Bad Waldsee - Im Rahmen des Prüfprozesses für ein Biosphärengebiet in der Region Allgäu-Oberschwaben sollen in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz, Wirtschaft und Tourismus sowie Gesellschaft und Politik Ansätze für nachhaltige Regionalentwicklung erarbeitet werden.
Nachdem Vertreter verschiedener Interessengruppen aus diesen Bereichen über Grundlagen sowie Chancen und Risiken eines Biosphärengebietes mittlerweile in den meisten Gemeinden des Suchraums in sogenannten Regionalkonferenzen informiert wurden, hat nun mit der Bildung von Arbeitskreisen die Beteiligungsphase begonnen.
In den Arbeitskreisen sollen mögliche Handlungsfelder für die zukünftige Entwicklung der Region Allgäu-Oberschwaben enger gefasst werden - der Aufruf des Prozessteams zur Mitarbeit beim laufenden Prüfprozess fand großen Anklang.
Großes Interesse am Prüfprozess Biosphärengebiet
Es fanden sich zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger, Vertreterinnen und -vertreter aus der Land- Holzbau-, und Gewässerwirtschaft, Jagd und Fischerei, Naturschutz, Verwaltung und Kommunen zusammen. Rund 80 Personen kamen zum ersten Auftakt-Workshop am 16. März des Arbeitskreises „Landwirtschaft – nachhaltige und zukünftige Landnutzung“ in das Kloster Reute. Zum Thema „Zukunftsfähige Wald- und Gewässerwirtschaft“ trafen sich am 23. März etwa 40 Personen im Gasthof Stern in Reute.
Arbeitskreise als Austauschforum und Zukunftswerkstatt für Handlungsansätze
Die Arbeitskreise finden jeweils in drei Workshops statt. Beim ersten Treffen ging es darum, dass die Teilnehmenden nach einem kurzen fachlichen Input in Kleingruppen zum jeweiligen Handlungsbereich den Status Quo und wichtige Zukunftsthemen für die Region beschreiben sowie mögliche Konfliktfelder zwischen Interessen aufzeigen. Dabei war es besonders wichtig, dass in den Kleingruppen Personen von allen Interessensvertretergruppen mitgearbeitet haben, so Lisa Polak vom Prozessteam.
In den weiteren zwei Treffen sollen dann die Handlungsfelder mit konkreten Maßnahmen- und Lösungsansätzen beschrieben und Leitprojekte gefunden werden. Aufgabe des Prozessteams sei es dabei zu prüfen, ob die beschriebenen Handlungsansätze in ein mögliches Biosphären-Konstrukt passe. Schließlich entstehe ein mit dem Arbeitskreis abgestimmtes Empfehlungspapier, was den Gemeinderäten am Ende des Prüfprozesses als Entscheidungshilfe dienen soll. Denn diese stimmen ab, ob ein Biosphärenregion in der Region etabliert werden soll oder nicht.
Die Zonen eines Biosphärengebietes und Bewirtschaftungsmöglichkeiten
Für viele Land- und Forstwirte stellt sich die Frage, wie denn die Bewirtschaftungsmöglichkeiten in den einzelnen Zonen aussehen und welche Vorgaben es hierfür gibt. Franz Bühler erläuterte hierzu, dass im Rahmen des Prüfprozesses das Ziel verfolgt wird, neue Bewirtschaftungsauflagen für Land- und Forstwirtschaft möglichst zu vermeiden.
Aus diesem Grund sollen Kern- und Pflegezonen auf bereits bestehenden Schutzgebieten ausgewiesen werden. In den Entwicklungszonen sehen Regelungen für Biosphärengebiete keine Bewirtschaftungsauflagen vor. In der anschließenden Aussprache zeigte sich deutlich, dass die Vertreterinnen und Vertreter von Land- und Forstwirtschaft sichere und verbindliche Aussagen zu den Zonen und deren Bewirtschaftung als wichtige Voraussetzung für den weiteren Prozess betrachten.
