Aulendorf (dbsz) - Am heutigen Fasnetssonntag (19.2.) wurde in der Stadtpfarrkirche St. Martin in Aulendorf wieder Narrenmesse gefeiert. Zelebrant war in Vertretung von Pfarrer Anantham Pater Jonas SVD. Die Narrenpredigt hielt Diakon Schillinger in Versform. Einer der Väter der Aulendorfer Narremesse war Waldemar Münst. In Erinnerung an diesen tüchtigen Zunftmeister, der kürzlich im Alter von 94 Jahren verstorben ist, veröffentlicht die Bildschirmzeitung „Der Aulendorfer“ einen Bericht über die Narrenmesse des Jahres 2004. Entnommen ist der Text dem Buch „Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben“ von Gerhard Reischmann.
Was für ein Bild schon beim Einzug! Mit Kreuz und Fahnen, die Ministranten im Häs, der Hofstaat, der Zunftrat im roten Ornat, mit Pfarrer, Vikar und Ehrenzunftmeister, dazwischen die Narreneltern – so zieht man durchs Hauptportal ein und als die Prozession sich im Chor dem Allerheiligsten nähert, da macht Ehrenzunftmeister Waldemar Münst eine Kniebeuge und nimmt die Narrenkappe ab. Pfarrer Dr. Josef Utz begrüßt die bunt gewandete Gemeinde mit „Ha, ha, ha“ – worauf es im Chor zurückschallt: „Jo, wa saischt au“ – und dankt der frommen Schar fürs Kommen, denn „auch in diesen wilden Tagen hat Gott, der Herr, Ui was zu sagen.“ Die Lesung wird dem Buch Ezechiel entnommen, in dem es heißt: „Ich entferne das Herz aus Stein aus eurem Leib und gebe euch ein Herz von Fleisch.“
Gereimte Predigt
Dieses Thema – das fröhliche Herz – greift der Dekan in seiner gereimten Predigt auf. „A nuis Herz will Gott eis geba und domit au des wahre Leba. Ond wemma moint, es ging au ohne, den holt das Leba schnell vom Throne.“ Wie es sich für eine Narrenpredigt gehört, findet sich darin auch Ernstes, Mahnendes. Egal ob krank oder alt, ob jung oder von hässlicher Gestalt, „ob deutsch oder au it“ – das mitfühlende, mitteilende Herz gelte jedem. Auch einen Bezug zur aktuellen gentechnischen Debatte stellt Dr. Utz her: Gottseidank könne man das Herz nicht klonen, darauf gebe es kein menschengemachtes Patent. „Wenn jed’r auf die Schtimm do hert, dia er im Innerschta erfährt“, und dabei zeigt der Priester auf seine Brust, dann könne man getrost in die Zukunft schauen. „Des Herz schpricht do a ernschtes Wort und mit ihm schpricht auch Gott oft dort.“
Meditative Fürbitten
Die Fürbitten verlesen Rätsch und Tschore, ein Fetzle, ein Schnörkele und eine Eckhexe; zur Gabenbereitung bringen die Vertreter der fünf Originalmasken Symbolisches zum Altar. Rätsch und Tschore kommen mit Wein und Waldemar Münst spricht in meditativen Erläuterungen: „Im Wein liegt Wahrheit und wir wollen und sollen die Wahrheit sagen.“ Die Fetzle („Lebendig wie die Fischlein im Wasser“) bringen einen Fisch als Symbol der Eucharistie und die Schnörkele einen Laib Brot. Münst: „Die Schnörkele teilten in den Hungerjahren nach dem Krieg Schnörkele (ein Laugengebäck) als besondere Gabe aus. Heute bringen wir dieses Brot zum Tisch des Herrn. Wer Brot hat, der kann leben. Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens.“ Als die Eckhexe eine Kerze zum Altar bringt, da heißt es: „Die Eckhexen halfen nach den Vorstellungen unserer Vorfahren den Winter vertreiben. Wir sollen und wollen das Böse hinwegfegen. Wir haben das Licht ausgewählt.