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Bad Waldsee - Der Museums- und Heimatverein konnte kürzlich unter Vermittlung von Hans Grimm für das Museum im Kornhaus ein lokalgeschichtlich wichtiges Bild eines einheimischen Künstlers erwerben. Es handelt sich um die sog. „Goldene Hochzeit“, 1844 gemalt von Alois Bieger (1807 – 1872), einem Sohn des Jubelpaares. Mit dem in Waldsee geborenen Pfarrer Bieger hat sich bereits 2001 Hildegard Rummel ausführlich in einem Artikel für die Kurzeitung befasst.

Alois Bieger war nach seiner Priesterweihe 1833 in verschiedenen Orten vorwiegend im Oberland tätig: in Schlier, Ditzenbach bei Geislingen (an der Steige), Ingoldingen, Nasgenstadt bei Ehingen und zuletzt in Haslach bei Wangen, wo er starb. Vor allem in Privatbesitz haben sich noch etliche seiner Bilder erhalten.

Die „Goldene Hochzeit“ ist bereits in den späten 1960iger Jahren einmal öffentlich in Waldsee ausgestellt worden, im Schaufenster von Frau Huhn, geb. Bieger in der Wurzacher Straße. Heute steht an dieser Stelle ein Neubau von Elektro Merk.
Das Ölgemälde auf Leinwand ist ungewöhnlich groß, es ist ohne Zierrahmen
ca. 80 cm hoch und 130 cm breit. Dargestellt ist die gesamte Familie Bieger gegen Westen auf der Wiese am Stadtsee, im Hintergrund die Silhouette von Waldsee.
An einem langen Tisch sitzen in der Mitte das Jubelpaar, Franz Josef Bieger, Rotgerber in Waldsee und seine Frau Maria, geb. Meister. Sie wohnten auf der Hochstatt im Haus Nr. 84, dem heutigen Haus Munding/Café am Markt.


Abbild der gesamten Familie

Das Ehepaar hatte insgesamt neun Kinder, die alle abgebildet sind. Vom Betrachter aus stehen links die drei Söhne Vinzenz, Drechsler in Waldsee, Alois, zu jener Zeit Pfarrer in Ditzenbach bei Geislingen und Thaddäus, Tuchmacher in Ravensburg. Sie halten jeweils ein Glas in der Hand. Am Tisch sitzen neben dem Jubelpaar drei weitere Söhne, von links zunächst Klemens, Schuhmacher in Altenstadt bei Geislingen, daneben ein Bruder, dessen Vornamen wir nicht kennen und der als Gerber das väterliche Handwerk vor Ort übernahm, schließlich Franz Josef, Drechsler in Waldsee. Klemens führt sein Glas zum Mund, sein Bruder hält eine Pfeife in der Hand.

Der weißhaarige Vater sitzt in Festtracht am Tisch in einer Weste mit silbernen Knöpfen, seine Frau daneben trägt dunkle bzw. schwarzer Festtagstracht mit Schürze und eine goldene Radhaube. Vor ihnen auf dem Tisch sind noch die Reste des Festmahls zu sehen, ferner einige Messer und eine Vase mit Blumen, die Blechblumen ähneln. An die Mutter schmiegen sich die beiden ledig geblieben Töchter Viktoria und Rosine in ihren weißen Hauben, beide Haushälterinnen ihres Bruders Alois.
Am Ende des Tisches sitzt Anton, wohl in der Uniform eines Hauptmannes der Waldseer Bürgerwehr. Der Ölmüller stützt die linke Hand auf den Knauf seines Säbels.
Im Vordergrund bringt eine weißgekleidete Enkelin dem Jubelpaar ein Blumenbouquet, auf der Schleife ist die Datierung vermerkt, eine Signatur fehlt.
Hinter der Festgesellschaft liegen See und Stadt, die Sicht reicht links vom Urbachtal bis zur Bahnhofsstraße, zu erkennen sind die Wurzacher Vorstadt mit „Hafendeckel“, Schloss, Spital, Rathaus und St. Peter. Links neben dem Kopf von Pfarrer Bieger ist die Kapelle in Mittelurbach zu sehen, schräg über ihm die Frauenbergkapelle.
Oben begrenzt den Himmel ein dichtes, dunkelgrünes Rankenwerk aus Weinblättern (oder Hopfen?).

