Bad Waldsee - Am 30. April auf der Hochstatt war es endlich wieder soweit: Der Maibaum wurde mit einer letzten Anstrengung der Zimmerleute um 19.24 Uhr in seine Verankerung eingesetzt und ragte stolze 28 Meter in den strahlend blauen Frühlingshimmel empor.
Doch bis es soweit war, mussten noch einige Vorbereitungen getroffen werden. So hieß es zunächst, geduldig zu warten. Der Baum lag ruhig auf seiner Lafette am Gut-Betha-Platz, während die Zimmerleute der Jungelfer bereits mit einem erfrischenden „Steinacher Helles“ versorgt waren. Der Fanfarenzug in Blau und Weiß wartete ebenfalls, ebenso wie einige Zuschauer.
Plötzlich wurde der Ruf laut: „Die Gäule sind schon an der Ölmühle.“ Und tatsächlich kamen sie: zwei prächtige, schwere Pferde mit braunem Fell, blonden Mähnen und Schweifen, festlich geschmückt mit glänzendem Geschirr und poliertem Kupfer am Zaumzeug von Franz Wirbel aus Engenreute.
Die beiden Fuhrleute in ihren blauen Kitteln spannten die Pferde behutsam und ohne Hektik vor den Baum, während Fanfaren ertönten, Trommeln wirbelten und die Fahnenschwenker ihre Flaggen schwangen. So setzte sich der Umzug in Richtung Stadtzentrum in Bewegung. Vorbei am Rathaus manövrierte man den langen Stamm vorsichtig in die Ravensburger Straße und zog weiter durch die Straßen, begleitet von vielen Zuschauern.
Am Zielort, der Hochstatt, warteten bereits einige hundert Schaulustige hinter den Sicherheitsabsperrungen auf die Ankunft des Baums. Angeheizt durch Moderator Barny Bitterwolf, wurden der Baum und seine Begleitung mit einem kräftigen „Bad Waldseer Applaus“ empfangen. Der Fanfarenzug nahm daraufhin Position vor dem Haus Mayer ein.
Der Baum wurde mit purer Muskelkraft von seiner Lafette gehoben, zur Verankerung bugsiert und in den Schuh eingesetzt. Die Zimmerleute hatten dabei alle Hände voll zu tun, bis die mächtigen Schrauben der Verankerung endlich festgezogen werden konnten. Mit langen Scheren brachten die Zimmerleute den Baum dann von der Waagerechten in die Senkrechte. „Lond it luck“ skandierten Barny Bitterwolf und die zahlreichen Zuschauer immer wieder. Stück für Stück, Meter für Meter erhob sich der Baum in die Höhe. Eine spannende Angelegenheit, doch es war klar: Wenn es letztes Jahr geklappt hatte, würde es auch diesmal funktionieren.
Während die Zimmerleute weiterhin am Maibaum arbeiteten, rief Moderator Barny Bitterwolf unter tosendem Applaus Oberbürgermeister Matthias Henne auf die Bühne. Der dankte den Bewohnern von Bad Waldsee für den herzlichen Empfang, Bitterwolf für die hervorragende Moderation und dem Fanfarenzug für die mitreißende musikalische Unterstützung. Besondere Grüße richtete er an die Jungelfer, die für das Aufstellen des Baumes verantwortlich waren, sowie an die Volkstanzgruppe aus Winterstettendorf.
Der Oberbürgermeister würdigte die Tradition des Maibaumstellens in der Stadt und freute sich darüber, dass so viele Zuschauer auf die Hochstatt gekommen waren, um dem Brauchtum beizuwohnen. Nachdem er allen gedankt hatte, die zum erfolgreichen Ablauf der Veranstaltung beigetragen hatten, machte er Platz auf der Bühne für die traditionellen Zunftsprüche der Handwerker.
Alexander und Michael Herrmann traten als Vertreter der Bäcker auf, Eva-Maria Bucher repräsentierte die Schreiner, Siegbert Kranz die Landwirte, Erich Arzenbacher die Zimmerleute, Armin Sauter die Brauer und schließlich Thomas Walser die Jungelfer. Alle trugen sie gereimte Glück- und Segenssprüche vor, um die Veranstaltung feierlich zu gestalten.
In der Zwischenzeit traten die Tanzpaare in ihren prachtvollen oberschwäbischen Bauerntrachten aus dem 18. Jahrhundert auf. Die Frauen trugen kunstvoll geschnürte und bestickte Mieder, weiße Blusen, lange Röcke mit vorgebundener Schürze und zierliche Radhauben. Die Männer erschienen in weißen, leinenen Gehröcken, roten, goldgepunkteten Westen, Lederbundhosen, Kniestrümpfen und Schnallenschuhen. Auf dem Kopf trugen sie Dreispitze oder eine Art Zylinderhut. Begleitet von Akkordeonmusik zeigten sie Tänze, die einen Einblick in die Welt der Trachten und des Volkstanzes von einst gewährten.
Die Tradition des Maibaumstellens hat ihre Wurzeln im germanischen Brauchtum und diente ursprünglich der Verehrung von Fruchtbarkeitsgottheiten. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich der Maibaum zum Symbol für das Erwachen der Natur und die Ankunft des Frühlings. Heute wird diese Tradition in vielen Teilen Deutschlands und auch in anderen Ländern gepflegt, wobei jeder Ort seine eigenen Bräuche und Gestaltungsmerkmale pflegt.
Zum Abschluss der Veranstaltung versammelten sich die Zimmerleute für ein gemeinsames Erinnerungsfoto am Fuße des frisch aufgestellten Maibaums.
Text/Foto: Oliver Hofmann

