Haisterkirch - Es war eine halböffentliche Veranstaltung in der Gemeindehalle Haisterkirch, zu der Gastgeber Oberbürgermeister Matthias Henne in Zusammenarbeit mit dem Prozessteam Biosphärengebiet (Landratsamt) zahlreiche geladene Gäste, darunter Gemeinderäte und einige Bürger aus den Gemeinden Bad Waldsee, Bergatreute, Baienfurt und Baindt, begrüßen durfte. Drei Referenten stellten dabei mögliche Gebiete vor und wiesen in ihren Fachgebieten auf mögliche Chancen und Nutzen hin.
Der Suchraum
Timo Egger, Bürgermeister aus Fleischwangen und Vorsitzender der kommunalen Arbeitsgemeinschaft Biosphärengebiet, verwies in seiner Stellungnahme darauf, dass insgesamt 50 Kommunen sich im Suchraum befänden; deshalb seien diese regionalen Treffen ins Leben gerufen worden. Ihm war es wichtig zu betonen, dass die Veranstaltung ergebnisoffen sei und die Entscheidung, ob eine entsprechendes Gebiet zu einem Biosphärengebiet gemacht werden solle, einzig die Kommune mit ihrem Gremium Gemeinderat zu entscheiden habe.
Die drei Zonen
Was genau ist ein Biosphärengebiet? Es besteht aus drei Zonen. Zone eins ist die sogenannte Kernzone, in der das schützenswerte Objekt liegt. Dabei kann es sich um einen Wald, ein Gewässer, ein Moor oder ein besonderes Landschaftsbild handeln, wie zum Beispiel eine besonderen Formation einer Moränenlandschaft. Die Kernzone darf auf Dauer nicht genutzt werden, auch nicht touristisch, Wander- oder Spazierwege sind nicht gestattet. Zone zwei ist die Pflegezone, in der extensiv und nachhaltig bewirtschaftet werden darf, und in Zone drei, der Entwicklungszonen, soll eine vorbildliche ökologisch ausgerichtete Wirtschaftsentwicklung unterstützt werden. Von der Bemaßung der einzelnen Zonen entfallen maximal 3 % auf Zone eins, 20 % auf Zone zwei und der Rest auf Zone drei.
Für Petra Bernert vom Umweltministerium liegt der Vorteil eines Biosphären-Gebietes klar auf der Hand. Es handle sich um ein Alleinstellungsmerkmal der gesamten Region, in der die drei Säulen der Nachhaltigkeit umgesetzt werden könnten. Eine Zertifizierung durch die UNESCO stärke die Bedeutung noch zusätzlich. Allerdings müsse ein Biosphärengebiet auch bespielt werden, so ihre Aussage, was bedeutet, Land und Kommune müssen bereit sein, finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.
Die organisatorischen Projektleiter, Franz Bühler und Lisa Polak, versuchten, die Chancen für die Anwohner darzulegen. Regionale Vermarktung von regionalen Produkten, Verkaufsgemeinschaften und die daraus resultierenden Synergieeffekte sollen, vor allem den Landwirten, dabei zu einem Aufschwung verhelfen. Er sprach von der „Biosphärenmilch“ und von einem denkbaren Zusammenschluss der Hofläden. Polak widmete sich dann dem touristischen Bereich. Wohl seien die Kernzonen touristisch nicht mehr nutzbar, aber sie sehe durchaus eine qualitative Steigerung der Urlauberschaft, die gegebenenfalls besser gelenkt werden sollten. Zudem hält sie es durchaus für möglich, eine Steigerung der Fachkräftequote zu generieren, die sich von einem Biosphärengebiet angezogen fühlen könnten.
Kritische Stimmen von Landwirten
In der anschließenden Diskussion meldete sich Bad Waldsees Stadtrat Wilhelm Heine zu Wort. Er sei Energieerzeuger, Lebensmittelerzeuger und Vollzeitlandwirt. Seine Bedenken äußerte er dahingehend, dass durch die bestehenden Biotopbestimmungen schon massive Einschränkungen in der Bewirtschaftung der Fläche zu beklagen seien. Für ihn berge so ein Gebiet eher Risiken, Chancen sehe er eher nicht. Von Interesse war für ihn dann noch, ob sämtliche Teilgemeinden einer Kommune in dieses Gebiet integriert werden sollen. Timo Egger erwiderte, dass eine Stückelung nicht angedacht sei, aber eine Kommune nicht ihre Gesamtfläche einbringen müsse.
In dieselbe Kerbe schlugen Oskar Bohner und Siegbert Kranz. Bohner äußerte sich kritisch über die mögliche, eingeschränkte Nutzung in der Pflegezone.
Die kritischen Stimmen seitens der Landwirte wurden mit Argumenten bezüglich Klimaschutz, Resilienz und der Unabhängigkeit von globalen Entwicklungen pariert. Oder, wie es Berthold Reichle vom Umweltministerium auf den Punkt brachte: „Entweder wir verändern oder wir werden verändert.“
Die zahlreichen Lenkungs- und Arbeitskreise erhoffen sich eine Mitwirkung aus der Bevölkerung. Input aus den Kommunen und der Landwirtschaft seien immer willkommene Anregungen.
Bericht und Fotos: Christine Hofer-Runst
Die sogenannte Potentialkulisse für ein mögliches Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben umfasst 155.000 Hektar.
Blick ins Publikum. Die Veranstaltung in Haisterkirch diente laut Aussage von Lisa Polak vom Prozessteam Biosphärengebiet der Information von Entscheidungsträgern. Sie war nicht an die Allgemeinheit gerichtet; Presse war aber zugelassen.