Auf den ersten Blick wirkt das Gemälde düster, die Gestalten in Haltung und Gesichtsausdruck seltsam starr. Kompositorische Schwierigkeiten zeigen sich z.B. bei den drei stehenden Brüdern und ihren Händen, in denen sie Gläser halten. Es besteht ein großer Unterschied zu der feinfühlig und exakten, in Tempera-Technik von Alois Bieger 1828 gemalten Stadtansicht, die sich schon lang im Bestand des Museums befindet. Es kommen leichte Zweifel auf: kann dieses Gemälde wirklich von Alois Bieger stammen?

 

„Erfrischung“ – Restaurierungseingriff

Die genaue Betrachtung im Streiflicht zeigt, dass die gesamte Wasserfläche des Sees pastos übermalt wurde, ebenso sind die Gesichter der Personen in unterschiedlicher Intensität übergangen, sehr ausgeprägt immer die Haare, meist komplett die Gewänder. Bei den Gebäuden sind teilweise Konturen und Fenster nachgezogen. Wenn man genau danach sucht, ist die ursprüngliche feine Oberfläche des Bildes, bedeckt mit einem vergilbten Firnis an wenigen Stellen zu erkennen, z.B. in den Hangbereichen hinter der Stadt.
Durch diese spätere Übermalungs-Aktion sollten wohl auch Schäden kaschiert werden, in den Gesichtern der beiden Brüder neben dem Vater ist eine durchgehende waagerechte Verletzung erkennbar.

Die Inschrift auf dem Blumenbouquet zeigte im Originalzustand wohl auch die Signatur, sie lautet jetzt: „Die Jubel:Feier seiner Eltern 1843. 21.September in Waldsee“. Beim Übertrag des Datums ist dem Maler ein Fehler unterlaufen, die Jahreszahl müsste „1844“ lauten. Die Hochzeit von Josef Bieger und Maria Meister fand am 21. Januar 1794 statt. Es ist durchaus legitim, ein Fest nachzufeiern und in die wärmere Jahreszeit zu verlegen, doch es wäre unüblich, ein Fest Monate vorher zu begehen.
Eine freie Hinzufügung des „renovierenden“ Malers ist das sich am oberen Rand des Bildes entlangziehende Rankenwerk aus Weinblättern, das den freien Himmel bedrückend einengt.

Der große Eingriff in diesem Gemälde lässt sich schriftlich belegen durch eine Notiz im Jahrbuch von August Bieger (1880 – 1973), einem nach Kaliforniern ausgewanderten Enkel des auf dem Bild dargestellten Ölmüllers Anton Bieger: Er schreibt: “…das Bild ist im Besitz meiner Nichte Brunhilde…Meine Nichte musste vor etlichen Jahren das Gemälde von einem Künstler in Stuttgart wegen dem hohen Alter erfrischen lassen“.
Diese „Erfrischung“ dürfte an die 70 Jahre zurückliegen. Das Ende der Maßnahme könnte dann den Anlass für die öffentliche Präsentation in Waldsee gegeben haben - ein Zeichen des Stolzes auf die eigene Familie.

 

Überlegungen zum Schluss

Dieses Bild ist auch wegen seiner wechselvollen Geschichte ein wertvolles lokalhistorisches Zeugnis, dessen Erhalt jetzt gesichert ist.
Der heutige Zustand des Gemäldes ist stabil, doch es zeigt sich eine teils erhebliche Oberflächenverschmutzung, wie in einer kleinen Reinigungsprobe im Himmel gut zu erkennen ist. Für eine Komplettreinigung müssten Zeit und nochmals Geld investiert werden.

Abschließend eine Bitte an alle Waldseer: wenn Sie etwas Altes, Ererbtes besitzen, dessen Wert Sie nicht kennen oder wenn Sie nicht wissen, was es sein könnte: zeigen Sie es den Mitarbeitern von Stadtarchiv oder Museum, damit wichtige Zeitzeugnisse in der Stadt gehalten werden können.

 

Pressemitteilung Museums- und Heimatverein Bad Waldsee, B. Hecht-Lang

 

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 Die stehenden drei Brüder, in der Mitte Pfarrer Alois Bieger, der  der Betrachter direkt anblickt

 

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Das Jubelpaar, im Hintergrund zu sehen von links: Schloss, Spital (noch mit Zwiebeltürmchen), Rathaus und St. Peter

 

 

 

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halloRV

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