“ Die Kollekte, zu der auch die Narrenzunft ihr Scherflein beiträgt, gilt der Restaurierung der Friedhofskapelle. Vor der Wandlung erklingt, angestimmt und mächtig begleitet von der Stadtkapelle, das „Großer Gott“: „Alles, was Dich preisen kann, Kerubim und Serafinen stimmen Dir ein Loblied an. Himmel, Erde, Luft und Meere sind erfüllt von Deinem Ruhm, alles ist Dein Eigentum.“ Zum Vaterunser kommen die kleinen „Mäschkerla“ nach vorne, reichen sich die Hand und bilden einen Kreis um den Altar. Am Schluss der beeindruckenden Feier dankt Waldemar Münst, dem von Seiten der Narrenzunft die Mitgestaltung der Narrenmesse obliegt, dem Dekan mit herzlichen Worten: „Liab’r Gott, was sind mir doch an dem Pfarrer froh!“ Prasselnder Beifall.
Blick auf Aschermittwoch
Und dann richtet der Ehrenzunftmeister den Blick über den närrischen Tellerrand: „Scho ab Aschermittwoch sind m’r wied’r in d’r Faschtazeit ond i hoff, zua dem Termin sind Ihr zum Äsche-Streua alle bereit.“ Auch Dekan Utz lässt nicht unerwähnt: „Der Aschermittwoch ist Fast- und Abstinenztag.“
Doch noch ist nicht Aschermittwoch. Unter den Klängen des ABBA-Hits „Thank you for the music“ zieht die fröhlich-fromme Gemeinde aus. Die ersten Eckhexen schieben sich die Larven übers Gesicht und springen durchs Städtle. S isch Fasnetssonntig. 
Geistlicher Vater der Aulendorfer Narrenmesse war Pater Hans Ettinger (rechts). Der Steyler Missionar hatte als Aulendorfer Kaplan und Jugendseelsorger 1982 erstmals in St. Martin eine Heilige Messe unter Mitwirkung der Narrenzunft zelebriert. Eigens war beim Ordinariat in Rottenburg eine Genehmigung eingeholt worden, dass Pater Hans seinen Narrenorden auf dem Messgewand tragen darf. Der später im saarländischen St. Wendel wirkende Priester kam, solange es seine Gesundheit erlaubte, stets zur Hochfasnet nach Aulendorf – hier im Häs einer Eckhexe. Unser Bild entstand in der Fasnet 2004. Aulendorfs Zunftmeister Klaus Wekenmann dankt dem fröhlichen Pater herzlich für die Verbundenheit mit dem Aulendorfer Brauchtum. Die allererste Aulendorfer Narrenmesse war am 15. Februar 1981 abgehalten worden – seinerzeit im Festzelt und noch nicht in St. Martin. Zelebrant war Stadtpfarrer Kohler, Zunftmeister Münst sprach ein gereimtes Dankeswort – damals noch auf Hochdeutsch. Pater Ettinger hat dann im Jahr darauf auf Schwäbisch gepredigt. Pfarrer Dr. Josef Utz, der im Sommer 1985 investiert wurde, hat diese Tradition fortgeführt. Auch seine Nachfolger lieben diese Tradition. Archivbild: Peter Herbst

Einen Ministranten mit Rauchfass in der Hand und Eckhexen-Larve auf dem Rücken sieht man nur in Aulendorf. Unser Bild entstand am „Fasnetssonntig“ des Jahres 2005. Archivbild: Uli Gresser

Hästräger – hier ein Fetzle – bringen ihre Gaben zum Altar. Links im Bild Pfarrer Dr. Josef Utz. Im Bildhintergrund Ehrenzunftmeister Waldemar Münst, der zur Gabenbereitung meditative Texte vorträgt. Archivbild (2005): Uli Gresser

Waldemar Münst (1928 – 2022) hat Ablauf und Inhalt der Aulendorfer Narrenmesse maßgeblich geprägt. Archivbild: Narrenzunft Aulendorf
Vorstehender Text und die Bilder (abgesehen vom Porträt Münst und dem aktuellen Foto von der Narrenmesse 2023) sind dem Buch „Menschenskinder – Notizen aus Oberschwaben“ von Gerhard Reischmann entnommen. Das Buch ist vergriffen. Man kann es nur noch antiquarisch erwerben. Einige Stadtbüchereien in Oberschwaben – so in Bad Waldsee, Bad Wurzach, Leutkirch, Wangen und Ravensburg – führen es in ihrem Bestand.

