Aulendorf/Region – Besitzer von Hotels, Bars und Restaurants ächzen unter Corona. Seit Monaten geschlossen und keine Perspektive in Sicht. Jetzt macht Tübingen es vor. Geschäfte samt Außengastronomie sind nach erfolgreich absolviertem Schnelltest geöffnet. Auch ein Ausweg für andere Kommunen?
Nun, es ist ein wissenschaftlich begleiteter Versuch, begonnen bei Inzidenzen unter 50. Aber andere wollen auch. Ravensburg hat bereits beantragt, es Tübingen gleich zu tun. Im Kampf gegen Corona erhält die Modellregion Tübingen mit dem Konzept „Öffnen mit Sicherheit“ immer größere Bedeutung. Ärzte aus dem Schwarzwald fordern Gesundheits- und Sozialminister Manne Lucha auf, weitere Modelle gleich zu genehmigen und nicht erst zu warten, bis die Tübinger Ergebnisse ausgewertet seien. Sogar ein ganzes Bundesland, wenn auch ein kleines wie das Saarland, machen diese Öffnungsschritte nach. Ins Kino gehen, draußen vorm Café einen Latte Macchiato schlürfen, bis zu neun Freunde treffen: Am 6.04. startete dieser saarländische Modellversuch. Trotz steigender Corona-Zahlen fährt das Saarland das öffentliche Leben ein Stück weit wieder hoch.
Auch das Thema Impfen spielt im 2. Quartal eine große Rolle dabei. In Wuhan und Tel Aviv feiern die Leute schon. In den USA und in Chile ist mehr als jeder vierte geimpft. In Deutschland sind es etwas über fünf Prozent. Mit den Schnelltest sollen symptomlose Infektionen frühzeitig erkannt werden und damit weitere Ansteckungen verhindern. Die 7-Tage- Inzidenz steigt mit der Zahl der Tests und so ist es nicht verwunderlich, wenn in Tübingen sich die Inzidenz binnen einer Woche auf 66,7 verdoppelt..
Unklar ist auch die Bezahlung der Tests. Noch ist ein Test pro Woche frei, aber der Test kostet den Steuerzahler 15 Euro, sagt die Tübinger Ärztin Lisa Federle und das wird dauerhaft nicht bezahlbar sein. Jedenfalls, so Guido Zöllick, der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) „unseren Betrieben ist nicht zu vermitteln, dass die Bundesregierung einerseits Urlaub auf Mallorca wieder möglich macht, aber einen Besuch im Biergarten weiter nicht erlaubt.“ Das führe zu maximalem Frust in seiner Branche.
Aulendorfer Wirte
Was meinen Aulendorfer Wirte dazu und was geht nach den Osterferien, wo wir bei Frühlingswetter gerne draußen einen Cappuccino oder ein Weizen getrunken hätten. Dauerhaft schließen mussten in Aulendorf zum Glück kein Lokal. Wie steht es mit dem Personal? Kommt es zurück oder ist es schon in andere Tätigkeiten abgewandert.
Christa Elmar betreibt das Jägerhäusle am Atzenberg. Bis auf 3 bis 4 Mitarbeiter ein- oder zweimal die Woche in der Küche sind alle von gesamt 26 Mitarbeiter zuhause. „Drei Mitarbeiter haben wir bereits verloren, die in eine andere Branche gewechselt haben. Wir hoffen natürlich, dass wir bald wieder normal arbeiten dürfen. Allerdings so wie von der Politik vorgesehen nur den Außenbereich macht wenig Sinn.“
Oliver Spähn betreibt das Gasthaus Rad mit Ritterkeller und das Hotel Arthus. Zum Glück, so Spähn, „gibt es, entgegen anderen Kollegen keine einzige Kündigung.“ Alle Angestellte, bis auf die Azubis, sind in Kurzarbeit, das wirksamste Mittel neben Hilfszahlungen in der Krise.“ Nur den Außenbereich zu öffnen, sieht er wie Elmar als nicht praktikabel an. Aus den gleichen Gründen: Was ist bei Gewitter, bei Regen, wo sollen die Gäste hin. Seine dringende Bitte an die politischen Entscheidungsträger in Stadt, Land und auch die Bundeskanzlerin, die Länder und Kommunen mit in die Pflicht nimmt: „Hört auf mit diesen kurzfristigen Entscheidungen. Bitte organisiert, wie es weitergehen soll, mit Vorbereitungen einer Teststrategie, der LucaApp“. Das sollte parallel zum Lockdown geschehen. Mit abwarten muss jetzt ein Ende sein, so Spähn.
