsozialisten die Macht erhielten, schafften sie jedes Korrektiv wie andere Parteien und Freie Wahlen ab. Deswegen appellierte Darchinger noch vor dem eigentlichen Hörspiel an die Schüler, die Anzeichen der Demokratie-Erosion wahrzunehmen und gegenzusteuern.
Auf seine Frage, ob in der Halle jemand ohne Zukunftsängste sitzt, herrschte Schweigen. Denn genau damit spielten die polemischen Heilsbringer und Problemlöser, die von sich sage: „Ich bin einer von Euch. Die Politiker lügen Euch alle an. Aber jetzt bin ich da und bringe die Wahrheit ans Licht.“ Er bringt Antworten, lässt dabei die Fragen weg und schafft – wie jener Herr mit dem blonden Toupet – „alternative Fakten“„Denn diejenigen, die von sich behaupten, die Wahrheit gepachtet zu haben, lügen Euch am dreistesten an!“ Ihr wichtigstes Kapital: Das Schüren von Feindbildern.
Über die Landeszentrale für politische Bildung konnte Alexander Notz, Leiter der Mittelstufe in der Schulleitung, dieses vielfach ausgezeichnete Event ans Salvatorkolleg holen, in dem der junge Protagonist das Grauen des Holocaust aus seiner jugendlichen Sicht erzählt.
Solly Ganor "Das andere Leben":
Solly ist 13 Jahre alt, als die deutschen Truppen im Sommer 1941 in seine Heimatstadt Kaunas (Litauen) einfallen. Von einem Tag auf den anderen ist die Kindheit des jüdischen Jungen zu Ende. Er wird mit seiner Familie ins Ghetto getrieben und muss zusehen, wie Freunde und Verwandte ermordet werden.
Die Erzählung Darchingers aus den Tagebüchern setzt ein, als die Überlebenden des Ghettos in die Lager in Viehwaggons deportiert werden und schliesslich im Außenlager 10 des KZ Dachau in Utting am Ammersee in einer Bilderbuchlandschaft landen.
Bereits am ersten „Arbeitstag“ – internes Motto der Nazis „Vernichtung durch Arbeit“ – gelingt Solly die Flucht, aber aus sozialem Verantwortungsbewußtsein für seinen Vater und seine Freunde – denen als Strafe für seine Flucht der Tod sicher gewesen wäre, kehrt er mit den anderen wieder ins Lager zurück.
Selbst die Schweine der Bauern in der Umgebung wurden damals besser ernährt wie die KZ-Insassen und vor allem anderen die Juden (Feindbild Nummer 1 der Nazis). Wobei Sollly als Angehöriger einer Küchentruppe noch besser ernährt wurde als etwa sein Vater der schwere Zementsäcke schleppen musste.
Eindringlich erzählt Darchinger die verschiedenen Geschichten des Grauens, etwa als ein Häftling, abgemagert wie ein wandelndes Skelett und ein Verwandter seines besten Freundes auf der Baustelle einer riesigen Fabrik einen SS-Mann mit in den Tod reißt. Der Rettungsversuch des Freundes scheitert und er findet selbst den Tod.
Kalte Schauer über den Rücken laufen konnten einem aber auch, mit welcher Gleichgültigkeit der Lagerkommandant diesen Toten gegenüber auftritt, nur darauf bedacht selbst seine weiße Weste zu behalten.
Als Solly später dann auf einem offenen Karren die Leichen zum Massengrab zieht und sich Einwohner wegen des entsetzlichen Gestanks beschweren, bekam der Karren einen Deckel. „Das Entsetzliche wurde nicht abgeschafft, sondern unsichtbar gemacht!“
Am Ende seines Vortrages wandte sich Darchinger noch einmal an die Schüler: „Demokratie ist ein Geschenk und immer in Gefahr. Deswegen: Macht die Politik besser, in dem ihr mitgestaltet! Informiert Euch aus verschiedenen Quellen, nutzt die Vielfalt. Habt den Mut eure Meinung zu ändern wenn ein Argument eines anderen überzeugender ist. Und vor allem: Habt die Neugierde, hört anderen zu.
Sagt den Politiker, die sagen: ,Wir schaffen die Rahmenbedingungen´ was ihr wirklich wollt.“
Bericht und Bilder Uli Gresser







