Bad Waldsee - Fast fühlte man sich ein wenig wie bei „Terra X“, als am vergangenen Freitagabend im Sitzungssaal des Rathauses drei Wissenschaftlerinnen über den aktuellen Sachstand eines interessanten Forschungsprojekts berichteten: Bodenproben vom Grund des Stadtsees sowie der interessante und aufschlussreiche Urkundenbestand im Stadtarchiv erlauben es, tief in die Vergangenheit der Stadt zu blicken.
Das Besondere an diesem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) getragen wird, sind der fachübergreifende Ansatz und die Zusammenarbeit der Universität Tübingen, der TU Darmstadt und der TU Braunschweig.
Im gut gefüllten Sitzungssaal stellten Dr. Kim Krahn, Kristin Haas und Claudia Lemmes, die in völlig unterschiedlichen Fachgebieten zuhause sind, den Stand ihrer jeweiligen Arbeitsergebnisse vor. Es war interessant und spannend, an einem Abend und zu einem Forschungsobjekt biologische, geowissenschaftliche und geschichtliche Informationen zu erhalten.
Noch heute lässt es sich beispielsweise anhand der beprobten Ablagerungen vom Grund des Stadtsees nachvollziehen, dass zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs im Jahr 1632 plötzlich weniger Abwässer aus der Stadt in den Stadtsee eingeleitet wurden. Dass dies mit den kriegerischen Auseinandersetzungen im Zusammenhang steht, wird deutlich, wenn man einen Blick in die Taufbücher aus jener Zeit wirft: Die Zahl der Geburten ging just in diesem Jahr fast auf null zurück. Beide Disziplinen können so auf ihre Art belegen, das Waldsee im Jahr 1632 besonders unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu leiden hatten.
Um Rückschlüsse auf die Landschaftsstruktur in vergangenen Jahrhunderten zu gewinnen, werden die jährlich mit einer Stärke von etwa vier Millimetern anfallenden Ablagerungen im Stadtsee auf die Zusammensetzung der darin enthaltenen Pollen untersucht. Schon vor 1400 war demnach der Wald weitgehend zurückgedrängt und wurden die frei gewordenen Flächen landwirtschaftlich genutzt.
Anhand der chemischen Analyse der noch vorhandenen, jahrhundertealten Rückstände in weit über tausend Proben sollen in den kommenden Monaten noch bessere Rückschlüsse auf das in der Stadt vorhandene Gewerbe im untersuchten Zeitraum möglich sein.
Seitens der Projektleitung zeigten sich Prof. Dr. Sigrid Hirbodian von der Uni Tübingen, Prof. Dr. Matthias Hinderer von der TU Darmstadt, Prof. Dr. Antje Schwalb von der TU Braunschweig und der Leiter des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, Prof. Dr. Peter Rückert, sehr erfreut über das große Interesse der Öffentlichkeit und die fachkundigen Fragen aus dem Publikum.
Der öffentliche Vortrag war Teil eines dreitägigen Symposiums, das seitens der Stadt von Archivar Michael Tassilo Wild zur besten Zufriedenheit der Teilnehmer betreut wurde. Seit dem Projektbeginn im Jahr 2020 werden solche Arbeitstreffen im regelmäßigen Abstand abgehalten; zum voraussichtlichen Projektende im Herbst 2023 soll es nochmals eine größere öffentliche Abschlussveranstaltung in der Bauernschule geben.
Text Brigitte Göppel

