Bad Waldsee - Die Stadtverwaltung rief ausgerechnet am 1. April zur Stadtputzete auf. Sie meinte es ganz ernst. Allen voran OB Henne mit Familie. Hier ein paar ganz persönliche Eindrücke, gesammelt von unserem Mann vor Ort. Unser Eindruck: Eine Massenbewegung war es nicht. Unser zweiter Eindruck: Das Städtle ist insgesamt ordentlich und sauber. Anders sieht es in den Wäldern aus.
Bad Waldsee ist ja, trotz Großer Kreisstadt, ein beschauliches Städtle geblieben. Man kennt sich und auch die Spitzen des Rathauses sind bürgernah. Ich überlegte mir am Freitagabend, wie ich denn zu ein paar netten Fotos von der Stadtputzete kommen könnte. Um 17.00 Uhr schickte ich eine Whatsapp an unsere Bürgermeisterin mit der Bitte um einen „Schnappschuss“ bei der Stadtputzete. „Bin dieses Mal leider nicht dabei, aber der OB startet um 9.00 Uhr bei den Garagen am neuen Rathaus“, hatte sie bis um 21.00 Uhr herausbekommen. Respekt, ganz schön lange Arbeitszeiten.
Samstagmorgen, 9.00 Uhr, beim neuen Rathaus. Die Familie Henne vollzählig, in Begleitung von Armin Brutschin von der Abteilung Grünflächen. Ausgerüstet mit einem Sammelwagen, mit Besen, Greifzangen, Handschuhen machte sich die Familie des Oberbürgermeisters auf den Seeweg. Nach einer guten Dreiviertel-Seerunde traf ich die Müllsammler wieder an der kleinen Grünanlage unterhalb der Bahnhofstreppe. Die Ausbeute im Sammelwagen war noch gering. Nur ein paar Chipstüten waren in die Tonnen gewandert.
An dieser Stelle will ich mal ein Lob an die Leute unterbringen, die für die Sauberkeit am See zuständig sind. Jeden zweiten Morgen, vor Tau und Tag, sind die Frauen und Männer vom Bauhof um den See unterwegs. Lesen jedes Papierle, jede Kippe auf und sorgen dafür, dass die Flaniermeile immer wie geleckt aussieht. Besonders im Sommer, nach langen Nächten in der Kastanienallee, bekommen die ihre Tonnen problemlos voll.
Sackausgabe im Bürgerbüro
Szenenwechsel. Sackausgabe im Bürgerbüro. Mika Mohr holte sich gleich ein ganzes Bündel Säcke. Und Handschuhe. „Welche Größe“, wird er gefragt. Er hält eine jugendliche Hand in die Höhe. Da muss man wohl nach den kleinen Größen schauen.
Lukas Auer und sein Freund, von dem ich leider nur den Nachnahmen erfahren habe, Herr Mayerhofer, sind samt Nachwuchs und Kinderwagen zur Stadtputztete aufgebrochen. Ich spaße noch: „Euch haben die Frauen weggeschickt, damit sie zu Hause in Ruhe den Haushalt putzen können.“ Sie widersprechen nicht. Voll Freude stürzte sich ein Putzzwerg auf das einzige Bonbonpapierchen, das der Wind in der Hauptstraße vor sich hertreibt.
Wo ist der Müll?
Wo ist denn der Müll, den es wegzuputzen gilt? In der Innenstadt auf jeden Fall nicht. Ich nahm meinen Hund an die Leine und machte mich auf die Spurensuche. Vor dem Rathaus traf ich Anja Serfontain. Sie ist noch immer im Deutschunterricht für die Geflüchteten engagiert. „Ich habe meine Schüler gefragt, ob sie mitmachen wollen. Natürlich ganz freiwillig.“ – „Wo kommen die denn her?“ – „Aus Syrien und Afghanistan.“ Im Kopfkino tauchen von ganz alleine die Bilder des zerstörten Aleppo auf. Was müssen diese Leute von uns denken, wenn wir in unserem sauberen Städtle zur Putzete aufrufen.
Kein Abfall auf dem Spaziergang?
