Bad Waldsee - Am Samstagabend gastierte die Tanzkompagnie des Ulmer Theaters auf Einladung des Spektrum K in der Bad Waldseer Stadthalle. Choreograf Rainer Feistel und seine Solisten gaben einen Einblick in die Entwicklung des Balletts.
Das summte und brummte wie in einem Bienenhaus. So viele junge ZuschauerInnen hatte die ehrwürdige Halle bei einer Abendveranstaltung selten zu Gast. Wer Glück hatte und rechtzeitig anstand, konnte einen der raren Plätze direkt am Parkett ergattern. Hier war die Chance, mit seinen Vorbildern hautnah in Kontakt zu kommen am größten.
Ein Mädchen, das mit seiner Mutter gekommen war, fieberte dem Auftritt der Tänzer entgegen. „Gehst du auch in eine Ballettschule?“ „Ja, zu Frau Weidacher. “ „Wie alt bist du denn und machst du schon lange Ballett?“ „Ich bin 11 Jahre alt und gehe seit fünf, nein seit sechs Jahren zum Ballett. Und ich hatte auch schon einen Auftritt in Leutkirch“.
Der Saal verdunkelte sich, die Tanzfläche erstrahlte unter den gleißenden Scheinwerfern. Zur Musik von Tschaikowskis Nussknacker kamen die TänzerInnen aufs Parkett. Gebannt folgten die Augen des kleinen Mädchens jeder Bewegung.
Rainer Feistel entpuppte sich nicht nur als Choreograf, sondern auch als fesselnder Erzähler. Das Publikum erfuhr viel von der Entwicklung des Balletts als reines Anhängsel der Oper bis zur eigenständigen Kunstform. „Im Ballett mussten sich die Männer emanzipieren. Sie waren nur die Stützen und Träger der Damen. Erst nach und nach kamen sie als eigenständige Tanzfiguren auf die Bühne.“
Er räumte auch auf mit dem Vorurteil der halb verhungerten Mädels, die tanzen könnten. Das junge Publikum auf seine Seite zog er ganz und gar, als er eine der Ballettschülerinnen zu sich auf s Parkett holte und mit ihr den „Baukasten“ aus dem sich nach seinen Worten das Ballett zusammensetzt, durchexerzierte.
„Position“ die Beine und Füße sind nach außen gedreht. „Deuxieme“ Jetzt werden die Füße etwa hüftbreit auseinander gestellt. „Troisième“ Beine und Füße geschlossen, der vordere Fuß berührt mit seiner Ferse die Mitte des hinteren Fußes. „Quatrième“ die Füße stehen wie in der Dritten, allerdings mit etwas Abstand voreinander, d.h. die Ferse des vorderen Fußes berührt den hinteren nicht mehr. „Cinquième“ beide Füße sind voreinander überkreuzt und sehr weit ausgedreht. Und dann noch mit dem Armen schön nach oben. Mit viel Applaus wird die kleine Tänzerin wieder auf ihren Platz entlassen.“So beginnen jeden Tag die Proben der Kompagnie“
„Wir tanzen nicht mehr auf Spitze“ erklärt Rainer Feistel. „Da stehen die Füße der Tänzerin in etwa auf der Fläche einer Streichholzschachtel. Und das ist sehr schmerzhaft“ Dann holt er die Trainingsleiterin Elena Lucas aufs Parkett, die noch den Spitzentanz erlernte. Rasch schnürt sie die speziellen Schuhe. Ein paar Dehnübungen und schon tänzelt sie grazil auf den Spitzen ihrer Füße übers Parkett und lässt sich von Rainer Feistel einmal um sich selbst drehen.
Mit verschiedenen Ausschnitten aus dem Nußknacker kann die Kompagnie ihr Können und die Entwicklung des Balletts, in das auch neue Formen von außerhalb des Theaters, wie Hiophop und Streedance, Einzug gefunden haben, aufzeigen.
Daneben erfuhren die Zuschauer auch vom Leben und Arbeiten der Tänzerinnen. Der Arbeitstag beginnt um 10.00 Uhr. „Meistens hatten die TänzerInnen abends einen Auftritt, und dann kommen sie nicht vor 24.00 Uhr ins Bett“ erklärt Rainer Feistel den späten Arbeitsbeginn. Dann wird unter Leitung von Elena erst mal eine Stunde und zwanzig Minuten trainiert. Anschließend sind diverse Proben angesetzt. Gegen 14.00 Uhr gibt es für diejenigen, die abends keine Aufführung haben, eine Stunde Pause und dann weitere drei Stunden Probe. Die anderen haben bis zum Beginn der Aufführung eine große Pause. Im Schnitt arbeiten die TänzerInnen sieben Stunden am Tag.
Dass die Tänzer durchaus auch begabte Choreografen sein können, bewiesen sie im letzten Stück. Zur Erzählung: „Warum liebst du mich?“ haben zwei Tänzer eine einfallsreiche Choreografie um eine Bank einstudiert. Mit vielen Argumenten, und daraus resultierenden Tanzfiguren, erklärt der Junge, warum er seine Angebetete liebt. Nach vielen Missverständnissen ist es klar, er liebt sie. Und als er ihr die gleiche Frage stellt, kommt der Bus und sie entschwindet.
Ein kurzes, vergnügliches Stückchen, das sicher nicht nur den Kindern gut gefiel und auch jede Menge Applaus bekam.
Nach einer Zugabe durften die Kinder noch Fragen an das Ensemble stellen, was sie weidlich nutzten.
Erwin Linder


















