Bad Wurzach - Wenn eine Blindschleiche mit ihrem langgestreckten, beinlosen Körper träge die Wege im Ried kreuzt, hält man sie häufig für eine Schlange. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn sie ist nicht einmal näher mit den Schlangen verwandt, sondern eine Echsenart aus der Familie der Schleichen. Sozusagen eine Echse ohne Beine.
Wer der Blindschleiche tief in die Augen schaut, kann hierbei gleich eines der Unterscheidungsmerkmale zu den Schlangen erkennen: die beweglichen, verschließbaren Augenlider, die für alle Schleichen typisch sind.
Zum Züngeln müssen Blindschleichen das Maul leicht öffnen, denn anders als Schlangen besitzen sie in der Oberlippe keine Lücke. Ein weiterer Unterschied wird bisweilen erkennbar, wenn eine Blindschleiche von einem Fressfeind attackiert wird: Ähnlich wie bei Eidechsen kann der Schwanz beim Ergreifen an mehreren Solbruchstellen abbrechen und lässt die Blindschleiche dem Angreifer, der von dem heftig zappelnden Ende abgelenkt wird, häufig entkommen.
Als kleiner Stumpf wächst der Schwanz wieder nach. Da sich unter dem Schuppenkleid des Körpers kleine, starre Knochenplättchen befinden, bewegen sich Blindschleichen auch viel steifer fort als Schlangen. Hartwurm wurden sie daher früher auch genannt. Anders als der heutige Name vermuten lässt, sind Blindschleichen keineswegs blind. Vielmehr leitet sich der Name vermutlich von dem althochdeutschen Wort „plint“ für blendend ab und bezieht sich auf den bleiernen Glanz des Körpers. Die Tiere erreichen meist eine Körperlänge von 15 bis 25 cm, selten auch über 40 cm.
Nach der Winterstarre in frostsicheren Erdlöchern, wo auch Gruppen von bis zu 30 Tieren auf den Frühling warten, erfolgt im April oder Mai die Paarung. In ritualisierten Kämpfen ringen die Männchen um die Weibchen, versuchen den Gegner zu Boden zu drücken und ihn fest zu umschlingen.
Hat das Männchen ein Weibchen erobert, verbeißt es sich in dessen Nacken und paart sich mit ihm. Nach einer Tragzeit von 14 Wochen bringt das Weibchen etwa zehn vollständig entwickelte Jungtiere in einer transparenten Membran zur Welt, die sogleich nach der Geburt durchstoßen wird.
Die Blindschleiche ist daher anders als die meisten Reptilienarten lebendgebärend. Als Lebensraum bevorzugt die Art Gebiete mit erhöhter Bodenfeuchtigkeit und einem vielfältigen Mosaik an Sonnen- und Versteckplätzen, wie sie in Moor- oder Heidelandschaften zu finden sind. Auch Gärten und Parks werden bewohnt.
Die Tiere sind überwiegend in der Dämmerung und bei feuchtem Wetter aktiv. Dabei halten sie sich gerne auf warmen Flächen auf, um ihren Körper auf Betriebstemperatur zu bringen. Denn wie alle wechselwarmen Tiere kann auch die Blindschleiche ihre Körpertemperatur nicht aktiv regulieren.
Das Nahrungsspektrum besteht aus Regenwürmern, Insekten, Asseln, Spinnen und Nacktschnecken, so dass Blindschleichen durchaus nützliche Gartenhelfer sind.
Fürchten muss man sich übrigens nicht, denn die Blindschleiche ist nicht giftig und beißt auch nicht richtig zu. Vielmehr setzt sie auf Tarnung und ein Leben im Verborgenen.
Bei einem Riedspaziergang in der Abenddämmerung und in den frühen Morgenstunden bestehen die besten Chancen, einen Blick auf das glänzende „Kupferschlängli“ zu erhaschen, wie die Blindschleiche im Schweizer Volksmund genannt wird.
Bericht Valeska Ulmer