Unser Spazierweg führte uns von der Frauenbergstraße die Treppenanlage zur Bauernschule hinauf. Kein Müll, wahrscheinlich waren die Stadtputzer schon vor uns da. Über das Gymnasium-Areal. Endlich wurden wir fündig. Der Wind trieb ein Zeitungsblatt vor sich her und auf dem Rasen lag ein vergessener Tetrapack. Wein? Ja trinken die Gymnasiasten schon Wein auf dem Campus?
Weiter ging es den Rot-Kreuz-Weg entlang zur Anton-Bruckner-Straße. Noch in den Schorren? Nein, heißt ja Stadt- und nicht Waldputzete.
Wir wandten uns Richtung Krumhalde. Auch dort kein Krümelchen Müll. Und die Hinterlassenschaft meines Hunde entsorgte ich sachgerecht mittels meiner mitgebrachten Kacketüte in einen Abfalleimer.
Am Friedhof vorbei, Am Stadtgraben hinunter, beim Hafendeckel in die Wurzacher Straße, Hauptstraße, vorbei am Wochenmarkt Richtung Bleiche. Dort stand ein großer, orange lackierter LKW-Anhänger. Ganz klar, hier wurde der Müll gesammelt. Ein Blick hinein, gar nicht so einfach, weil der Hänger hoch ist. Vier, fünf Säcke lagen drin.
Ein Auto fuhr heran. Ein Mann stieg aus. Holte einen Müllsack aus dem Kofferraum. „Darf ich ein Bild von Ihnen schießen?“ – „Ja klar, aber dann müssen die beiden Hauptmüllsammler auch mit auf’s Bild.“ Ich erfuhr, es ist Johannes Molitor mit seinen Töchtern Jana und Tilda. Sie haben den Müll auf einem Fußweg bei der ehemaligen Druckerei Liebel im Gewerbegebiet an der Biberacher Straße gesammelt. Und mit viele Schwung landete der Sack auf dem LKW-Anhänger.
Lohn der Mühen: Kaffee und Hefezopf
Unter den Arkaden traf ich Mika Mohr wieder. Zusammen mit seinen Freunden hat er am Stationenweg aufgeräumt. Jede Menge Flaschen und Abfall würde dort immer herumliegen, erzählte er und ließ sich mit seinen Freunden den Zopf schmecken.
Ein sauberes Städtle mit dunklen Ecken
Das trifft’s vielleicht am besten als mein ganz persönliches Résumé der Stadtputzete. Eigentlich ist Bad Waldsee eine ganz saubere Stadt. Dafür sorgen die Frauen und Männer vom Bauhof. Aber es gibt auch die Ecken, wo man nicht so genau hinschaut. Wo’s ein bisschen dunkler ist. Und da kann man auch mal Müll entdecken. Und wenn jetzt ein Aufschrei kommt: Ja ich weiß, in unseren Wäldern gibt es jede Menge wilder Müllablagerungen. Und das regt mich auch auf.
Ironie des Morgens danach
Tags darauf (2. April) bei der obligatorischen Gassirunde am See, entdeckte ich unterhalb des Modellbau-Gartens ein frisch im See versenktes Rad. Das war bei der OB-Runde um den See noch nicht da. Damit dem Bauhof die Arbeit nicht ausgeht.
Text / Fotos: Erwin Linder
Mika Mohr holt Sammelutensilien für sich und seine Freunde.
Ein Bonbon Papierchen für den Müllsack.
Endlich fündig – Ein Zeitungsblatt.
Und ein Tetrapack auf dem Gymnasiumsgelände.
Familie Molitor bei der Müllabgabe.
Mika Mohr und seine Freunde nach getaner Arbeit unter den Arkaden bei Kaffee und Zopf.

Überraschung am Folgetag: das Rad im See.


Trotz Ramadan halfen Geflüchtete, welche in der Stadthalle wohnen, fleißig bei der jährlichen Putzete mit. Dabei gab es ein paar sehr freundliche Begegnungen mit den Einheimischem und ein gegenseitiges Loben für diese gelungene Aktion. Text / Fotos (2): Brigitte Kaiser

