Bad Waldsee - Die 90jährige Dr. med. Ursula Reincke aus Wolfegg war am 21.07.21 im Gymnasium Bad Waldsee bei einer 12. Klasse zu Besuch, um über ihr Leben und ihre Erfahrung während des Nationalsozialismus zu berichten. In einer von den Schülern und Schülerinnen initiierten Fragerunde kam die Problematik auf, dass die junge Generation heutzutage immer noch nicht genau weiß, wie sie mit den Schuldgefühlen der eigenen Nation umgehen soll.
Ursula Reincke, seit 37 Jahren in Wolfegg, aber aufgewachsen in Rostock, kam durch eine zufällige Begegnung mit der Schülerin Fatima Taflan in Kontakt und wurde daraufhin als Zeitzeugin zum Geschichte-Kurs ins Gymnasium Bad Waldsee eingeladen. Den Besuch plante, organisierte und moderierte die Schülerin weitgehend in Eigenregie und demonstrierte damit, wie sehr das im Unterricht behandelte Thema der NS-Zeit uns Schüler und Schülerinnen im Neigungsfach Geschichte berührt.
Zunächst versetzte Frau Reincke sich in ihr 14jähriges Ich und damit in das Alter, in dem für sie der Krieg im Mai 1945 zu Ende war. Dann fing sie an, über ihre Kindheit und Jugend zu erzählen. Das tat sie lebhaft und detailliert, weshalb wir Schüler uns stets gut in die Situation hineinversetzen konnten.
Im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt, dass wir als heutige Jugendliche immer noch konfrontiert werden mit Schuldzuweisungen bezüglich der Gräueltaten des NS-Regimes, vor allem den Holocaust betreffend. An diesem Punkt kristallisierte sich heraus, dass diese junge Generation anscheinend noch immer nicht damit umzugehen weiß. Als sich ein „lähmendes Schweigen“ (Dr. Reincke) über die Gruppe legte, realisierte die Referentin, dass sich selbst 76 Jahre nach Kriegsende die heutige junge Generation davon betroffen fühlt und eine Stille und Bedrücktheit dabei aufkommt. Sie gab in dieses Schweigen hinein den Denkanstoß, die Welt könne offensichtlich noch immer nicht zwischen der Schuld einer Nation und der Schuld eines Individuums unterscheiden.
Der Austausch zwischen Zeitzeugin und Schülern regte beide Seiten zum Nachdenken an und zeigte, dass die NS-Zeit selbst in unsere Gegenwart noch hineinwirkt.
Sarah Neyer, Etienne Barbeau, Philipp Schmid und Fatima Taflan, Vanessa
Schmid, Dr. Reincke