Er habe sein Personal ruckzuck wieder am Start. Flo Angele rechnet mit einer Öffnung Ende Mai, also nach Pfingsten und meint, viele seiner Kollegen denken so. Eine coronabedingte Kündigung gab es in seinem Betrieb, der Schlossbrauerei Aulendorf, seine Restaurantleiterin kündigte letztes Jahr im Mai, für den Service sucht er noch Personal, eine neue Köchin fängt am 15. April an. Es sei schwierig, richtig zu planen, weil die Ansage fehlt, wie es weitergehe. Und gerechter wäre es mit einem Lockdown, bei dem alles zu macht. Außerdem bemängelt er den Umgang mit der Pandemie , dass diese sich in Wellen wiederholt wisse man längst und ein Plan dafür sollte in der Schublade des Gesundheitsministers liegen. Wie Spähn und Elmar und aus den gleichen Gründen läßt er lieber die Gaststätte zu, als nur den Außenbereich zu öffnen. Eine Zugangs-App zum Lokal müsste auf alle Fälle einheitlich sein, ob jetzt Luca, die noch Schwächen aufweist oder die Corona-App, die diese Funktion noch garnicht hat, so Angele.
Im Cafe-Restaurant-Reck führt Metin Türkmen mit seiner Frau einen Familienbetrieb und kann in dieser personellen Konstellation den Betrieb weiter führen. Eine Küchenmitarbeiterin hat gekündigt, eine Service-Mitarbeiterin hat er gekündigt und das Essen auf Abholung laufe derzeit „nicht so schlecht.“ Für die Außengastronomie überlegen sie eine Überdachung und den Einlass regeln sie schon mit einer eigenen App, verbunden mit der Email.
Eine Terrassenüberdachung hat das Irreal schon und ein Zelt für schlechtes Wetter. Nützt aber wenig, solange noch alles geschlossen bleiben muss. Oliver Jöchle rechnet mit einem Beginn ab Mitte Mai , zum Beginn mit Auflagen und ab Juni normal. Auch die Planungen mit dem Personal müssen neu begonnen werden und außerdem sei es auch nicht sicher, ob seine Stammgäste alle wieder kommen.
Andere Lokalitäten wie das vom Brand betroffene Gasthaus Krone, der Heuboda, das Ristorante zum Mohren, das Hotel Engel, das Wirtshaus Alte Apotheke oder das Bistro Kaktus hatten auf die Anfrage entweder nicht geantwortet oder waren nicht zu erreichen.
Gründe für eine Abwanderung von Personal könnten auch der Verdienst dabei sein, wenn man weiß, dass Arbeitnehmer in Call-Centern und im Hotel- und Gaststättengewerbe mit 29391 bzw. 28963 Euro Jahresverdienst das Schlusslicht der Tabelle bilden, so der aktuelle Gehälter-Atlas 2021.
Wer vollständig gegen das Coronavirus geimpft ist, kann nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in den nächsten Wochen bestimmte Freiheiten zurückbekommen. "Wer geimpft ist, kann ohne weiteren Test ins Geschäft oder zum Friseur. Zudem müssen nach Einschätzung des RKI vollständig Geimpfte auch nicht mehr in Quarantäne", sagte der CDU-Politiker .Oliver Jöchle vom Irreal, ein Pub und Sports-Bar, hat dazu eine klare Meinung: „Es wäre wohl zu viel verlangt, dass bis alle Menschen ein Impfangebot erhalten haben und dies auch bis zum vollständigen Schutz wahrnehmen konnten, die gesamte Gesellschaft die gleichen Einschränkungen ertragen sollte.“
Bisher mussten vor allem die am wenigsten Gefährdeten, also die jüngeren diese Solidarität seit 13 Monaten ausüben, indem sie die sozialen Kontakte und ein soziales Leben mit Feiern, Restaurantbesuchen, Abibällen, Partys, Konzerte, Reisen, usw. einschränken oder gar komplett einstellen mussten, um die Risikogruppen zu schützen. Jetzt, wo die Gefährdetsten weitestgehend geschützt sind, sollen diese alles machen dürfen, was dann die jüngeren noch monatelang nicht dürfen. Die Kosten der Pandemie werden ebenfalls zum Großteil durch zukünftig höhere Sozialabgaben und Steuern von den jüngeren getragen werden. Das ist rechtlich sicherlich in Ordnung, aber nicht solidarisch. Wenn man die Solidarität in einer Gesellschaft zerstören will, dann mit solchen Vorschlägen, meint er zum Vorschlag von Gesundheitsminister Spahn. Wie Therapeuten bestätigen, sind besonders junge Menschen in ihrer psychischen Gesundheit durch die Pandemie betroffen. Schlaflosigkeit, Stress, depressives Verhalten und Zukunftsängste sind die Folge.
FDP- und SPD-Politiker wie Karl Lauterbach unterstützen Spahn, denn es gehe nicht um Privilegien für Geimpfte, sondern Geimpfte erhalten, da sie nicht ansteckend sind und keine Gefährdung darstellen, ihre Freiheitsrechte zurück. Lucha weist alle weiteren Anträge auf Corona -Modelle, über 50 an der Zahl, zurück und angesichts eines Infektionsgeschehens mit Inzidenzen über 100 will nun die Regierung für diesen Fall die Infektionsschutzgesetz in den nächsten Tagen selbst verändern, bzw. verschärfen und mit einer strikten Regelung versehen.
Text und Bilder: Gerhard Maucher






