Aulendorf - Am 2. Januar 1946 nahm die Bahnhofsmission Aulendorf ihren Betrieb in Form der Einrichtung eines Übernachtungsheims für Frauen und Kinder auf. Seit 75 Jahre ist die Bahnhofsmission nun schon Helferin für Reisende und andere Menschen in Not. Das Jubiläumsfest muss coronabedingt aber ausfallen.
Eine schlimme Zeit, das Jahr 1945. Während europaweit die Menschen schon während des Krieges und der deutschen Besatzung größte Not litten, wurde in der schwäbischen Provinz das ganze Ausmaß des Elends erst mit dem Kriegsende und dem Zusammenbruch der Kriegswirtschaft offenbar. Zur materiellen Not kam die seelische: Angst vor den Besatzungsmächten; Unsicherheit über die Zukunft; Sorge um die Angehörigen, die vermisst wurden oder krank waren.
Der Bahnknoten Aulendorf, am 24. April 1945 nahmen französische und marokkanische Soldaten den Ort ein, war ein Brennpunkt dieser Not. Täglich kamen Soldaten, Flüchtlinge und Ausgebombte an, ebenso bisherige Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangene und Lagerinsassinnen. Wegen der kriegsbedingt zerstörten Infrastruktur und mangelnder Versorgung mit Kohlen, mussten massenhaft Durchreisende in Aulendorf übernachten.
Gaststätten, Pensionen und Notquartiere waren in den ersten Monaten und Jahren immer voll, manche Menschen schliefen anfangs sogar auf den Gehsteigen. Für Frauen und Kinder war die Situation besonders prekär. Wohl auf Initiative des Aulendorfer Stadtpfarrers Hetzler trafen sich Verantwortliche von Kirche und Kommune am 1. September 1945 mit Margarete Mayer vom Katholischen Mädchenschutzverein, heute IN VIA mit Sitz in Stuttgart, um über die Gründung eines Übernachtungsheims für Frauen und Kinder zu sprechen. Schließlich wurde die gelernte Kinderkrankenschwester Adelheid Kellermann dazu eingestellt, um sich um den Aufbau und Betreuung des Heimes zu kümmern. Sie war somit die erste und langjährige Leiterin der Bahnhofsmission Aulendorf.
Zwei Tage vor der geplanten Eröffnung am 2. November 1945 beschlagnahmte die französische Militärregierung die bereits eingerichteten Räume im Wirtschaftssaal des Brauhauses. Auf Intervention des Landrats konnten daraufhin im Post- und Telegraphenamt (ehem. NSDAP-Parteigebäude) ein kleiner Schlafsaal mit Stock- und Kinderbetten (20 Schlafplätze) sowie ein Zimmer für Leitung und Küche eingerichtet werden.
Am 2. Januar 1946 wurde der Betrieb des Übernachtungsheimes aufgenommen, nachdem im Dezember die Räume renoviert und bereits zuvor Teppiche, Kochgeschirr, Möbel, Lebensmittel und Heizmaterial gespendet worden waren. In den ersten Monaten war der Schlafsaal ständig überfüllt war; teilweise wurde im Sitzen geschlafen.
Ebenso konnte im Januar 46 eine kleine Holzbaracke am Bahnhof aufgestellt werden, die als Anlaufstelle für Neuankömmlinge diente. Vier katholische und drei evangelische Helferinnen waren dort im Einsatz. Bald musste eine zweite hauptamtliche Kraft eingestellt werden.
Neben der Versorgung kümmerten sich die Helferinnen um das gesundheitliche Befinden der Frauen und Kinder, die durch Mangelernährung und Krankheiten geschwächt waren, und vor allem auch um deren seelisches Wohlergehen: Angst um die Zukunft, Furcht vor Gewalt und Sorge um die vermissten Angehörigen standen den Anvertrauten ebenso ins Gesicht geschrieben wie Kummer um verstorbene Mitmenschen, Trauer über die verlorene Heimat, Scham und Schuld angesichts der Schrecken des Krieges und des eigenen Verhaltens.
Im Laufe des Jahres 1946 etablierte sich auch die "klassische" Hilfe der Bahnhofsmission für Reisende am Gleis. Erst nach der Währungsreform1948, als die Übernachtungszahlen deutlich zurückgingen, wurde das ihre vorrangige Aufgabe. So wurde im Januar 1949 im Gasthaus Real ein Zimmer mit sechs Betten bezogen. Darüber, wann die Übernachtungen ganz eingestellt wurden, gibt es keine verlässliche Angabe.
Wie so oft, waren die ersten Jahre die turbulentesten. Dennoch hat die Bahnhofsmission trotz aller Veränderungen nichts an ihrer Sinnhaftigkeit eingebüßt. So rückten im Laufe der Zeit immer wieder neue Personengruppen in den Fokus: Schülerinnen und Schüler, sog. Gastarbeiter, Kurgäste, sozial Bedürftige, Spätaussiedlerinnen, DDR-Bürgerinnen, Geflüchtete. Die Sorge um die materielle Not und das seelische Wohlbefinden der Menschen prägt bis heute die Arbeit der Bahnhofsmission, die im August 1956 einen neuen Raum am Bahnhof bezog, der bis heute ihr Quartier ist.
Die Gründung vor 75 Jahren wollte die Bahnhofsmission, ihr Team mit den Ehrenamtlichen und ihr Träger IN VIA, mit den Menschen aus Aulendorf und der Region Oberschwaben feiern, ihrer Geschichte gedenken und sich der gemeinsamen Erfolge freuen. Die für den September 2020 geplante Feier wurde auf den Januar 2021 verschoben, muss aber nun wegen der Corona-Einschränkungen ganz entfallen. So bleibt die Hoffnung, zum 80-Jährigen das Jubiläumsfest „nachholen“ zu können.
Presseinformation Ulrich Köpfler, Leiter der Bahnhofsmissionen Aulendorf und Biberach

