Aulendorf – Der Bahnhof ist ein Ort der Begegnung und auch dem interkulturellem Austausch. So passt es gut, dass das Friedensfest am 25. September die Interkulturelle Woche 2021 in Aulendorf startet.
Seit 75 Jahren gibt es die Bahnhofmission in Aulendorf und sie ist die drittkleinste bundesweit. Doch Aulendorf hat auch den wichtigsten Knotenbahnhof zwischen Ulm und dem Bodensee mit heute über 7000 Fahrgästen täglich. Daher wurde 1945 eine Bahnhofsmission gegründet.
Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945 waren Millionen von Menschen unterwegs: Soldaten und Kriegsgefangene, befreite Lagerinsassen, später Vertriebene und Kriegsheimkehrer. Oft strandeten abends die Menschen an den Umsteigebahnhöfen – so auch in Aulendorf. Besonders für Frauen und Kinder war die Situation prekär und gefährlich.
Daher baute der „Mädchenschutzverein“ in Stuttgart (heute: IN VIA Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit) auf Initiative des Aulendorfer Pfarrers ein Übernachtungsheim für Frauen und Kinder auf. Die Bahnhofsmission Aulendorf war geboren. Adelheid Kellermann wurde als Leiterin eingestellt. An ihrer Stelle ist heute Ulrich Köpfler mit einer Truppe von Ehrenamtlichen für die Organisation zuständig.
Zur Sorge um die Frauen und Kinder kam die Unterstützung aller Reisenden am Bahnhof. Erst nach der Währungsreform 1948 normalisierte sich die Situation. Anfang der 1950-er Jahre wurde das Übernachtungsheim aufgegeben, die Bahnhofsmission aber blieb bestehen und erhielt 1956 von der Deutschen Bundesbahn den Raum, wo sie bis heute zu finden ist.
Seither lag und liegt ihr Fokus auf der Hilfe für Reisende, etwa beim Ein- und Aussteigen, beim Fahrkartenkauf, bei der Reiseplanung, bei kleineren Dienstleistungen: z. B. für allein reisende Kinder, Familien, alte, kranke und behinderte Menschen, für Menschen aus anderen Staaten, etwa Arbeitsmigrantinnen, Spätaussiedlerinnen, Asylsuchende und Touristinnen, für Besucherinnen der zahlreichen Kurkliniken und Rehaeinrichtungen in Oberschwaben.
Derzeit sind es zunehmend Tagesgäste und Radfahrer*innen, die über die Unterstützung der Bahnhofsmission froh sind. Immer kamen und kommen auch Menschen, die weniger die praktische Hilfe suchten als ein offenes Ohr, Ansprache, Beratung, einen Ort für ihre Trauer und Sorge, einen Platz zum Sein. So ist die Bahnhofsmission Aulendorf ein Ort gelebter Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit.
Bahnhofsmission ist für alle Menschen da, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Orientierung. Sie versteht sich als Zeichen für ein friedliches und tolerantes Miteinander in einer Stadt. In diesem Sinne feiert die Bahnhofsmission – wenn auch wegen der Corona-Pandemie ein Jahr später - ihr 75. Jubiläum am 25. September ein Friedensfest.
Nach einer Erinnerung an den Einmarsch des französischen Heeres in Aulendorf durch einen jungen, damals 8-jährigen Zeitzeugen, vorgetragen von Antonia Kasten vom Museumsverein Traditio, und einer Ansprache des Aulendorfer Bürgermeisters Matthias Burth, der Köpfler und sein Team zu seiner Arbeit beglückwünschte, begleitet vom evangelischen Posaunenchors, der das Programm abrundete, war Gelegenheit zu Kontakt und Gespräch am Ende dieser Feierstunde.
Am Dienstag 15 Uhr folgt noch ein Vorlesenachmittag für Kinder im Hofgarten-Treff gefördert von der Kinderstiftung Ravensburg und Lesewelten. In Ravensburg gibt es viele andere Veranstaltung dazu, so gestern der Auftritt von „Kolektif Istanbul“ in der Zehntscheuer, die mit einer Mischung aus Weltmusik und Jazz das Publikum begeisterten.
Text und Bilder: Gerhard Maucher