Die Landwirtschaft und der Klimawandel
Im Arbeitskreis „Landwirtschaft – nachhaltige und zukünftige Landnutzung“ stellte Dr. Marcus Schlingmann vom LAZBW Aulendorf Szenarien in seinem Vortrag zu „Herausforderungen Klimawandel – Grünlandbewirtschaftung und Moorschutzstrategie“ die Temperatur- und Niederschlagsentwicklung in Baden-Württemberg in den Zeiträumen bis 2060 bzw. 2100 vor.
Die Sommer werden dann heißer und trockener, was zunehmende Konsequenzen für das Grünland hat: Im Hochsommer ist nur noch wenig Zuwachs zu erwarten, was im Übrigen bereits in den vergangenen trockenen Jahren zu beobachten war. Im Zusammenhang mit der Moorschutzstrategie ging Dr. Schlingmann dann auf die Wiedervernässung von Mooren und die Frage ein, welche Nutzungsmöglichkeiten sich hieraus ergeben. Neben der Nutzung als Nasswiesen führte er hier den Anbau von Paludikulturen mit stofflicher und energetischer Verwertung sowie Freiflächen-Photovoltaik auf.
Von Grünland zu Bioökonomie – die Arbeit in den Kleingruppen im Arbeitskreis Landwirtschaft
Direkt danach folgte für die Bereiche Grünland, Ackerbau, erneuerbare Energien und Bioökonomie in Kleingruppen die Erarbeitung von Themen für die weiteren Sitzungen des Arbeitskreises. Beim Thema Grünland wurde unter Erwartungen genannt, zunächst Klarheit über die genaue Biosphärengebietsgebietskulisse und die für Biosphärengebiete typische Zonierungen zu bekommen, aus der eventuell Einschränkungen resultieren können.
Darüber hinaus wurde auch gefordert, Rechtssicherheit und verbindliche Zusagen zu bekommen, welche Bewirtschaftungsformen in einem Biosphärengebiet zulässig sind bzw. welchen Gestaltungsspielraum es dann noch gibt. Weitere Themen waren, welche Möglichkeiten es für die Verwertung für den Aufwuchs von extensivem Grünland gibt. Darüber hinaus wurde angeregt zu erarbeiten, wie neue Finanzierungsmodelle für Biodiversität und Moorschutz aussehen könnten.
Im Bereich des Ackerbaus wurde ebenfalls Rechtssicherheit gefordert, daneben jedoch auch Strategien, um den Flächendruck durch verschiedene Nutzungsansprüche zu vermindern. Als weitere Themen für die folgenden Sitzungen wurde genannt, wie regionale Wertschöpfung über wettbewerbsfähige Verarbeitungsstrukturen generiert werden kann bzw. wie Ökodienstleistungen der Landwirte gerecht entlohnt werden, um auch Kleinstrukturen in der Landwirtschaft erhalten zu können.
Im Bereich der erneuerbaren Energien ergab sich als Zukunftsthema die Frage, wie die Produktion von Biogas in der Region weiter erhalten werden kann und welche Alternativen es hier ergänzend zum Maisanbau geben kann. Hier schloss sich der Arbeitsauftrag an, wie die Wertschöpfung in der Region beibehalten werden kann. Als drittes Thema kristallisierte sich die Frage heraus, wie durch verantwortungsvolle Planung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen die Flächenkonkurrenz zu klassischen Landbewirtschaftung vermindert werden kann.
Das Thema Bioökonomie gewinnt gerade vor dem Hintergrund von Klimaneutralität und Verabschiedung von fossilen Rohstoffen wie Erdöl zunehmende Bedeutung. Daraus ergab sich in der Arbeitsgruppe die zentrale Fragestellung, welche Wertschöpfungsmöglichkeiten für die Betriebe jenseits von Zuschüssen entstehen: Wie können Grünschnitt/Gras und auch Reststoffe als Ersatz für fossile Rohstoffe sinnvoll eingesetzt werden und dabei auch in ökonomischer Hinsicht lohnend sein? Außerdem wurde die klare Erwartung genannt, über die Wiedervernässung von Mooren den Anbau von Paludikulturen und deren Verarbeitung zu Dämm- und Faserstoffen in der Industrie weiter zu thematisieren.
