Bad Waldsee - Seit dem 08.März ist das Erwin-Hymer-Museum wieder für Besucher geöffnet und dmait auch die neue Sonderausstellung „Plastic Fantastic? – Wohnkarossen aus Faserverbund“, die eigentlich bereits seit dem letzten Herbst laufen sollte. Bei einem Experiment, der ersten digitalen Führung durch die Ausstellung, zeigten Museumsleiterin Susanne Hinzen, Sammlungsleiter Markus Böhm und Projektleiterin Isabell Heinzelmann ihre Kreativität.
Nach einer kurzen Begrüßung durch die Museumsleiterin führte Isabell Heinzelmann vor Ort mit großem Fach- und Hintergrundwissen durch ihr „Baby: „Plastic Fantastic?“ entführt Groß und Klein in die Welt der Kunststoff-Karosserien und fördert dabei interessante Geschichten zur Erfindung des Kunststoffes ans Tageslicht. Kaum jemand dürfte hierzulande bekannt sein, dass die Erfindung von Kunststoff einem 10.000$ Preisausschreiben im Jahre 1863 entsprang, als für die bis dato aus Elfenbein gefertigten Billiardkugeln ein Ersatzstoff gesucht wurde und mit Zelluloid und später Gallalid gefunden wurde. Diese Polymere hielten dann bald nach Arist Dethleffs erstem Wohnauto, das noch aus Holz gebaut wurde, im Wohnwagenbau Einzug. Denn natürliche Werkstoffe wie Holz altern schnell und müssen davor durch eine dicke Lackschicht oder Kunstleder geschützt werden.
Als letzter Schrei fand Plastik dann schon vor fast siebzig Jahren als „Glasfaserverstärkter Kunststoff“ Eingang in die Caravaning-Branche. Die Hersteller gossen begeistert nicht nur Dach oder Front, sondern teilweise auch ganze Karosserien aus Kunststoff. In den 60er Jahren war es Franz Mahli, der mit seinem Prototypen „Windspiel“ bahnbrechendes erfand, indem er den gesamten Wagen im Wortsinne „aus einem Teil“ goss. Dass dieser Kunststoff aber auch Nachteile hatte, musste Erwin Hymer bei seinen ersten Produkten rasch erkennen: Kunden beschwerten sich, weil das Material an der Karosserie sonnenlichtempfindlich reagierte und vergilbte. „Für die Dächer von Wohnwagen und Wohnmobilen vertraut Hymer allerdings bis heute auf GFK, weil er gegen Dellen unempfindlich ist,“ verriet Heinzelmann bei ihrem Rundgang. Heute ist GFK ein Material, das man bei genauem Hinsehen an fast jedem Camping-Fahrzeug finden kann.
Auf diesem gab es auch einen Abstecher in die DDR: Aus Mangel an Aluminium wurden die ersten Caravans – auch weil sie an einen Trabbi angehängt wurden und dementsprechend leicht sein mussten – dort aus GFK gefertigt. Wegen der langen Wartezeit gab es findige Tüftler, die komplette Bauanleitungen zum Selberbau anboten...
Neben den entsprechenden Fahrzeugen wird in der Ausstellung auch auf die verschiedenen Herstellungs- und Produktionsverfahren eingegangen: Von der Handlaminierung über das Faserspritzverfahren, das Vakuumexpansionsverfahren (auch als Aufschäumverfahren bekannt) bis hin zum RTM-Verfahren werden diese Herstellungsverfahren in Wort und Bild vorgestellt.
In den 70er Jahren trieb der Caravanismus besondere Blüten: Beim ersten Wohnmobil, vom Erfinder Ferdinand Schäfer aus Detmold „Orion“ getaufte Fahrzeug, sollte dessen Dach gleichzeitig auch als Boot dienen. Später sollte das gesamte Fahrzeug schwimmfähig sein. Dessen Name „Suleica“ (Super-Leicht-Caravaning) wurde übrigens vom hierzulande nicht unbekannten Autojournalisten Fritz B. Busch (Gründer des Automuseums in Wolfegg) geprägt.
Weitere besondere Stücke der Ausstellung sind zwei riesige Formen im Originalzustand, in denen in den 1960er Jahren die GFK-Schalen des Fahti Luxus entstanden sind, und ein DeLorean DMC-12, unter dessen Edelstahlverkleidung eine Kunststoff-Karosserie steckt. DeLorean? Richtig, das Kultauto aus den „Zurück in die Zukunft“ Filmen ist das ideale Vehikel um mit ihm einen Blick in die Zukunft zu werfen und sich auch kritisch mit dem Thema Glasfaserverbund auseinanderzusetzen. Denn auch das zeigt die Ausstellung: Immer drängender wird auch hier die Frage, wie später einmal die verbundenen Stoffe wieder recycelt werden können, wenn ihre Lebensdauer abgelaufen ist. Zwar arbeiten die großen Chemiekonzerne daran, ein entsprechendes Verfahren zu entwickeln. Dies braucht jedoch Zeit und steht erst am Anfang. Auch ein Ersatz für GFK durch Naturstoffe wäre problematisch, weil davon Unmengen gebraucht würde.
Die Besucher können am Ende der Ausstellung selbst ihre Meinung kund tun, ob der Kunststoff wirklich (noch) ein Werkstoff der Zukunft ist.
Museumsleiterin Hinzen verriet, dass die Ausstellung bis zum Herbst laufen wird. „Wir sind auch was die Leihgaben angeht sehr flexibel,“ sagt sie, da die Ausstellungseröffnung wegen Corona ja schon um ein halbes Jahr verschoben werden musste. „Wegen der großen Fläche (6.000qm) können wir trotz der Coronabestimmungen bis zu 150 Personen gleichzeitig in die Ausstellung lassen. das ist aber kein Problem.“ Ebenso wie das Thema Voranmeldung, egal ob telefonisch oder per e-mail. Zwar sei das Restaurant „Caravano“ noch nicht geöffnet, aber Abholung sei kein Problem, „innerhalb von Bad Waldsee wird das Essen auch auf Wunsch geliefert“
Und noch etwas verriet Hinzen: „Im Herbst feiert das Museum sein 10jähriges Jubiläum, also bleiben Sie gesund!“
„Plastic Fantastic? Wohnkarossen aus Faserverbund“ ist ab sofort in der Dauerausstellung des Erwin Hymer Museums zu sehen. Das Museum ist seit dem 8. März wieder täglich geöffnet.
Bericht und Bilder Uli Gresser






