Bad Waldsee – Für die Waldseer Bürger ist das Gerüst am Rathaus weithin sichtbar. Die Fassade ist schadhaft und muss dringend saniert werden. Was die wenigsten jedoch wissen, der über insgesamt sechs Ebenen reichende Dachstuhl des historischen Gebäudes wurde ebenfalls aufwendig saniert und, nach sämtlichen Regeln des Denkmalschutzamtes wieder Instand gesetzt.
Bei der Vorstellung der Baufortschritte musste Architekt Andreas Heine, auf die Begehung des Gerüstes verzichten. Keine der begleitenden Damen war auch nur ansatzweise schwindelfrei. Dafür war der Aufstieg in die heiligen Hallen des Dachstuhls auch über die Treppenanlagen ein wahres Abenteuer. Nur selten gelangen Besucher in die Ebenen, die so viel an Renovierungsaufwand in Anspruch genommen haben.
2016 wurden erste Schäden am Dachstuhl, des 1426 erbauten Gebäudes, festgestellt. Nach umfangreicher Gutachten wurde schnell sichtbar; es steht eine Komplettsanierung an. Die nassen und teilweise verfaulten Traufgesimse mussten ersetzt und erneuert werden. Balken waren ebenfalls morsch und erfüllten ihre statischen Zwecke nicht mehr.
Die Ersatzstücke mussten dabei von Hand und vor Ort bearbeitet und angepasst werden. Eine maschinelle Vorfertigung war schlichtweg unmöglich. Für die Traglasteinheiten verwendeten die Zimmerleute Eichenholz, für die nichttragenden Teile wurde Tanne und Kiefer verarbeitet. Sicher verschraubt und mit Holznägeln versehen, ganz so, wie es das Denkmalschutzamt vorgegeben hatte.
Auf Nachfrage erklärte der Architekt, es gebe in Allgäu-Oberschwaben tatsächlich genügend Fachbetriebe, die genau dieses alte Handwerk noch beherrschen, man habe eine konventionelle Ausschreibung machen können und unter diversen Angeboten ausgewählt.
Der Aufstieg führt über immer schmaler werdende Treppen bis ganz hinauf in die Türme. Vorbei an Geschossen, die in früheren Zeiten als Kornlage dienten, wo ein Lastenaufzug noch als stummer Zeitzeuge vorhanden ist. Von den zahlreichen Kammern, die ursprünglich als Aufbewahrungsort für Akten dienten, blieben nur zwei, nachgewiesen historische, bestehen. „Unser Hauptziel ist die durchgängige Belüftung der gesamten Räume, damit gewährleisten wir eine konstante Abtrocknung der gesamten Holzkonstruktion“, erläuterte Heine die offene Raumstruktur.
Ganz fertig ist die Sanierung des Daches noch nicht, aber bisher beläuft sich der Kostenrahmen dafür auf etwa 550.000 Euro. Eine Investition, die von außen nicht sichtbar ist, aber für den sicheren Fortbestand des Gebäudes einfach unerlässlich ist.
Die Fassadenarbeiten schreiten ebenfalls voran. Wie die ursprüngliche Bemalung, bzw. Farbgebung aussah, lässt sich nur anhand von Aquarellen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert rekonstruieren. Gesimse und Gefache aus Sandstein werden restauriert, Risse und schadhafte Hohlstellen verdichtet und Instand gesetzt.
Und natürlich erstrahlt auch Justizia im neuen Glanz, sie wird von einer fachkundigen Restauratorin aus Konstanz quasi runderneuert. Diese Kosten für die Fassade werden sich auf etwa 500.000 Euro belaufen. Eine große Investition, aber nur so ist dieses denkwürdige Gebäude der einstigen Bürgerschaft, für die nächsten Jahrhunderte gesichert.
Bericht und Fotos Christine Hofer-Runst