Der Wald und der Klimawandel – Sicherheit beim Wirtschaften, falls das Biosphärengebiet kommt
In den nächsten Jahrzehnten kommen auf den Wald und damit die Forstwirtschaft erhebliche Änderungen und damit Herausforderungen zu. „Der Klimawandel wird beispielsweise hier in der Region dazu führen, dass die Fichte als wichtige Nutzholzart, Schwierigkeiten bekommen wird. Laubhölzer und hier ganz besonders die Buche werden eine wichtigere Rolle im Wald spielen,“ so Prof. Sebastian Hein von der Hochschule Rottenburg in seinem Eingangsvortrag zum Workshop des Arbeitskreises Wald.
Gleichzeitig werden die Erwartungen an den Wald umfangreicher: Der Wald diene als CO2-Speicher, die langlebige Verwendung seines Holzes als CO2-Senke und: er spiele eine wichtige Rolle für den Erhalt der Artenvielfalt was zukünftig noch stärker in die Waldbewirtschaftung integriert werden müsse, betont Hein.
Die Menschen interessieren sich mehr für den Wald und nutzen die entspannende Wirkung auf vielfältige Weise. Dies gilt es nun auszutarieren, was zukünftig nur mit gesellschaftlicher Beteiligung gelingen kann. Und hier kommt nochmals die Bedeutung des Holzes als Baustoff und damit CO2-Senke dazu. Wie vorbildlich sich eine regionale Wertschöpfungskette ausgehend vom Wald über die Forstwirtschaft bis zur Holzbaukultur entwickeln kann, zeige unser Nachbar in Vorarlberg.
In der anschließenden Arbeitsphase diskutierten die Teilnehmenden in Kleingruppen zu den Themen „Klima und Wald“, “Holzwirtschaft und Baukultur“ sowie „Jagd und Fischerei“. In diesen ging es u.a. um Märkte der Zukunft in der Holzwirtschaft, zukünftige Rahmenbedingungen für die Baukultur und den Waldumbau. Als wichtiges Thema wurde die Leitidee „multifunktionale Waldwirtschaft“ herausgearbeitet.
Wie kann diese im Spannungsfeld konkurrierender Nutzungsansprüche wie wirtschaftlicher Holznutzung, Windeenergiestandort, Erholungsraum… ausgestaltet werden? Der Gruppe „Jagd und Fischerei“ war wichtig, dass geklärt wird, wie Jagd und fischereiliche Bewirtschaftung in Kernzonen auch im Rahmen eines Biosphärengebietes noch möglich ist.
Die Landesregierung hat den Prozess zur Ausweisung eines Biosphärengebietes in der Region Oberschwaben in ihrem Koalitionsvertrag verankert und unterstützt diesen auf fachlicher Ebene durch das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft sowie durch das Regierungspräsidium Tübingen. Auf dieser Grundlage soll in den nächsten Jahren das Potenzial eines Biosphärengebietes im Sinne eines nachhaltigen Regionalentwicklungsprojektes für die Region Oberschwaben geprüft werden.
Die oberschwäbischen Landkreise Ravensburg, Biberach und Sigmaringen begleiten den Prozess aktiv unter Einbeziehung der Landnutzenden, der Gemeinden und Bürgerinnen und Bürger. Das durch das Umweltministerium beauftragte Prozessteam begleitet den Prozess strategisch, administrativ und inhaltlich und dient als Ansprechpartner für Fragen zum Biosphärengebiet. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Text Prozessteam Biosphärengebiet (Franz Bühler)
Bilder Prozzessteam Biosphärengebiet

Gruppenarbeit im Arbeitskreis Landwirtschaft

Pausengespräche im Arbeitskreis Wald und Wasser

Teilnehmende des Arbeitskreises Wald und Wasser

